Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

LINZ/ Brucknerhaus: Michi Gaiggs Barockoriginalklangensemble feierte im Brucknerhaus sein dreißigjähriges Jubiläum

11.05.2026 | Konzert/Liederabende

Michi Gaiggs Barockoriginalklangensemble feierte im Brucknerhaus sein dreißigjähriges Jubiläum (10.5.2026)

Von Pioniergeist gezündet zu feurigen Erfolgsflammen

Ein sonst seltenes Bild bot sich am Muttertag mit der „Alte Musik“-Reihe im Brucknerhaus, das samt Galerie bis zum letzten Platz besetzt war. Auf der Bühne haben 39 Mitglieder des international bekannten L’Orfeo Barockorchesters Platz genommen, am Pult stand eine der beliebtesten heimischen Dirigentinnen Michi Gaigg und feierte das dreißigjährige Bestehen ihres Originalklangensembles. Der Verdacht kam auf, dass der eine oder andere Besucher das Konzert aus diesem außergewöhnlichen Anlass zum Muttertag geschenkt bekommen hatte. Diese Matinee bescherte mehr Erlebnisse als versprochen und zu erwarten war. Denn lange Zeit fehlte dem Kapitel „Alte Musik“ in den Konzertprogrammen jene Anerkennung und Beachtung, die das Genre verdient und sich unter vielen Hürden erst erarbeiten musste. Im Gründungsjahr 1996 glaubte man noch an eine Musikergruppe, die frühere Werke ihren Schülern einfach bekanntmachen wolle. „Barockmusiker seien verhärmte Griesgräme, die zum Lachen in den Keller gingen“, so war die landläufige Meinung. Der preußischen Prinzessin Anna Amalie (1723-1778), der kleinen komponierenden Schwester Friedrichs des Großen, verdanken wir bis heute die damals einzige Pflegestätte für Alte Musik in Deutschland. Den Anfang machte die Bruckneruni in Linz, wo die österreichische Szene für Alte Musik seither immens gewachsen ist; die Gründung 1996 stand jedenfalls unter einem guten Stern. Die der Leidenschaft für Barockmusik erlegene Geigerin Michi Gaigg stand mit Pioniergeist hinter dem Plan, mit Originalinstrumenten einen neuen Klang kreieren zu können und schritt gemeinsam mit der gleichgesinnten Künstlerin Karin van Heerden zur Tat. Flammende Erfolge waren das Ergebnis schon beim ersten Auftreten. Die aufgrund historischer Quellen erfolgte Aufführungspraxis mit hoher musikalischer Qualität von Mittelalter bis zur Frühromantik bestätigen die vielen Konzerte, Aufnahmen, nicht weniger als 47 CD-Scheiben, schließlich die Einladungen ins In- und Ausland, zum Jubiläum etwa zu den Innsbrucker Festwochen für Alte Musik, ins Stift Melk, zum Brunnenthaler Konzertsommer oder nach Grein, wo heuer auf der Greinburg die jährlichen donau-Festwochen das L’Orfeo Orchester wieder zu Gast sein wird.

Das Geheimnis dieser Spezialisten liegt wohl auch in der Sympathie und dem familiären Zusammenhalt des Ensembles begründet, sicher auch in den menschlichen Qualitäten der Künstler und der beseelten Haltung. Den Anfang machte die Ouvertüre in C-Dur (1770) von Marianna Martines (1744-1812), der fast vergessenen, für ihre Zeit jedoch bedeutenden Komponistin im Kreise um Haydn und Mozart. Auch das folgende, von der Klavierfassung bekannte Mozart-Konzert Nr. 23 KV 488 wird man nicht vergessen können. Die Fortepiano-Soli von Olga Pashchenko, die zum ersten Mal hier gastierte, waren von atemberaubender Technik. Sie dirigierte vom Instrument (das sie sehr zu lieben scheint!) aus das Ensemble. Es folgte noch eine virtuose Beethoven-Zugabe mit Improvisationstönen zum L´Orfeo-Geburtstag. Mozart präsentierte sie so, als wäre man zu dieser edlen Klangrede des Stückes im Original eingeladen. Man fühlte sich in einer anderen Welt, einer Musik weicher Tongebung emotionaler Farben, freilich nicht ohne den hintergründigen Witz und Elan, mit denen Mozart sein Publikum stets bei Laune zu halten wusste. Musik edlen Charakters zur rechten Zeit der Thronbesteigung König Friedrichs des Zweiten brachte Sohn Carl Philipp Emanuel Bach mit seiner „Berliner Symphonie“ Nr. 3 in die Stadt und avancierte dann zum Kammercembalisten des frisch gekrönten Herrschers. Es gefiel ihm gut in Berlin, er blieb dort ganze 30 Jahre. Die spannende Konzertreise am Vormittag ging indes nach London, zu Joseph Haydns dort entstandener Sinfonie Nr. 104 D-Dur, und daher die „Londoner“ genannt. Dabei geisterte auch schon ein wenig Beethoven durch den Saal. Denn Michi Gaigg wählte als encore dessen beliebtes Rondo „Über die Wut des verlorenen Groschen“, um im Gratulationsrausch mit Blumen und Geschenken, mit erhobenen Händen ihrem treuen Ensemble dankend, von der Bühne zu gehen. Das Heimspiel endete mit einem großen Fest der Wiener Klassik und ihren Vorgängern und strahlte vor Glück der Besucher. Was heißt hier überhaupt „Alte Musik“? Das L’Orfeo-Orchester hat natürlich ohnehin ein grenzüberschreitendes Programm in seinem stilistisch vielfältigen Repertoire. Herzlichen Glückwunsch!

Georgina Szeless/ Linz

 

 

 

Diese Seite drucken