Linz: „DIE MITTE DER WELT“ – Uraufführung im Musiktheater des Landestheaters Linz, Black Box, 24. 01.2026
Oper in drei Akten von Niklas Wagner (Buch und Gesangstexte), Musik von Sarah Taylor Ellis nach dem Roman von Andreas Steinhöfel

Patrizia Unger, Lukas Sandmann. Foto: Philipp Brunader
„Andreas Steinhöfels magisch-realistischer Jugendroman Die Mitte der Welt (erschienen 1998) eroberte bereits viele Schauspielbühnen und … die Kinoleinwand. Jetzt wollen wir zeigen, dass in dem Stoff auch jede Menge Musik steckt. Das Landestheater hat das junge Team Niklas Wagner und Sarah Taylor Ellis beauftragt, den Roman in ein Musical zu verwandeln…“ So beginnt die Beschreibung auf der website des OÖ Landestheaters.
Die zentrale Handlung spielt sich zu der Zeit ab, als die Zwillinge Phil und Dianne 17 sind. Ihre eigenwillige bis egoistische Mutter Glass ist Alleinerzieherin. Sie wirkt wie die Erwachsenenausgabe der Pippi Langstrumpf, denn sie macht sich die Welt so, wie es ihr gefällt, ohne Rücksicht auf Verluste (bei anderen). Irgend ein dunkles Geheimnis umgibt sie und belastet besonders das Verhältnis zur Tochter. Glass arbeitet als Sekretärin in der Anwaltskanzlei von Tereza, deren Lebensgefährtin Pascal ist. Phil hat zwar eine beste Freundin namens Kat, fühlt sich aber erotisch zum neuen Mitschüler Nicholas hingezogen. Der erwidert zwar Phils Avancen, aber wirft auch ein Auge auf Kat. Zudem hat Nicholas vor Jahren – unbekannterweise – Phils liebstes Spielzeug gemopst.
Weitere Reibereien kommen durch den neuen Verehrer von Glass zustande, der hartnäckiger und leidensfähiger ist, als es die launische Glass wahrhaben will. Onkel Gable, ein Seemann, ersetzt mitunter den Vater und bietet Phil auch einen Ausweg aus seinen emotionellen Verstrickungen. Auch der – sehr dunkle! – Konflikt zwischen Glass und Dianne kann gelöst werden: die Tochter hat der schwangeren Mutter vor Jahren heimlich ein Abtreibungsmittel gegeben, um nicht noch ein Kind unter der empathiearmen Mutter leiden zu lassen. Nun finden die beiden wieder zueinander, wie auch die Schneekugel zu Phil zurückkehrt, bevor dieser mit seinem Onkel in See sticht – und vielleicht findet er auf dieser Reise auch seinen leiblichen Vater? Dramaturgie und Produktionsleitung: Arne Beeker.

David Rodriguez-Yanez, Sanne Mielo. Foto: Philipp Brunader
Niklas Wagner und Sarah Taylor Ellis haben aus diesem Stoff ein recht runde Sache gemacht, wobei es die häufig wechselnden Zeitebenen vor allem vor der Pause schwierig machen, der Handlung zu folgen. Wohl mit Schuld an dieser dramaturgischen Zäheit ist auch die Vielfalt der Konflikte, die vorgestellt und begründet werden müssen. Nach der Pause gewinnt das Stück wesentlich an Tempo und Kompaktheit – die Lösungen der Konflikte sind halt, trotz kurzer Zuspitzungen, leichter über die Rampe zu bringen!
Musikalisch gibt es eine Menge guter Ideen, manche sogar recht ohrgängig, und jedenfalls dramatisch gut mit dem Text abgestimmt. Einiges der Information und damit Handlungslogik geht jedoch verloren, da die Tonübertragung der verstärkten Stimmen sehr schlecht definiert ist und auch keine Textprojektion erfolgt. Mit unseren Plätzen in der ersten Reihe waren wir noch relativ im Vorteil, da wir zumindest bei Handlung nahe an der Rampe den Direktschall der an sich gut artikulierenden Darstellerinnen und Darsteller hörten.

Lukas Sandmann und Ensemble. Foto: Philipp Brunader
Die Leitung des (samt des Klavier/keyboard-spielenden Dirigenten) exzentrisch links der runden Hauptbühne placierten sechsköpfigen Ensembles, das sich, wie immer bei Linzer Musicalproduktionen leicht mokant, diesmal „Off-center orchestra“ nennt, obliegt Raban Brunner. Er hält trotz der nicht ganz einfachen akustischen Verhältnisse alles in Swing und Balance, sodaß die Besetzung mit Violine, Violoncello, Gitarre, Baß und Schlagzeug auch für größer gehalten werden könnte.
Wie schon öfter erwähnt, ist die „Black Box“ extrem flexibel im Publikumsarrangement. Diesmal sitzen wir im ca. Drittelkreis um die runde Bühne, die von hinten und seitlich einige Zugänge aufweist, eine Empore mit Treppe, einen kleinen Gartenanteil und ein großes Bücherregal. Dazu kommen einige wenige Requisiten. Insgesamt kommt damit ein sehr plausibles Spielszenario zustande, das durch die körperlich höchst beweglichen Damen und Herren und Kinder sehr lebendig genutzt wird. Die Kostüme sind anspruchslos-neuzeitlich. Für all das verantwortlich ist Eleanor Bull, seitens Beleuchtung unterstützt von Raphaël-Aaron Moss.
Die Inszenierung von Karoline Gable (Choreografie: Hannah Moana Paul) ist an sich sehr klar definiert und arbeitet die – liebevollen wie konfliktträchtigen – Verhältnisse gut heraus. Allerdings leidet sie wohl auch unter der mangelhaften Verständlichkeit im ersten Teil.

Sanne Mieloo, Kinder. Foto: Philipp Brunader
Die schwierige Mutter Glass wird von Sanne Mieloo mit ihrer soulgetönten Stimme als gehörig dominante Figur mit großem Einsatz dargestellt. In Sohn Phil legt Lukas Sandmann viel Emotion und seine großartige Stimme, Tochter Dianne wird von Patrizia Unger mit Sorgfalt und Präzision glaubwürdig und klar auf die Bühne gebracht.

Ensemble. Foto: Philipp Brunader
Der Kat verleiht Elvin Karakurt lebensfrohe Energie, der sportliche Nicholas ist Fabian Koller mit Engagement und Intensität. Michael, der sich durch Glass nicht abschütteln läßt, wird von David Rodriguez-Yanez ebenso höflich wie selbstbewußt portraitiert.
Onkel Gable ist durch und mit Christian Fröhlich ein weniger komplizierter Charakter, der aber auch an einer seelischen wie körperlichen Wunde leidet. Tereza (Astrid Nowak) und Pascal (Lynsey Thurgar) ergänzen das bunte Personal des Stückes um weitere, an sich sympathische, aber auch nicht immer einfache Facetten.
Last, aber absolut nicht least die drei, wohl 8 – 10 Jahre alten, Kinder, die uns immer wieder als „Vorgeschichte“ der Haupthandlung in vielen, gar nicht kurzen Szenen Wesentliches nahebringen: Antonin Stamm (Phil), Muriel Sophie Nova (Dianne) und Moritz Schmuckermair (Nicholas), ausnahmslos stimmlich hervorragend und darstellerisch unverkrampft-überzeugend lebendig.

Schlussapplaus Ensemble. Foto: Petra und Helmut Huber

Applaus für die Autoren. Foto: Petra und Helmut Huber
Begeisterter Applaus nach 2½ ereignisreichen Stunden. Den Inhalt vor dem Besuch, etwa auf der wikipedia-Seite über den Roman – oder gleich den Roman selbst! – zu lesen, ist aber empfehlenswert!
Petra und Helmut Huber

