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LINZ/ Brucknerhaus: Poschners Beethoven auf schicksalhaften Wegen für die Ewigkeit des Titanen. Bruckner Orchester und Konzertmeister Jacob Meining mit Schostakowitsch gemeinsam bei einem Klangfest im stürmisch gefeierten Brucknerhaus

01.05.2026 | Konzert/Liederabende

Poschners Beethoven auf schicksalhaften Wegen für die Ewigkeit des Titanen

Bruckner Orchester und Konzertmeister Jacob Meining mit Schostakowitsch gemeinsam bei einem Klangfest im stürmisch gefeierten Brucknerhaus

Unter einem besonderen Stern stand zuletzt das Konzert im restlos ausverkauften Brucknerhaus. Seine Leuchtkraft strahlte auf alle Mitwirkenden aus und steckte sogar das animierte Publikum, das während einer Aufführung mit einem Applaussturm reagierte, an. Das hat es hier wohl noch kaum gegeben. Damit sind aber noch lange nicht alle Besonderheiten dieses außergewöhnlichen Konzertabends erwähnt. Er begann und endete mit Beethoven, alle Stücke in Topform serviert, mit einer Riesenfreude bis zur Ausgelassenheit gedeutet. Markus Poschner wählte das Programm aus mit Stücken, die unwillkürlich zu einigen Gedanken an seine Zukunft anregten. Bekanntlich verlässt er mit Ende der laufenden Saison sein zehn Jahre lang betreutes und von ihm geprägtes Orchester. Der Dank an sein treues Ensemble drang am Schluss bis ins hinterste Pult an seine Musiker. Beethovens Egmont-Ouvertüre op. 84 aus der Musik zu Goethes Trauerspiel, ein bekanntes wie auch dankbares Repertoirestück, erinnerte an das Charakterbild des um Freiheit kämpfenden Heroen und wurde mit dem Trompetendonner am Ende zu einer wahrhaften „Siegessinfonie“. Poschner kam ohne Pult auf das Podium, natürlich hat er die Musik im Kopf, wie auch Beethovens Schicksalssinfonie, aber davon später. Vor der Pause mit Partitur am Pult führte er als Phänomen die gestalterische Sensation  mit seinem Konzertmeister Jacob Meining vor. Der 30jährige deutsche Geiger legte die Soli des 1. Violinkonzertes a-moll op. 77 von Dmitri Schostakowitsch mit Leichtigkeit und souveränem Bravour hin, als handle es sich um das einfachste Einmaleins der Sololiteratur aller Zeiten. Die vier Sätze, alle in Moll-Tonart, schrieb der russische Komponist 1947/48, hatte das Werk jedoch bis 1955 der Öffentlichkeit vorenthalten, ohne eine Umarbeitung zu hinterlassen. Herbe, düstere Züge klingen nach einer Nocturne im Kopfsatz beim Scherzo an,  durch andere Motive oder Themen der Klangfarben auch wenig aufgelockert. Bei aller Freude und Frische und eher dämonisch bis skurril folgt ein „Freudentanz“ und erst durch die Burlesque des letzten Satzes wird die dunkle Welt aufgehellt. Die Ausgelassenheit eines Volksfestes macht Stimmung beim Hörer, den Meining fest gefangen hält, muss und konnte es das Orchester auch technisch wie geistig total ausgeschöpft überspielen. Etwa mit einer halsbrecherischen Kadenz von Minuten. Übrigens hält ihn das Konzert seit seinem sechsten (!) Lebensjahr gefangen, als er es aus dem Radio hörte. Die Reaktion beim heutigen Publikum war erstaunlich. Es raste vor Begeisterung, geriet außer Rand und Band bis zu standing ovations. Das wäre vor einiger Zeit nicht der Fall gewesen. Nach der Pause dann weitere Siege und Ereignisse: Beethovens wohl populärste Sinfonie der Welt, die „Schicksalssinfonie“ mit ihrem vier Töne mahnenden „Klopfen an die Pforte des Schicksals“, einem Hauptmotiv, das sich der ganzen Sinfonie ermächtigt und der Hingabe ausliefert. Die Bezeichnung, nur unsicher vom Komponisten stammend, brauchte es längst nicht mehr. Poschner ließ das Opus mit einem stehenden Orchester, das für damals bei einer Sinfonie mit neuen Instrumenten (Piccoloflöte, drei Posaunen, ein drittes Horn) besetzt ist, musizieren und versetzte es mit ihm gemeinsam in einen ekstatischen Klangzauber, von Satz zu Satz bis zu exorbitanten Steigerungen. Entwarf er ein persönliches Lebensbild? Für die Romantik galt dies als „Ideal“ eines Komponistenschicksals. Zu dieser Stunde bei ihm des Dirigenten. Kaum ein anderes Werk der Musik spiegelt so signifikant die Deutung wider und macht sie zum Gegenstand eines Meisters.

In einem Blumenmeer nahm Poschner gottlob noch nicht ganz Abschied von Linz und seinem Publikum.

Georgina Szeless; Kulturjournalisin

 

 

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