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LINZ/Landestheater: DIE CSARDASFÜRSTIN,von Emmerich Kálmán: Premiere.

24.10.2026 | Operette/Musical/Show

Jaj Mamám, Bruderherz ich kauf mir die Welt – in Linz unbezahlbar und so lustig wie schon lange nicht Kálmáns „Csárdásfürstin“ in einer schwungvollen, äußerst unterhaltsamen Produktion im Linzer Musiktheater, neu inszeniert von Thomas Enzinger als großartige Zeitspiegelung einer vergangenen Welt

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Carina Tybjerg Madsen. Foto: Barbara Palffy

Das aufgabenschwere Genre, die „Operette“, stellt jede Bühne unweigerlich auf die Probe. Speziell bei der Inszenierung stellt sich immer die Frage, belässt man das Werk in seinem Urzustand, oder versetzt das Geschehen in die Gegenwart. Was im Falle der „Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán, die darzustellende Zeit der Entstehung einzufangen, besonders signifikant vorherrscht. Wie in keinem anderen Werk dieses Genres ist in diesem Stück der untergehenden Welt der Monarchie ein Handlungsspiegel vorgehalten.  Die Menschen, vor allem die Adeligen,  scheinen den bevorstehenden Untergang oder zumindest eine Veränderung zu ahnen.

Der 1882 in Siofok am Plattensee in Ungarn geborene Komponist Kálmán begann seine Operette in drei Akten von Leo Stein und Bela Jenbach im Jahre 1914, setzte aber  die Arbeit gleich 1915 fort, so dass die Uraufführung 1915 am Wiener Johann-Strauß-Theater stattfinden konnte. Dass das Werk ein Riesenerfolg wurde, war kein Wunder, zählt es doch zu den am besten geschriebenen Operetten der Musikgeschichte. Genau das war nicht nur Anreiz für eine Neuausrichtung des Stückes von Thomas Enzinger für das Linzer Musiktheater. Aber noch viel mehr. Der 63jährige Intendant des Lehár Festivals in Bad Ischl Thomas Enzinger, einer der gefragtesten Regisseure im deutschsprachigen Raum,  liebt das Stück besonders, hat es schon oft inszeniert und diesmal ganz bewusst mit der Absicht, sich nicht zu wiederholen, sich etwas Neues einfallen lassen. Ganz zum Vorteil für die Produktion, wie sich herausstellte. Das Publikum ließ er an seinem Experiment teilhaben, indem er es  zum Nachdenken über die historischen Bezüge zur Handlung anregt . Enzinger befindet sich mit seiner Auslegung zeitlich im korrekten Rahmen, und erreicht durch die geschickte Verquickung der Zeiten  genau den richtigen Bezug zum Heute. Aber ohne Überraschung sollte  sein Plan nicht aufgehen. So dichtete er nicht nur neue Texte, griff dazu auch auf Kálmáns Musik aus anderen Operetten zurück, sondern erweiterte die Besetzungsliste durch einen sogenannten „Todesengel“. Gedacht ist an eine nach verschiedenen religiösen Ansprüchen unbestimmt einzuordnende Figur mit dem Namen Azrael , die bühnenpräsent durch die Szenen geht. Diese agiert nicht nur als Kommentator, Conferencier, Oberstleutnant Rohnsdorff, Notar und Kellner, sondern verfolgt mit scharfer Zunge den ganzen Stückverlauf auf der Bühne.  Dort geht der Spaß ungestört weiter in Gegenwart von Martin Achrainer, der sein bewährtes schauspielerisches und gesangliches Repertoire in weißen wallenden Kleidern mit Federsaum ohne Flügel für seine vielfältigen Aufgaben einsetzt. Ein Sonderapplaus für eine Soloeinlage ist ihm dennoch erspart geblieben. Azrael treibt di Handlung spannend voran, man gewöhnt sich an ihn. Und mag auch daran erinnern, dass für die Csárdásfürstin“ die Todessehnsucht, hier verknüpft mit der Liebe, eine andere in Text und Musik enthaltene Komponente zählt, nämlich jene, die der Operette im Hintergrund auch einen tieferen Sinn gibt. („So lange sich der Globus dreht“ oder „Ganz ohne Liebe geht die Chose nicht“).

Die überaus gelungene Produktion hat zum Glück viele positive Seiten, die en suite wirksam werden.

Am meisten zu bewundern und unterhalten sind insgesamt aller rhythmischer Schwung, ein vorwärts drängender Drive, eben das ungarische Temperament in seiner Echtheit, was den ganzen Abend nicht besser gelingen hätte können. Für das richtige Gespür dieser Musik, von der die Couplets und jede Melodie ein Schlager ist, garantiert der für Linz neue Kapellmeister Daniel Reith am  Pult des Bruckner Orchesters . Die Bühne hat Dieter Richter luxuriös ausgestattet und mit Hilfe der Drehbühne für den Wechsel der Schauplätze (Variete, Wien, Hotel Savoy) praktisch eingerichtet.

Die mitwirkenden Singschauspieler agieren mit auf die Operette spezialisierten Leistungen. Man will ja keinen und keine mehr loben. Aber die „Csárdásfürstin“ ist trotz ihres Titels eine Operette der Männer: Alfred Rauch Fürst von und zu Lippert-Weylersheim Leopold Maria und Gotho Griesmeier als seine Frau Anhilte geben das standesbewusste Ehepaar, das ihren Sohn Edwin Ronald, Matjaz  Stopinsek, ein Bonvivant wie geboren für die Operette, adelig unter die Haube bringen will, als Komtesse Stasi liebt Fenja Lukas immer den Falschen, Jonathan Hartzendorf hilft als Graf Boni Káncsiánu dem Traumpaar aus dem gekonnt gespielten Heiratsschwindel, Christian Drescher entspricht als Feri von Kerekes der Charakterrolle eines Feri bácsi von Format, der über den Dingen steht. Und aus der Männerriege herausragend spielt Carina Tybjerg Madsen die echte und falsche Chansonette Sylva Varescu durch alle Enttäuschungen hindurch mit der Überlegenheit ihrer qualifizierten Stimme. Die prachtvollen, kostbaren Kostüme von Götz Lanzelot Fischer sprechen Bände von Luxus und sind eine Augenweide. Die eingeblendeten Videoaufnahmen (David Panhofer) verraten Geschmack und Wissen. Der Chor, einstudiert von Franz Obermair, bewährt sich perfekt als aktiver Mitträger der Handlung, TANZ LINZ mit Gästen ergänzt (Choreografie Evamaria Mayer) tanzt mit Begeisterung und lustvoller Freude. Es muss ja nicht immer ein Csárdás sein, bei dem sogar dem Zuschauer bei der Rasanz die Luft wegbleibt. Kálmáns umwerfender Melodienreichtum macht am Ende alle auch mit falschem Adelstitel glücklich.

Als der Schlussvorhang hochging, brach vulkanartig ein Jubel aus, der mich bis nach Hause begleitete. Bravissimo allen Mitwirkenden an einer solchen Lebenserhaltung der totgeglaubten Operette.

 Georgina Szeless
Kulturjournalistin

 

 

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