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LINZ/ Brucknerhaus: KONZERT WIENER PHILHARMONIKER unter Jakub Hrusa (Kodaly, Dvorak, Janacek)

11.12.2025 | Konzert/Liederabende

LINZ/ Brucknerhaus: KONZERT WIENER PHILHARMONIKER unter Jakub Hrusa (Kodaly, Dvorak, Janacek)

Nationale Bekenntnisse in der Musik aus gemischtem Blute

Das Konzertpublikum Linz weiß ein Gastspiel der Wiener Philharmoniker zu schätzen. Es füllte gestern randvoll im Parterre und am Balkon den Saal des Brucknerhauses. Das Orchester war ja auch schon lange Zeit nicht mehr in Linz, und wenn, dann nicht unter der Leitung des tschechischen Stardirigenten Jakub Hrusa (44), dessen internationale Karriere inzwischen ein Tempo im Senkrechtstart absolvierte. Als Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, Generalmusikdirektor des Royal Opera House Covent Garden und designierter Musikdirektor der Tschechischen Philharmonie. Hrusa vertritt jene dirigierende Generation, die mit Ihrer Pultpräsenz sparsam umgeht und eher langsamer als im frühreifen Stadium das Gestalten der Musik ausübt.

Die Wiener Philharmoniker lieben ihn und spielten unter ihm wie immer über ihre einzigartige Klangqualität hinaus ein Konzert mit einem Vorzeigeprogramm, das in der ungewöhnlichen Kombination von slawischen und ungarischen Werken des 20. Jahrhunderts am Rande des eigentlichen Standardrepertoires von Klangkörpern angesiedelt ist. Im Übrigen haben es die Wiener schon zwei Tage vor Linz in Wien präsentiert. Mit den fünf „Tänzen aus Galanta“ 1933 von Zoltán Kodály, Glaubensbekenntnisse der ungarischen Seele, zum 80jährigen Bestehen der Philharmonischen Gesellschaft in Budapest entstanden, erinnerten Form, Phrasierung und Melodik daran, was für den Komponisten die Volksmusik bedeutete. Und auch die persönliche Bekanntschaft Kodálys mit Béla Bartók führten die beiden Tonsetzer auf die gemeinsame Fährte, die Erforschung traditioneller Volkslieder zu bündeln. Bartóks mehrteilige Pantomime „Der wunderbare Mandarin“ entfesselte das Orchester und den Dirigenten zu einem wahren rhythmischen Feuerwerk. Dass Hrusas ausdrucksstarke, kultivierte Zeichen hier als besonders ausgelassen auffielen, machte ihn zu einem Idealinterpreten der auch in der Instrumentierung typisch ungarischen Werkmerkmale. Die verwendete Orgelstimme musste sich um ihre Durchschlagskraft bemühen. Ein anderer Hrusa konnte im tschechischen Programmteil genauso faszinieren. Welche Verwandlung der Persönlichkeit eines Dirigenten im Zwiegespräch mit seiner Heimat ! Der ohne Frack und Lackschuhe auftretende Maestro wendet sich mit aller Liebe Antonin Dvorák und dessen Symphonischer Dichtung „Die Waldtaube“ op. 110 zu  und verzichtet auf den Taktstock in totaler Hingabe an sein intensives Gefühlsvermögen. Die schlichte Geschichte des Werkes erzählt ja auch von der vorgespielten Trauer einer Frau, die ihren Mann vergiftet hat, aber durch das Girren einer Taube von ihrem Gewissen erlöst wird, indem sie sich ertränkt.

Als Höhepunkt des ereignisreichen Abends galt die „Rhapsodie für Orchester Taras Bulba“ 1915, 1918 für Orchester von Leos Janácek, ein dreisätziges wildes Stück, dessen Inhalt im dramatischen Furioso gespielt, noch einmal von den solistisch in allen Stimmen der Philharmoniker geforderten Qualitäten demonstrativ gedeutet wurde. Der bekannte Kosakenroman von Nikolai Gogol erzählt von dem alten Krieger Taras Bulba und seinen beiden Söhnen Andrej und Ostap. Einer von ihnen liebt eine schöne Polin und wird durch sie zum Verräter an den Seinen, worauf der eigene Vater den Treulosen erschlägt. Stürmisch-kriegerisches war also zu erleben. In dieser unglaublichen Intensität konnte dies aktuell und bewegend in unserer Zeit von Krieg, Not und Frieden wirken.

Laut, aber leider zu kurz reagierte das Publikum. Encores geben die Wiener ungern. Ein Solokonzert hätte man vielleicht erwartet, wenn es diesmal auch nicht gepasst hätte. So unbescheiden durfte man aber für das philharmonische Weihnachtsgeschenk nicht sein.

 Georgina Szeless

Kulturjournalistin

 

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