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LINZ/ Landestheater/Black-Box: WINTERREISE – visualisiert

21.01.2019 | Oper


Martin Achrainer. Foto: Reinhard Winkler/ Landestheater

Linz:„WINTERREISE“– Premiere am Musiktheater des Landestheaters, BlackBox, 20. 01.2019

Visualisierter Liederzyklus aus Gedichten vonWilhelm Müller, Musik von Franz Schubert

Als Franz Schubert 1827 diesen Liederzyklus nach Lyrik des anderwärts als „Griechen-Müller“ (bezogen auf dessen Gedichte zum Freiheitskampf der Hellenen gegen die Osmanen) bekannten Dichters präsentierte, reagierten seine Freunde mit Ratlosigkeit. Zu roh, zu dunkel, zu schwer verdaulich. Nur der „Lindenbaum“ fand sofort Gefallen und ist bis heute sozusagen der Inbegriff des Deutschen Liedes, ja, des Liedes schlechthin.

Die Gedichte waren bei Müller anders geordnet. Heute, so auch bei dieser Aufführung, gilt aber die Schubert‘sche Reihenfolge, die durch den düsteren „Leiermann“ am Schluß den Zuhörer ohne Trost zurückläßt. Und: „Dur hat wasTrügerisches, gilt in diesem Zyklus nur in der Vergangenheit“, meinte Hermann Schneider im Radio-Kulturcafé am 19. 1. vormittags auf Ö1. Warum, aus welcher künstlerischer Notwendigkeit, er sich dieses Projekt vornahm, das auch einige elektronische Klangeinschübe umfaßt, ließ er uns aber nicht wissen. Ein ähnliches Projekt (Matthias Goerne, Markus Hinterhäuser, als Regisseur und Bebilderer William Kentridge) gab es bei den Wiener Festwochen 2014 – damals war allerdings die Absicht, über die Liedtexte hinausreichende Assoziationen einzubringen .Die aktuelle Inszenierung von Intendant Hermann Schneider (Bühne, Kostüme, Rauminstallation und Video Falko Herold und Patrick Bannwart, dramaturgisch betreut von Anna Maria Jurisch) möchte hingegen nahe am Werk bleiben.


Martin Achrainer. Foto: Reinhard Winkler/ Landestheater

Die Bühne in der Black Box ist mit Schneegrieß am Boden eingerichtet, die Hinterwand zeigt sozusagen leichte Nebelschwaden vor schwarzem Hintergrund, und als das Publikum in den Saal eintritt, fallen (videogenerierte, vielgestaltige) Schneeflocken. Etwas erhöht in der Mitte der Wand ist eine kreisrunde Öffnung eingebaut, in dieser wiederum eine Nische mit Tür. Links steht ein deckelloser Steinway.

Als die Musik anhebt, scheint Captain Obvious das Ruder zu übernehmen: die an sich flotten, skizzenhaften Zeichnungen, die projiziert werden, stellen im wesentlichen die Landschaften dar, die der Sänger durchschreitend beschreibt; schon in „Gute Nacht“ führt der projizierte Schneefall zu einer beachtlichen – ebenfalls auf die Hinterwand projizierten – Schneehöhe. Die irren Hunde werden uns vor diesem Hintergrund dann gleich mitgeliefert.

Wenn ein Schneesturm aufzieht, gegen den der Sänger anmarschiert, dann zieht er sich die Kapuze seines „Hoodie“ über und los geht es – in der runden Öffnung der Hinterwand (durch die er aufgetreten ist), ist eine Art Hamsterrad montiert, das sich, nicht ganz geräuschlos, zum Absolvieren (leerer) Kilometer eignet, mitunter sogar ähnlich einem Rhönrad verwendet wird.

Der „Lindenbaum“ entpuppt sich als überaus doppelbödiger Sehnsuchtsort, baumelt doch eine Galgenschlinge von seinem dicksten Ast. Habe da nur ich an Wolfgang Ambros‘ erste LP und die wohl einzige von ihm je hochdeutsch aufgenommene Nummer „Der Baum vor meinem Haus“ gedacht?

In der Nr. 10, der „Rast“, wird der Hintergrund des Hamsterrades gedreht, sodaß eine Art Alkoven – mit der Assoziation des Blickes in ein Grab – entsteht, indem der Sänger „am Rücken“ (oder – siehe unten – „am Ruckn“) liegt. Und singt. Was bekanntlich sangestechnisch problematisch ist, vielleicht nicht so für den durchtrainierten Bariton. Allerdings ergibt die Geometrie seines Verließes einen Horneffekt, dereinzelne(tiefere) Stimmfrequenzen betont. Und dazu gibt es die Projektion einer Invasion kleiner, beweglicher länglicher Tierchen: schon wieder so eine fatale Assoziation, diesmal Ludwig Hirsch – „uijegerl, der erste Wurm“.

Treffender der drauffolgende „Frühlingstraum“, der mit Blumen dargestellt wird, die durch ihre Fragilität vor schwarzem Hintergrund Erinnerungen an Franz Sedlaceks unheimliche Bilderwelten wecken.

Bei Nr. 13, „Post“ regnet es Briefe, und daß irgendwann ein Totenschädel ins (projizierte)Spiel kommt, ist auch nicht weiter überraschend.


Martin Achrainer mit irren Hunden. Foto: Reinhard Winkler/ Landestheater

Musiziert wird in der selben Transposition, die auch Thomas Hampson und Hermann Prey bei ihren Aufnahmen des Zyklus verwendeten. Martin Achrainer singt und spielt diese quasiszenische Realisierung mit dem ihm eigenen, auch körperlichen, Einsatz. Jedoch – kennt man von den zitierten Aufnahmen (und der tiefer liegenden von Hans Hotter) einen eher ruhigen Fluß der Singstimme, so ist Achrainers Interpretation nervös-dramatisch, was sich auch in einem betonten Vibrato äußert – wohlgemerkt nicht das Zittern einer nachlassenden Stimme, sondern durchaus gewollt. Erst in den letzten Nummern findet er zu der ruhigen lyrischen Linie, die zumindest ich mir über weitere Teile des Abends gedacht hätte, was auch bessere Textverständlichkeit gebracht hätte. Der „Leiermann“ wird so dann doch noch zum berückenden und das Loslassen suggerierenden,dramaturgisch logischen Ausklang.

Tommaso Lepore ist sein makelloser Mitgestalter und Partner am Klavier, das er wunderbar zum Singen bringt und damit Schuberts dunkle Lyrik bewahrt. Der Pianist hat mitunter auch kleinere szenische Aufgaben zu übernehmen. Seine letzten Akkorde der Schlußnummer werden – elektronisch – mehrfach, im decrescendo, wiederholt, als Lepore und Achrainer die nunmehr dunkle Bühne verlassen.

Großer bis begeisterter Applaus.

Je nun. Man hat es wohl oft selbst erlebt: man liest einen Roman, entwickelt im Kopf seine eigene Bilderwelt dazu – und ist dann enttäuscht, wie das in einem Film umgesetzt wird. Auch das „Kunstlied“ wollte und sollte innere Bilder evozieren; dem Publikum dazu Bilder “vorzuschreiben“, ist daher eine riskante Sache, die eine Abgrenzung zu Moritatensängern der Jahrmärkte früherer Zeiten schwierig scheinen läßt.

Ich denke, weniger wäre, in mehreren Aspekten, mehr gewesen. Oder auch: eine „Winterreise“ ohne Bebilderung ist wie ein Fisch ohne Fahrrad…

Helmut Huber

PS.: Ab heute ist eine CD mit diesem Liederzyklus, von Achrainer und Lepore interpretiert, im Handel.

 

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