Linz: „OLIVIER LATRY“ – Konzert im Brucknerhaus Linz, Großer Saal, 28. 01.2026

Olivier Latry. Foto: Brucknerhaus
„Seine“ Kirche glänzt nach dem schrecklichen Feuer vom April 2019 – überraschend schnell – wieder in aller Pracht und deren, beim Brand nur wenig in Mitleidenschaft gezogene Cavallié-Coll-Orgel, kann wieder mit aller Macht tönen: so kann der 1985 schon mit 23 Jahren zum Titularorganisten der Notre Dame in Paris Ernannte beruhigt auf Konzertreise gehen. Vor einer Woche hatte der laut Einschätzung eines orgelspielenden Freundes „derzeit weltbeste Improvisator“ ja im Wiener Konzerthaus mit seiner Gattin Shin Young Lee einen umjubelten Auftritt, u. a. mit einer vierhändigen Orgelfassung von Strawinskys „Sacre“.
Hier in Linz kommt er uns (zunächst) sehr klassisch – vor der Pause gibt es nur Johann Sebastian Bach, wenn auch von Meistern der französischen Orgel-Spätromantik bearbeitet. Grund für diese Bearbeitungen war, daß die in Frankreich übliche Orgeldisposition nicht zu den Bachschen Klangwelten paßte, man aber diese Werke auch dem französischen Publikum nahebringen wollte, wie der Solist im Programmheft erklärt.
Wir hören zuerst die Chaconne aus der Violin-Solopartita II BWV 1004 (Henri Messerer). Dieser 5. Satz der Partita, der für sich schon an Länge und Komplexität unter den Violin-Solosonaten Bachs hervorsticht, bekommt auch auf der Orgel eine wahrhaft monumentale Dimension. Stilistisch ist das Unternehmen vielleicht grundsätzlich fraglich, aber schon zum Einstieg liefert der Gast aus Paris damit ein Musterbeispiel für Präzision, Virtuosität und vorzüglich modulierte Registrierung.
Es folgt „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ BWV 147 (Maurice Duruflé) – viel kürzer als das erste Stück, die Oberstimme etwas ungewohnt agogisch geführt, aber insgesamt viel näher an Bach. War dieses Stück auch in der gehobenen Unterhaltungsmusik der frühen 1960er via die in Paris beheimateten Swingle Singers wohlbekannt, so ist das nächste als Geburtsfanfare der Synthesizerära (Nr. 1 auf der A-Seite der LP „Switched-on Bach“ von Walter/Wendy Carlos und Benjamin Folkman) sogar in den Hitparaden 1968 ganz nach oben gelangt: die Sinfonia der Kantate „Wir danken dir, Gott, wir danken dir“ BWV 29 (Marcel Dupré); auch diese Bearbeitung klingt schon per se sehr authentisch nach Bach, Dupré hat sich da nicht unbedingt selbst verwirklichen müssen – schließlich gibt es auch genug großartige Kompositionen unter seinem Namen. Latry spielt mit Präzision und Glanz.
Von ganz anderem Charakter die Aria „Mein gläubiges Herze“ aus der Kantate „Also hat Gott die Welt geliebt“ BWV 68 (Eugène Gigout): Die ersten zwei Drittel des Stückes sind fast ausschließlich mit Holz registriert, ganz wenige Akzente mit Zungenpfeifen – aus der riesigen Rieger-Orgel der Brucknerhauses entsteigt eine bescheidene Dorfkirche, alles ist intim, warm, heimelig, bevor dann noch zum Finale hin das Zinn strahlen darf: bewegend!
Nach dem feingliedrigen, eleganten Siciliano (II. Satz der Sonate für Traversflöte und Cembalo Es-Dur BWV 1031) und dem nobel-schwermütigen Schlußchor der Matthäus-Passion „Wir setzen uns mit Tränen nieder“, gelungenen Transkriptionen der französischen Orgelikonen Louis Vierne und Charles-Marie Widor, geht es mit zufriedenem Applaus in die Pause.
Der zweite Teil ist dem 20. Jahrhundert gewidmet. Es beginnt mit der „Petite rhapsodie improvisée“, die Charles Arnaud Tournemire, ein Lehrer Olivier Messiaens, um 1930 gespielt hat; nach Schallplatte rekonstruiert und transkribiert wurde sie von einem anderen Schüler Tournemires, Maurice Duruflé. Das kurze, prägnante Stück holt uns in die moderne Harmonik des frühen 20. Jahrhunderts. Es wird gefolgt von der dreisätzigen „Suite für Orgel“ op. 5, nun 1932 von Duruflé selbst verfaßt. Witzigerweise haßte er deren 3. Satz, die Toccata, dermaßen, daß er sich weigerte, diese auf Schallplatte aufzunehmen – und seine Gattin, ebenso Organistin, konnte ihn schon damit ärgern, deren Beginn nur anzuspielen. Nun, uns gefallen alle drei Sätze sehr – frisch und modern, mit wenigen, wohlbemessenen Rückgriffen auf Altes; mitunter klingen Harmonien an, wie sie das Quintette du Hot Club de France zur selben Zeit in ihre neue, europäische Variante des Jazz einbrachte. Daß M. Latry mit diesem Stück in präziser, virtuoser und schwungvoller Interpretation den Saal mitreißt, ist kein Wunder!
Aber es geht noch virtuoser und gleichzeitig musikalisch beeindruckender: natürlich muß als letzter Programmpunkt Improvisation stehen! Wenig überraschend, daß das Brucknerhaus dem Gast – zeitlich unmittelbar zu diesem Programmpunkt! – zwei Themen des Namenspatrons vorgibt: zum einen das Klarinettenmotiv vom Beginn des 4. Satzes der fünften Symphonie und dann (glauben wir) das Thema des 2. Satzes der vierten. Was Olivier Latry für Feuerwerk an Stimmungen, melodischen Durchwirkungen der Themen, atemberaubenden Läufen und harmonischen Progressionen (ganz im Sinne Bruckners) aus dem Ärmel schüttelt, ist überwältigend, und nach den mehr als 10 Minuten dieses ad-hoc-Stückes ist die Begeisterung des nicht sehr zahlreich erschienenen Publikums groß und lautstark. Wobei anzumerken ist, daß sich Orgelkonzerte in Linz meist schlecht verkaufen; uns wurde von Konzerten vor 7 Köpfen berichtet, da sind die heute vielleicht gut 300 schon relativ gut.
Der frenetische Applaus samt wiederholten standing ovations reicht für immerhin drei Zugaben: zuerst einmal holt uns Latry mit der „lent et douloureux“ zu spielenden Gymnopédie No. 1 von Erik Satie wieder von der aufwühlenden Improvisation herunter in beschaulichere Stimmung, bevor er uns mit Aram Chatschaturjans „Suserov par/Säbeltanz“ noch einmal richtig einheizt und seine überaus beeindruckende Fingerarbeit an den Manualen auch über den Rückspiegel oberhalb des Spieltisches beobachten läßt. Das dritte encore führt wieder zur eingangs als Vehikel für Bach bedeutsamen französischen Orgelromantik, aber jetzt in aller zeittypischer Pracht und Größe: das Finale (allegro assai) aus Alexandre Guilmants Symphonie No. 1 für Orgel und Orchester in Des Dur op 42 – einfach rauschhaft!!
PS: Die einzigen Noten, die an dem Abend zu sehen sind, stehen auf dem Blatt, das dem Künstler vor der Improvisation überreicht bekommt; alle anderen Millionen Töne für Hand & Fuß trägt er wohlgeordnet in seinem Kopf – atemberaubend…
Petra und Helmut Huber

