Jazzig – spanisch – klassisch – so vielfältig klang es unter den Domtürmen
Von Erwin Schrott lieben alle alles in „Klassik am Dom“ – ein beglückendes Wiedersehen

Die eingespielte Linzer Konzertreihe „Klassik am Dom“ versteht sich längst nicht mehr als eine rein klassische sommerliche Musikreihe. Der Begriff ist nicht eng gefasst, überhaupt wenn multiberühmte Künstler von den Veranstaltern engagiert werden. Freilich ist es nicht leicht, die richtige Wahl zu treffen. Einen Erwin Schrott findet man nicht jeden Tag auf der internationalen Konzertplatte. Der 53jährige Bassbariton schenkte am Donnerstag, dem 16. Juli 2026, der Stadt Linz bereits zum dritten Male einen künstlerisch unbeschreiblich beschwingten Abend seiner Gesangskunst auf mehrerer Ebenen. Wer davon wusste, versäumte das Wiedersehen nach seinem Gastspiel 2024 und 2017 auf keinen Fall. Wenngleich einige Sitzplätze auf dem riesigen Publikumsareal unter den Domtürmen unbesetzt geblieben sind. Für diesmal brachte er nicht nur seine eigene Band mit, übrigens von absolut hochkarätiger Qualität, sondern auch ein brandneues Programm mit dem Titel „Havana Nocturna“ extra für Linz selbst komponiert und abwechslungsreich zusammengestellt. Man tat sich schwer mit dem Beginn der Vortragsfolge, genauso schwer auch mit dem Abschied, der zugabenverdächtig mit der Überreichung eines Blumenstraußes etwa um 22.30 Uhr endete. Groß war die Vielfalt der dargebrachten Musik aus der goldenen Ära Montevideos, die Schrott mit ehrwürdiger Geste seiner Heimat inbrünstig, mit körperlicher wie geistiger Hingabe widmete, denn seine Liebe zu den Menschen und Klängen reicht über seine eigentliche Abstammung hinaus. Daher der weltumspannende Horizont seines eigenen Lebens. Die Familie von Schrotts Vater hat österreichisch-deutsche Wurzeln, die Familie seiner Mutter stammt aus Spanien. Er selbst wuchs als Arbeiterkind in Montevideo auf, der Hauptstadt Uruguays. An diesem Abend entschied er sich nicht nur in der Musik, sondern auch in seinen Erzählungen über die Werke für die für viele zu wenig beherrschte spanische Sprache. Aber alles Fehlende ersetzte die kubanische Musik aus der Goldenen Ära mit Werken von den 1930er bis 1950er Jahren. Und für alles entschädigte die perfekt ausgebildete Opernstimme des sympathischen Weltstars. Welcher Sänger kennt und kann schon Jazz und Klassik ebenbürtig gestalten? Schrott lebte in der Welt der Havanas auf und ließ das Land erleben. Ein Land, an dem nachts Theater und Tanzsäle von Klängen erfüllt sind, voll von Big Bands, wo der Bolero seine eigene Stimme hat und sich auf natürliche Art Afroweisen mit Jazzschwüngen verbinden. Das ließ das disziplinierte Publikum immer wieder vom Sitz aufspringen und unter standing ovations mitschwingen.
Auch die humorvollen spanischen Einwürfe des Weltstars, ahnte man sie auch nur, fanden viel Gefallen. Der betörende Klang seiner Stimme, seine omnipotente Bühnenpräsenz, alle Geheimnisse gestalterischer Ausdrucksmittel, insgesamt alle diese Fähigkeiten sind das Faszinosum Erwin Schrott. Er begleitete uns bis nach Hause. Vielleicht hat so mancher als eine Geste an die Opernliebhaber auf eine Arie zum Abschluss gewartet, so wie ich… In Linz war und ist er gerne zu Gast. Wir freuen uns auf das nächste Mal mit ihm.
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

