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LINZ/ Landestheater: DER GRAF VOM LUXEMBURG – Operette von Franz Lehár. Premiere

am 15.10. (Petra und Helmut Huber)

16.10.2021 | Operette/Musical

Linz: „DER GRAF VON LUXEMBURG“ – Premiere am Musiktheater des Landestheaters, Großer Saal, 15. 10.2021

Operette in drei Akten von Alfred Maria Willner und Robert Bodanzky, Musik von Franz Lehár

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Matjaz Stopinsek und Ensemble. Foto: Barbara Palffy für Landestheater

Das vor 112 Jahren erschienene Werk, in Linz erstmals am 5. Februar 1910 zu erleben, war nicht unbedingt ein Liebkind seines Komponisten, stellte sich aber schon in den 300 Aufführungen der Ur-Produktion im Theater an der Wien als großer Erfolg, der sogar der „Lustigen Witwe“ nahe kam, heraus.

Die Inszenierung des aktuellen Lehár-Festival-Chefs Thomas Enzinger beläßt das Werk in der ursprünglichen Zeit und am Schauplatz Paris. In der – wohl berechtigten – Annahme, daß die Grundidee mit dem notwendigen „ranggestuften Hochheiraten“ dem Großteil des heutigen Publikums nichts sagt, wurden kleine Änderungen in der sozialen bzw. beruflichen Position der Angèle eingeführt. Der zweite Akt wurde in dieser Intention noch etwas ausgebaut (durch zwei Einlagen aus Lehárs „Clo-Clo“ von 1924) und wird durch die Pause geteilt – wir sehen also eine bislang so nicht bekannte Version des Werkes. In diesem Sinne wurden auch, durchaus behutsame, Textänderungen vorgenommen – Dramaturgie Magdalena Hoisbauer und Anna Maria Jurisch. Einziger heftiger, wenn auch sehr witziger, Anachronismus ist ein „Polka-Rap“ (samt Falco-Anklängen) des Basil gegen Ende des 2. Aktes. Das Gesamtresultat ist jedenfalls sehr unterhaltsam und vermeidet Längen – obwohl die Aufführungsdauer incl. Pause 2 h 45 min beträgt.

Schon beim Eintreffen im Saal, lange vor Balduin Sulzers „Klingel“, ist einiges los: die acht Tänzerinnen und Tänzer (Katharina Glas, Mireia González Fernández, Jacqueline Lopez, Beatriz Scabora, Helena Sturm, Urko Fernandez Marzana, Hodei Iriarte Kaperotxipi, Filip Löbl), angetan in weißer, berüschter Unterwäsche, wie auf den Bildern von Edgar Degas, sind auf der Vorbühne, in Logen und im Parterre, eifrig dabei, ein farbenprächtiges Bild auf den Szenenvorhang zu „malen“ (Projektionen: Andreas Ivancsics). Aus Farbflecken, wie man sie vom späten Monet oder Renoir kennt, schält sich deutlicher und deutlicher ein impressionistisches Karnevalsbild heraus. Nebenher werden auch Personen aus dem Publikum portraitiert, so auch die Berichterstatter… Als dann die für 1909 durchaus neutönerisch gehaltene Ouverture einsetzt, fährt das Bühnenlicht langsam hoch – und siehe da: die „Malerei“ hat die Szenerie ziemlich genau erfaßt!

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Potrait der Berichterstatter (siehe oben). Foto: Petra und Helmut Huber

Ironie des Spielplans (jedoch in Kenntnis des guten Verhältnisses von Lehár und Puccini kein Zufall) ist, daß wir uns im ersten Bild in einer recht bescheidenen Pariser Künstler-Dachwohnung befinden, wie bei der „Bohème“-Premiere vor knapp drei Wochen. Die an die Wände gelehnten Gemälde demonstrieren auch die Handlungszeit, mit Werken von Lautrec bis Picasso (z. B. „Les Demoiselles d’Avignon“ von 1907). Der zweite Akt ist geradezu schwelgerisch mit Pariser Jugendstil- und Music-Hall-Flair ausgestattet, wobei die große Drehbühne eindrucksvolle Raumtiefe zeigt. Das Grand Hotel der dritten Aktes fällt dagegen nüchtern aus, was mit dem für manche Personen ernüchternden Handlungsverlauf korreliert, zeigt dabei mit seinem Zebrafell-Design zeitplausibles kolonial-exotisches Flair (Bühne: Bernd Franke). Nur ein paar Lichteffekte sind eher von heute als von 1909, freilich ohne den Gesamteindruck zu stören. Die Kostüme (Götz Lanzelot Fischer) fußen zwar ebenso auf der Zeit vor der „Grande Guerre“, unterstreichen teils aber mit ihrer Paillettenpracht den show-Charakter der Produktion. Auch der große Fundus des Hauses hat mitgespielt: eines der Faschingskostüme erinnerte uns vehement an Rameaus „Platée“ der Saison 2009/2010.

Die Personenführung unterstreicht die in den Texten beschriebenen „inneren“ Vorgänge, manchmal mit einem kurzen Innehalten bei Arien oder Ensembles, ist ansonsten beweglich und natürlich-handlungsbezogen. Auch die „Passarelle“ wird gerne genutzt, für die vorderen Reihen sozusagen Bühnengeschehen in Großaufnahme… Einziger Ruhepol, nicht als running, sondern als sitting gag, ist ein der Lesesucht verfallener Herr, der ungeachtet der um ihn tobenden Turbulenzen Seite um Seite verschlingt – freilich kann sogar dieser Figur irgendwann etwas über die Hutschnur gehen!

Die  Tänzerinnen und Tänzer bewähren sich nicht nur, auch bei Aktwechseln, in der „bildenden“ Kunst, sondern tauchen in allen möglichen und unmöglichen Formen und Rollen auf: manchmal ist das etwas des Guten zuviel, meist aber auf den Punkt unterhaltsam bis witzig – als highlights seien die düsteren Rapper und das Hotelpersonal (etc.) genannt; Choreografie Evamaria Mayer.

Die Titelfigur wird von Matjaž Stopinšek gespielt und gesungen. Hier sind wir noch 20 Jahre vor der ersten „Tauber-Rolle“ – der gräfliche Hallodri mit dem wachsweichen Herzen fordert einen lyrischen Tenor, und den gibt Herr Stopinšek durchaus überzeugend, samt erstklassiger Diktion, auch in den Sprechstellen. Leider würgt ihn zweimal beim Ansatz eines hohen Tons der Frosch. Premierennervosität? Ansonsten wäre nämlich keine Stimmbeeinträchtigung zu bemerken gewesen…

Angèle Didier, Sängerin und (in dieser neuen Fassung) Theaterunternehmerin: Ani Yorentz (a. G., aktuell in Kassel verpflichtet); dominante, elegante Erscheinung, ihrer Rolle entsprechend. Ebensolches gilt für ihre Stimme: druckvoll, ohne Schärfe, beweglich, in keinem Register Schwächen, wortdeutlich.

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Alfred Rauch, Ani Yorentz. Foto: Barbara Palffy für Landestheater

Alfred Rauch (Fürst Basil Basilowitsch) ist ein unterhaltsamer Charaktertenor, der die von Max Pallenberg kreierte Rolle mit Witz und ohne zu outrieren ausfüllt. Neben vielen anderen köstlichen Momenten bringt er den Saal als Rapper zum Toben. Bemerkenswert, wie quasi organisch diese Szene in die doch ganz anders gestrickte Lehár’sche Welt eingefügt ist!

Gräfin Stasa Kokozow bekommt in der vergnüglichen und nachdrücklichen Interpretation durch Franziska Stanner nicht nur die vom Zaren verliehene Autorität, den auf korrupt-morganatische Abwege geratenen Basil wieder in das gegebene Adels-Comment zurückzustauchen, sondern darf auch in der aktuellen politischen Situation wahrhaft (wenn auch seitlich) naheliegende Extempores präsentieren – auch das zum großen Vergnügen des Publikums. Ihr präziser Begleitpianist in der Hotellobby: Claudio Novati.

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Fenja Lukas, Johannes Strauß. Foto: Barbara Palffy für Landestheater

Das romantische Buffopaar Armand und Juliette wird vom Gast aus Dresden, Johannes Strauß (2019 in Linz ein sehr guter Belmonte), und Fenja Lukas mit ansteckendem Vergnügen und gepflegten Stimmen gegeben, letztere durchaus auf Augenhöhe mit Angèle.

Basils bedrohliche Begleiter: Tomaz Kovacic und Domen Fajfar – samt Ulf Bunde (Pélégrin, Standesbeamter) ein reines Vergnügen, ebenso wie Markus Raab (Concierge).

Marc Reibel steht am Pult und sorgt für die richtige Mischung aus Brillanz und Lyrik – nicht etwa (zu) dick aufgetragene Sentimentalität. Das Bruckner Orchester Linz (in Johann-Strauss-Besetzung) folgt ihm, und das Resultat ist strahlender, prickelnder, bestens definierter Operettenklang. Auch der Chor des Landestheaters (Leitung Elena Pierini) macht seine Sache perfekt.

Viel Szenenapplaus und schließlich Jubel seitens des Publikums, der ausdrücklich auch das Produktionsteam einbezog, für eine rundum gelungene Aufführung.

Petra und Helmut Huber

 

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