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LINZ/ Landestheater/Black Box: LACHESIS von Marijn Simons. Uraufführung

27.09.2021 | Oper in Österreich

Uraufführung im Musiktheater Linz: „Lachesis“ von Marijn Simons (Premiere: 26. 9. 2021)

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Matthäus Schmidlechner. Foto: Herwig Prammer

Am 26. 9. 2021 fand in der Black-Box des Musiktheaters Linz als Auftragswerk die Uraufführung der Kammeroper „Lachesis“ des niederländischen Komponisten Marijn Simons statt. In der griechischen Mythologie ist Lachesis die Schicksalsgöttin, die die Länge des Lebensfadens zu bemessen hatte. Angekündigt wurde die Oper als „Science-Fiction, Krimi und unterhaltendes politisches Gegenwartstheater“. Im Programmheft wird das Werk als „eine zukünftige Welt mit Zügen des antiken Griechenlands“ bezeichnet.

Die Handlung: Ein Detektiv sucht in den Aufzeichnungen der Überwachungskameras nach Indizien für ein Verbrechen, das auf der Bühne erst noch stattfinden wird. Im Salon über einem unterirdischen Forschungslabor heißen die beiden Wissenschaftlerinnen Potone und Chloris den Krieger Haimon willkommen, der nach sieben Jahren aus dem Dritten Weltkrieg heimgekehrt ist. Sie informieren ihn über die Ereignisse während seiner Abwesenheit: Abschaffung der Demokratie, Verfeinerung der Züchtung künstlicher Wesen, Unsterblichkeit scheint in Reichweite. Potone berichtet ihm von der Trennung des Geschlechtsverkehrs und Fortpflanzung, wobei sie die mangelnde Qualität der Roboter beim Sex gegenüber den Autochthonen und Hybriden beklagt. Als sich Haimon den Frauen nach sieben Jahren Enthaltsamkeit nähert, putschen sie sich mit Drogen und Medikamenten auf. Ein neuartiges Gerät vermittelt Lust über die Manipulation von Gehirnströmen. 

Auf dem Höhepunkt ihrer Orgie veranlasst Potone die Lieferung eines Sarkophags, in dem „On“, eines der Wesen ruht. Nach Öffnung des gläsernen Brutkastens kriecht On heraus. Sein Überlebenskampf fasziniert alle drei. Sie wollen von ihm als Götter gehalten werden, geraten jedoch in einen Folterrausch und quälen ihn, bis er in Ohnmacht sinkt. Die drei überlegen, wie sie On unbemerkt verschwinden lassen können. Doch dieser erwacht plötzlich und bricht Haimon das Genick, ehe er davonläuft.  Die beiden Frauen glauben an eine Wiederbelebung Haimons im Labor und hoffen durch dieses Experiment auf die Überwindung des Todes und das ewige Leben.

On, der anfangs unartikuliert stammelt, entwickelt im Zeitraffer sein Sprachvermögen und verbirgt sich unterirdisch. Als Potone und Chloris vom Ermittler Philip verhört werden, entsteht bei Potone der Verdacht, dass Philip kein Mensch, sondern ein künstliches Wesen ist. Als sie im gläsernen Schrein nach Haimons Überresten sucht, ist dieser leer – ist das Wunder der Wiederauferstehung vielleicht wahr geworden? On hat auf der Flucht die Menschwerdung selbst vollzogen und dankt seinen Schöpfern Potone, Chloris und Haimon, auch wenn er diesen getötet und sich einverleibt hat. Nun verwandelt er sich endgültig: er wird Philip, der Ermittler.

In der letzten Szene spricht Philip seine Notizen ins Diktiergerät und stellt fest, dass er selbst das Objekt seiner Ermittlungen ist – Täter und Opfer in Personalunion. Seine Schlussworte: „Ich bin gottlos und frei.“

 Die Oper, deren Text Hermann Schneider verfasste, wurde in deutscher und englischer Sprache gesungen und mit deutschen Übertiteln gebracht. Was notwendig war, da man ohne Mitlesen des Textes kaum eine Chance auf Verstehen der Handlung hatte. Lukas Hemleb nützte in seiner Inszenierung die räumliche Situation der Black-Box geschickt und hatte auch eine exzellente Personenführung.

Für das adäquate Bühnenbild zeichnete die italienische Bühnenbildnerin Margherita Palli verantwortlich.  „Sie hat sofort den richtigen Riecher gehabt, dass man eine Kellerlabor-Atmosphäre herstellen müsse, weil diese wissenschaftlichen Experimente, die eigentlich immer an der Grenze des ethisch Verantwortbaren und der Legalität stattfinden, mit besonderen Orten verbunden sind, die einen ein bisschen erschaudern lassen“, schrieb der Regisseur im sehr informativ gehaltenen Programmheft.

Auch die Kostümgestaltung durch Sasha Nikolaeva entsprach den Zukunftsthemen der Oper auf anschauliche Weise. Das Video – im Hintergrund der Bühne gut zu sehen – war von Luca Scarzella. Für die Dramaturgie war Katharina John zuständig, die auch die Redaktion des Programmheftes innehatte.

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Michael Wagner, Elias Morales Pérez, Christa Ratzenböck. Foto: Herwig Prammer

Das Sängerensemble des Linzer Musiktheaters war nicht nur darstellerisch stark gefordert, sondern musste des Öfteren stimmlich an ihre Grenzen gehen. Die Sopranistin Gotho Griesmeier in der Rolle der Kybernetikerin Potone hatte einige Male extrem hohe Töne zu meistern, während die Mezzosopranistin Christa Ratzenböck in der Rolle der Biologin Chloris die stärkere erotische Ausstrahlung der beiden Wissenschaftlerinnen zu spielen hatte.

Mit seiner tiefen Bass-Stimme überzeugte Michael Wagner in der Rolle des Kriegers Haimon sowohl stimmlich wie schauspielerisch.  In der Rolle des On konnte der spanische Tänzer Elias Morales Pérez seine großen „tänzerischen“ Qualitäten voll ausspielen. Die dritte Männerrolle blieb dem Salzburger Tenor Matthäus Schmidlechner vorbehalten, der den Ermittler Philip eher unaufgeregt spielte.

Das Bruckner-Orchester Linz wurde vom deutschen Dirigenten Ingmar Beck geleitet, der seit dem Jahr 2020 Kapellmeister am Landestheater Linz ist. Da das Orchester hinter einem bemalten Vorhang auf der Rückseite der Black-Box spielte, war es für den Dirigenten wichtig, dass er von Anfang an die szenischen Proben begleitet hat. „Im originalen Bühnenraum ist es so, dass ich nur über Monitore mit den Sänger*innen in Kontakt bin und nicht mehr genau sehen kann, was sie tun. Aber aus den szenischen Proben bin ich engstens damit vertraut, was szenisch und emotional im Bühnenraum geschieht, und all das bildet sich auch unglaublich gut in der Musik ab“, erläuterte der Dirigent in einem im Programmheft abgedruckten Interview.

Auch der niederländische Komponist Marijn Simons, dessen Werk Lachesis seine zweite Oper nach Emilia Galotti ist, nahm im Programmheft zu einigen Fragen Stellung. Ein lesenswertes Zitate daraus: „Wie es für einen Schauspieler oft interessanter ist, einen Bösewicht darzustellen, so hatte ich als Komponist sehr viel Spaß daran, eine dystopische Klangwelt zu schaffen, die zwar ab und zu einen humoristischen Unterton hat, aber manchmal auch wirklich krasse Ausschläge besitzt. Mein Ziel war es auch, in der Musik sehr reich an Farben zu sein, doch sollten diese Farben im dunklen Bereich liegen. Ich habe mir das vorgestellt wie bei Rembrandt, der fünfhundert verschiedene Brauntöne benutzt hat.“   

Am Schluss der etwa siebzig Minuten dauernden Kammeroper lang anhaltender Applaus des Publikums, in den sich auch „zustimmendes“ Gekreische von Jugendlichen mischte. Starken Beifall gab es anschließend noch für das Regieteam sowie für den Komponisten und seinen Librettisten.

Udo Pacolt

 

 

 

 

 

 

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