LINZ/ Brucknerhaus: Orchesterkonzert ZWEI: EVA! am 3.12.2025
Die neue Zeit – die neue Sicht im Brucknerhaus

Schlussapplaus mit Komponist Larcher. Foto: Huber
Viele Lücken im Großen Saal beim gestrigen Orchesterkonzert ZWEI: EVA! Vermutlich führte dazu das ungewöhnlich gebotene Programm aus Raritäten, wenn auch von Bruckner und Richard Strauss darunter. Das Bruckner Orchester spielte hier erstmals unter der finnischen Dirigentin Eva Ollikainen, gewöhnt an die Leitung renommierter Klangkörper der Weltklasse, was sie auch gestenstark beweisen konnte. An einer guten Zusammenarbeit, einem spontanen Verständnis mit dem Orchester war von Anfang an nicht zu zweifeln. Mit dem Bruckner-Klang in der Ouvertüre in g-moll WAB 98 zu Beginn öffnete sie auch gleich die Herzen der Besucher und beeindruckte durch eine noch ruhige Pulthaltung.
Das Frühwerk Bruckners ist das einzige seiner Art, als eine Schularbeit entstanden, zeigt es schon eine erstaunliche Reife auf in der Thematik, im Einfallsreichtum oder in der Formverarbeitung. Wie könnte es anders ausfallen bei Bruckner, der sich die Gattung „Sinfonie“ auch erst mit 40 Jahren zu eigen machte. Wie anders bei Richard Strauss und dessen wohl auch frühreifer Schularbeit in seinem Violinkonzert d-moll op. 8, das er mit 16 Jahren schrieb, Bruno Walter gewidmet ist und eigentlich als Klavierkonzert geplant war. Die Geigen-Version wurde zu einem großartigen Erlebnis mit der außergewöhnlichen Violinvirtuosin Carolin Widmann, die die halsbrecherischen Soli nicht nur zum Staunen unseres Bruckner Orchesters meisterte. Man wird eben nicht umsonst zur „Musikerin des Jahres“ gekürt. Das legendäre Klangphänomen der Guadagnini-Geige hob das Werk in den Himmel, was ihren Vortrag sicher noch begünstigte. Welcher Genuss, ihre Präzisionssprünge speziell in den hohen Lagen und die edlen rhythmischen Passagen genießen zu können.
Und verwöhnt zum letzten Programmpunkt zu gelangen. Gespannt auf die viersätzige Sinfonie Nr. 2 des Tiroler Komponisten Thomas Larcher (62) war die Hoffnung groß, dass der Sinfonieneuling für Linz keine atonalen Anzeichen bereiten würde. Diese Erwartung enttäuschte nicht, befriedigte oder überzeugte aber auch nicht ganz. Aus einem Riesenorchester mit allen raffinierten Instrumenten besetzt, werden Klanggeräusche erzeugt und alle formalen Zusammenhänge übergangen. Der Hörer ist leicht überfordert. Das Programmheft des Abends verhilft zum Verständnis. Darin über die Sinfonie mit dem Beinamen Kenotaph (griechisch Totenmal) nach Larner selbst: „Ich möchte die musikalische Vergangenheit im Lichte der musikalischen und menschlichen Entwicklungen erforschen, die wir im Laufe unseres Lebens miterlebt haben. Wie können wir eine Tonalität finden, die in unsere Zeit spricht?“ Das Bruckner Orchester erfüllte alle von Larchers Vorstellungen einer zeitgemäßen Komposition. Und hier entzündete die Dirigentin erst ihr ganzes Temperament zu einem wahren Feuerwerk. Der Beifall war freundlich, das Publikum zufrieden, eine musikalische Rarität aus Larchers Handschrift, die die große Fluchtbewegung nach Europa in den Jahren 2015 zum Inhalt hat, erlebt zu haben. Gar zu oft ist eine solche Gelegenheit nicht.
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

