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Linz: „CUPAK UND DIE MASKENMÄNNER“ – Kommentare mit Fortsetzungen auf der website des online-Merker, März/April 2020 (cum continuatione ad nauseam?)

03.05.2020 | Feuilleton

Linz: „CUPAK UND DIE MASKENMÄNNER“ – Kommentare mit Fortsetzungen auf der website des online-Merker, März/April 2020 (cum continuatione ad nauseam?)


Dr. Helmut und Petra Huber, unsere Linzer Theaterberichterstatter, diesmal in ihrer beruflichen Rolle. Copyright: Huber

Satyrspiel in zahllosen Akten nach dem Paranoical Unnötige Corona-Panik gefährdet Existenzen, Gesundheitssystem und sozialen Frieden von DDr. Christian Fiala, Libretto von P. R. Purkathofer, Musik von Mei-Lung Pfeyffer

Als vor Jahrhunderten Pest und Cholera durch das Land zogen, waren sich die Ärzte einig: diese Gottesgeiseln konnten nur durch üble Ausdünstungen aus dem Boden hervorgerufen werden. Man erfand dafür den Ausdruck „Miasma“, von altgriechisch μίασμα, zu Deutsch ‚Besudelung, Verunreinigung‘. Erst als Leute wie der Mathematiker, Physiker und Musiktheoretiker Christian Huygens und der Linsenschleifer Antoni van Leeuwenhoek ernsthaft in die Mikrowelt eintauchten und erste Erkenntnisse über die „animalcula“ erwarben, war der Grundstein für andere Auffassungen gelegt. Mit diesen, freilich deutlich späteren, Erkenntnissen sind Namen wie Robert Koch oder Louis Pasteur verknüpft, die Entdeckungen in einem Bereich der Krankheitsursachen machten, den man im wesentlichen heute mit dem Wort „Bakterien“ zusammenfaßt.

Viel älter allerdings ist der Begriff des Virus (lat. virus, -ūs n. für Schleim, zähe Feuchtigkeit, Gift), der schon im 1. vorchristlichen Jahrhundert im Zusammenhang mit einer Tollwutinfektion als Übertragungsmedium von Krankheiten auftaucht. Viren als solche wurden erstmals um 1900 dargestellt, deren Natur als im Grunde reine Erbinformation ohne selbständige Lebensfähigkeit – zur Vermehrung bedienen sie sich des Stoffwechsels von Wirtszellen – erst nach Aufklärung des DNS-Prinzips von Franklin, Watson und Crick erforscht werden konnte. Die Coronaviren sind seit Mitte der 1960er bekannt und gelten, wie viele andere Virenfamilien, als hochvariabel; sie können eine Vielzahl leichter Erkrankungen beim Menschen auslösen, aber eben auch sehr schwere Erkrankungen wie SARS (2003) und die aktuelle Pandemie. Das Ende 2019 identifizierte und benannte SARS-CoV2 ist bislang völlig unbekannt gewesen – dem menschlichen Abwehrsystem wie der Wissenschaft.

In einer genialen Wendung belebt Fiala nun die Miasmentheorie neu: „Dann muss man sich die Po-Ebene genauer ansehen: vom Mikroklima her ist die Po-Ebene eine besondere Region mit besonders schlechter Luft. Daher gibt es dort eine außergewöhnlich hohe Zahl an Menschen mit Atemwegserkrankungen.“ (zackzack.at). Sucht man nach Belegen für diese Aussage, findet man z. B. das: http://www.salute.gov.it/imgs/C_17_pubblicazioni_1893_allegato.pdf; mit Stand 2011 gibt diese Arbeit (S. 35) eine Prävalenz (Fälle in der Bevölkerung zum Erhebungszeitpunkt) der MRC (malattia respiratoria cronica = chronische Atemwegserkrankung) von  12 % in Kalabrien, 10 % in Latium (also um Rom), aber in den „Po-Provinzen“ Emilia Romagna, Piemonte,  Veneto und Lombardei mit 8 – 7 % einen Wert teils unter dem gesamtstaatlichen Durchschnitt von 8 an. Diese Erklärung Fialas für die hohe Zahl an Toten in (Nord)Italien ist also schon einmal blanker Mumpitz.

Suchen wir international nach Todesraten an chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) als Parameter für Umwelteinflüssen als Faktor für Covid-19-Tote… I, A, D, CZ, S, N unter 25 pro Jahr und 100.000 Einwohner, DK, F, E, GB 25 – 50/a. Jedoch stehen die Todesfälle (1. 5. 2020 22:00) an Covid-19 lt. dem „Protokollführer“ Johns Hopkins University mit I 28.236 ≙ 46,8/100.000 EW, A 589 ≙ 6,6, D 6.640 ≙ 7,8, CZ 240 ≙ 2,3, S 2.653 ≙ 25,9, N 210 ≙ 3,9, DK 460 ≙ 7,9, F 24.376 ≙ 36,4, E 24.573 ≙ 52,3, GB 27.510 ≙ 41,3 nicht im Einklang mit „schlechter Luft“ oder sonst einem Wirkmechanismus wie dem von Fiala für die Po-Ebene behaupteten, aber sehr wohl damit im Einklang, ob ein frühzeitiger und konsequenter shut-down stattgefunden hat oder nicht!!

Zum Vergleich Todesraten bekannter Grippeepidemien: die „Russische Grippe“ 1977/78 forderte ca. 600.000 Tote weltweit, also auf damals 4,3 Mrd. Bevölkerung 14 Tote auf 100.000, bei der „Hongkong-Grippe“ 1968 dürfte in der BRD mit 40.000 Toten über der sonst üblichen Sterberate ein Verhältnis von 66,7/100.000 erreicht worden sein. Seit 2014 gab es in Österreich lt. AGES jährlich vermutlich 259 – 4.436 Grippetote (2,5 bis 50,6/100.000), ohne nennenswerte Prophylaxemaßnahmen, aber mit rascher und zuverlässiger Immunisierung, mit kürzer dauernder präklinischer Ansteckungsgefahr (1 – 5 Tage vs. bis zu 14 Tage bei CoV2) und auf Basis eines unseren Abwehrsystemen zumindest teilweise bekannten Erregers. Legt man die bisherige, noch nicht abschließende (!) Covid-Totenzahl von Gesamtitalien (das mitten in der Krankheitsexplosion eine heftige Notbremsung hinlegte und damit eine noch viel höhere Ausbreitung abfing) auf Österreich um, würden wir jetzt bei 4.162 Toten halten; hätten wir eine Ausbreitung entsprechend nur der besonders rapiden norditalienischen, wäre auch die doppelte Zahl nicht unwahrscheinlich; ohne zu den späten italienischen Quarantänemaßnahmen vergleichbare Schritte könnte man wirklich 10.000e befürchten. ZUsätzlich zu den heuer bis zur KW 7 gezählten 650 Influenza-Toten (obige Influenza-Zahlen beziehen sich sonst immer auf die KWW 40 – 20).

Wobei anzumerken ist, daß, anders, als Fiala behauptet, die Covid-Diagnose nicht nur mit Virentests erstellt wird, sondern auch auf typischen/einzigartigen radiologischen und klinischen Lungenbefunden etc. beruhen kann. Zur SEHR komplexen Situation der Diagnosestellung, noch dazu über die letzten Monate „in Entwicklung“, z. B. https://www.lungenaerzte-im-netz.de/krankheiten/covid-19/diagnose-therapie/

Mangelnde Evidenzbasis zu monieren, wie das Fiala macht („diese auf unzuverlässigen und deshalb nicht zugelassenen Tests beruhen“), ist, freundlich ausgedrückt, eine Chuzpe, weil die Werkzeuge zur molekularbiologischen Diagnose erst über die allerletzten Monate entwickelt werden mußten – was ohnedies rasend schnell ist, gemessen an durch Vorsicht, wohlfundierte gesetzliche Auflagen und Rückversicherung zwecks höchster Zuverlässigkeit geprägte, übliche Entwicklungsprozesse. Zur Vorgangsweise https://www.oeglmkc.at/corona.html: Auch wenn bis zu gut 90 Proben parallel abgearbeitet werden können – der Gesamtprozeß dauert 3 – 5 Stunden, und die dazu nötigen Reagenzien sind halt ein bissl aufwendiger herzustellen als der gute alte PVH-Leim, den man nach Belieben im 50-ml-Flascherl oder im 30 kg-Faß bei jedem Großhändler beziehen kann. Dementsprechend, wird der Tischlermeister Cupak verstehen, ist alleine diese Diagnostik schon ein bissl aufwendiger und unsicherer, als ein Nachtkastel zu bauen – und schon dabei ist es doch vorgekommen, daß unversehens ein Sopran draus wurde.

Zur Situation hinsichtlich der erst kürzlich und schnell auf den Markt gebrachten, aber noch nicht validierten (nur auf validierte Tests darf man sich verantwortlich verlassen!), nicht einheitlich ansetzenden Antikörpertests siehe weiter unten auf zuletzt zitierter website der österr. Labormedizin. Erst wenn zuverlässige, validierte, vergleichbare/vereinheitlichte Anti-Virus-Antikörper-Bestimmungen verfügbar sind, lassen sich zuverlässige Aussagen über eine „Herdenimmunität“ und deren eventuelle Dauer(haftigkeit) treffen; aber selbst wenn ein gesichert zuverlässiger Test vorliegt: alleine schon, solche Tests in größerer Menge stabil zu produzieren, ist eine sehr große Aufgabe, die eher Jahre als Monate erfordert. Deshalb war und ist die Attitude von S und (anfänglich) GB und Fiala, das Leben nicht einzuschränken und quasi freie Infektionsmöglichkeiten zuzulassen, in ihrem Ergebnis fahrlässig und letztendlich mörderisch; sie erinnert in ihrer bösartigen Naivität an die „großartige“ Idee der „Masernparties“.

Sowohl zum Virusnachweis wie zu den Antikörpertests ist zu sagen, daß beide in ihrer Aussagekraft und Zuverlässigkeit durch eine auch bei höherer Durchseuchung mit dieser Erkrankung suboptimal bleiben, weil z. B. alleine schon aus mathematisch-statistischen Gründen insbesondere die Spezifität (also die Ausschlußsicherheit gegenüber falsch positiven Ergebnissen) schlecht sein muß. Praktisch gute Spezifität läßt sich nur in begrenzten Gruppen, etwa Patienten mit einem bestimmten Karzinom in der Vorgeschichte, hinsichtlich einer klar umschriebenen Fragestellung erwarten – deshalb wurden ja auch vor einigen Jahren aufgetretene optimistische Vorstellungen, man könne als mutmaßlich Gesunder ein Ganzkörper-MRI durchführen lassen und wisse dann, daß man wirklich gesund sei (oder auch nicht) schnell in den Bereich der Träumerei verwiesen: unter solchen Umständen würde eine an sich sehr gute Spezifität von 95 % bedeuten, daß 5 % der Untersuchten eingreifendere, risikoreichere Folgeuntersuchungen benötigen würden, um die falsch positiven Befunde zu entkräften. Hingegen würden die selben 5 % Irrtümer bei bekannter Vorerkrankung höchstens ohnedies nötige weitere Untersuchungen halt etwas früher oder häufiger veranlassen.

Falsch abgebogen? Hier irrt die Regie! Erstens war Mitte März die weitere Entwicklung nicht genau abzusehen, anhand der Entwicklungen in Italien war eine explosive Vermehrung der Fälle denkbar – andererseits eine sehr zögernde Ausbreitung bei restriktiven Verordnungen am Beispiel Taiwan oder Singapur zu sehen. Der Bevölkerung eindringlich die ehrlich und fundiertermaßen mögliche ungünstigste Variante zu schildern, ist keine Panikmache, sondern unumgängliches politisches Tagesgeschäft, um dem Land die Restriktionen zu „verkaufen“, die „Compliance“ zu sichern. Schon Abraham Lincoln hat in seiner Gettysburg Address für den Fall der Niederlage der Union im Bürgerkrieg den Untergang des US-Staatsmodells an die Wand gemalt, und Winston Churchill 1940 mit „Blood, toil, tears and sweat“ nicht minder, von unzähligen weniger prominenten Beispielen einmal abgesehen.

Der Punkt, an dem in Italien die Dämme brachen ist auch eine grundsätzlich – nicht erst „in den letzten Jahren kaputtgesparte“ – viel schlechtere medizinische Ausstattung als in Deutschland und Österreich, z. B. in Intensivbetten pro Kopf; für 100.000 Einwohner gibt es in D 33,9, hierzulande 21,8, in Italien 12,5; im heurigen Jänner gab es in Österreich 2.500 Beatmungsgeräte, in Italien nur 5.000 bei der zu uns 7fachen Bevölkerungszahl. Im Februar wurden Daten aus China publiziert, daß 13,8 % der Covid-Infizierten schwer erkrankten, 4,7 % Intensivpflege benötigten. Zwar blieb die eigentliche Durchseuchung weiter unklar, aber sicher war für uns, daß auch unser „reiches“ System bei ungebremster Ausbreitung an Grenzen kommen würde, die bedeuten, daß man Patienten mangels Ressourcen sterben lassen müßte. Ein Kollege, der für intensivtechnische Hilfe im Februar in Italien war, hat uns von verzweifelten Szenen unter Angehörigen, Patienten und Personal erzählt; die Pressemeldung über einen Priester (in Bergamo), der auf seinen Beatmungsplatz verzichtete, um diesen einem anderen zu geben, und der dann auch an Covid starb, sollte auch bekannt sein.

Auch die unserem Tageskommentator so überaus mysteriöse Maskenfrage ist aus medizinischer Warte leicht zu erklären – wie so vieles bei näherer Betrachtung eben auch relativ und nicht als allzu einfache Wahrheit: die üblichen „leichten“ oder u. U. selbst geschneiderten Masken stellen keinen brauchbaren Selbstschutz dar, konnten also anfänglich nicht mit gutem Gewissen, womöglich gar als „Allheilmittel“, verordnet werden. Relevanter Selbstschutz ist erst ab professionellen Produkten mit Zertifizierung FFP2 zu erwarten. Dazu ist der Maskengebrauch kritisch – zu lange Nutzung am Stück verursacht Durchfeuchtung und damit weitestgehenden Barriereverlust. Der Schutz Dritter wird allerdings, wie schließlich die laufende Auswertung aus Epidemiegebieten ergab, auch durch einfache Masken, am besten in zeitlich beschränkter Verwendung (Durchfeuchtung, eh schon wissen), etwa unter den Kunden in einem Geschäft, um ein paar % verbessert. Und im Sinne der Zinseszinsrechnung, die dem Geschäftsmann geläufig sein müßte, hat dann eben auch eine nur geringe Senkung der Ausbreitungsrate einen längerfristig relevant günstigeren, weil exponentiellen, Gesamtverlauf in einem größeren Kollektiv zur Folge – im Gegensatz zum Selbstschutz, der individuell nur nach dem Binärprinzip wirksam ist, oder nicht ist.

Übrigens ist die Wirtschaft auch in Ländern ohne frühzeitigen shut-down verbreitet zum Erliegen gekommen, nur halt dazu mit viel mehr Toten und schauerlichen Details wie die nicht mehr zu bewältigende Leichenzahl in New York. Was man aus der Warte des Opernbetriebes auch nicht vergessen darf: die Altersgruppe der eifrigsten Opernbesucher ist unter denen mit höherem Covid-Sterberisiko wie den wohl tatsächlich Verstorbenen überrepräsentiert. Und genau DA liegt die Rechtfertigung für den shut-down, der NICHT die Gesamtzahl der Ansteckungen vermindern kann – es sei denn, die wärmere Jahreszeit beeinflußt die „Aggressivität“ des Virus günstig, sodaß durch die Verzögerung schlußendlich weniger Personen davon erfaßt würden; aber das Hauptziel des shut-down ist, daß durch Verlangsamung der Ausbreitung erst gar nicht die Frage „Wen lasse ich mangels Beatmungsplatzes sterben“ gestellt werden muß, und es auch keine Überforderung des medizinischen Systems im Ganzen durch eine Vielzahl auch nicht-intensivbedürftiger gleichzeitiger Fälle gibt. Schon bloße Verdachtsfälle bedingen im Krankenhaus (und auch der Arztpraxis) riesigen zeitlichen personellen und finanziellen Mehraufwand durch Schutzmaßnahmen, um die mögliche Infektionsquelle einzudämmen, bis vielleicht deren Negativität hinlänglich gesichert ist – und zwar völlig unabhängig von Regierungsverordnungen, rein aus klassischer „Seuchenhygiene“ heraus! Nebenbei bemerkt, eine Vorgangsweise, die bei Influenza bei weitem nicht so aufwendig ist.

In einer kleinen Nebenrolle: der internationale Starbassist Günter Groissböck. Seine künstlerische Kompetenz wird von seiner epidemiologischen Inkompetenz mit Leichtigkeit überrundet, und seine diesbezüglichen Auftritte sind eine glänzende Bestätigung des dictums von weiland Nikolaus Harnoncourt: „Ich sehe überhaupt nicht ein, warum ein Künstler mehr Fähigkeit zur Einschätzung von Politik aufweisen sollte als irgend ein x-beliebiger Bürger auf der Straße“.

Weist schon Fialas Buch arge Ungereimtheiten auf, werden diese von Regie und Dramaturgie nicht nur nicht ausgebügelt, sondern auch noch betont. Auch die musikalische Untermalung mit Husten, Räuspern und Brozzelgeräuschen trägt zur Stringenz der Darstellung kaum bei. Insgesamt eine fragwürdige Vorstellung an der Grenze zwischen Verschwörungstheorie und Verschwörungspraxis. Vom Publikum ist aufgrund der Theaterschließung nichts zu hören.

Petra und Helmut Huber

 

 

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