LINZ/ Brucknerhaus: LIEDERABEND ERIKA BAIKOFF/ James Baillieu. Wirklich nur ein Liederabend ? 7.1. 2026

Wirklich nur ein Liederabend ?
Im Brucknerhaus in Linz weht seit der neuen Führung ein frischer Wind, an den man sich gerne gewöhnen wird. Weil man mit Neuigkeiten konfrontiert wird, weil man neuen Konzertfreunden begegnet, vor allem aber, weil eine besondere Programmgestaltung geboten wird, und vor allem in Linz noch kaum bekannte Künstler kennenlernt. Das war Mittwoch der Fall mit der Ankündigung der seit einigen Jahren weltgefragten Sopranistin russisch-amerikanischer Herkunft Erika Baikoff. Geschätzte 30 Jahre alt, aber schon mit vielen Ehrungen und Aufgaben erfolgreich präsent und aus dem Young Opera Program der Met in der Welt herumgereicht, nicht nur als Konzertsängerin, sondern im Opernfach für mehrere Rollen ausgewählt. Erst seit der Saison 2024/25 ist Baikoff Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper München. Vielseitigkeit ist zweifellos ihre Stärke, sprachgewandt im Metier der hohen Gesangskunst, die sie nun auch in Linz in voller Länge vorführte. Bei den Vorträgen in nicht weniger als vier Sprachen waren die Texte im Programm zwar vorsorglich abgedruckt, aber nicht immer übersetzt, mit einem beachtlichen Teil aus dem russischen Repertoire der agilen Künstlerin. Denn welche Bedeutung der Artikulation eines Sängers zur Ausdruckssteigerung zukommt, zeigt sich schon an der perfekten Ausbildung der Stimme. Bailoff ist begnadet mit einem lyrisch klangherrlichen Sitz ihres beim Einsatz höchstkontrollierten Organs. Das ist ein großes Plus und verrät ihre Klugheit und Zurücknahme ohne aufdringliches Forcieren. Die Höhe sowie alle Töne kommen aus der Gefühlstiefe ihres Herzens, da gibt es weder nach unten noch nach oben ein übersteigertes Entfalten des Timbres. Das ideale Bühnenmaterial offenbart sich gleich am Anfang ihrer Performance, inspiriert von verschiedenen Facetten einer Theaterdarstellerin. Wie gesagt, das gestalterische Phänomen ohne sprachliche Präzision nahm seinen Lauf von Anfang an.
Es begann mit einem englisch gesungenen Haydn, ging charmant weiter mit Mozart-Liedern (zu großer Freude blühte sein „Veilchen“ auf) und wechselte zu Dvoraks „Zigeunerliedern“, natürlich in der Originalsprache. Damit sollte dem slawischen romantischen Liedschatz des 19. Jahrhunderts gehuldigt werden. „Romans“ hieß der russische Gattungsbegriff, der sich schnell für Vertonungen von Texten etablierte als Grundlage eines neuen lyrisch-virtuosen Vokalgenres mit einer gewissen Nähe zur Folklore. Lieder von Nikolai Rimski-Korsakow zeichneten die Stimmung nach ebenso andere Vertonungen von namentlich bekannten Autoren. Die Musik, auch Raritäten darunter, klang vertraut aus anderen Werken. Das Publikum war gefordert, profitierte aber von dem ausgefallenen Programm. Die herausragende Stimme Baikoffs machte alles Unerwartete aus Wiener Klassik und slawischer Romantik wett. Die Klavierbegleitung von James Baillieu, der in der Lage war, den Schubertschen Geist spüren zu lassen, war ein Hochgenuss. Der Abschied kam für die Besucher, die dankend Zugaben erhielten, überraschend. Ich persönlich hätte mir vielleicht eine italienische Mozart-Arie gewünscht, die auch zu ihrem Repertoire gehört. Ein Wiedersehen im Linzer Musiktheater wäre schön!
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

