LINZ/ Brucknerhaus Verbeugung vor einer devoten Hingabe an Händel
Heinz Ferlesch im Applaussturm mit seinem Team bei Händels „Israel in Egypt“
Das Oratorium von Georg Friedrich Händel „Israel in Egypt“ muss mit einer besonderen Einfühlung für eine Aufführung erobert werden, wie sie im vollen Brucknerhaus dem Barockspezialisten Heinz Ferlesch und seinem fachkundigen Ensemble am Freitag gelungen ist. Das vergleichsweise knapp konzipierte Werk in drei Teilen für Soli, Chor und Orchester HWV 54, entstanden 1738-39, unterscheidet sich von den vielen anderen Oratorien Händels in mancherlei Hinsicht. Zunächst mit dem alttestamentarischen Stoff, dann puncto Inhalt, der das Schicksal der Israeliten in Ägypten bis zu ihrem Auszug über das Rote Meer und deren Errettung aus der Knechtschaft behandelt. Und zuletzt spielt das stilistische Merkmal des Werkes seines sich gerade neu orientierenden Schöpfers keine geringe Rolle. Händel, in Italien ein angesehener Opernkomponist, in Konkurrenz mit den Größen eines Corelli, Vivaldi, in England zum Wegbereiter der Oratorienproduktion nach Haydn und Mendelssohn geworden, hat als Freidenker und Kosmopolit seine eigene Tonsprache zwischen Opernnähe und Kirchenferne entwickelt. Weniger profiliert durch musikalische oder dramaturgische Reformen als durch Theaternähe und Bühnenwirksamkeit, Sanglichkeit oder Farbe. Die Musik widerspiegelt den schmerzhaften Charakter des Werkes. Händel greift bewusst auf das Genre des Anthems (englisches Pendant zur europäischen Psalm-Motette) zurück. Seine geniale Leistung offenbart sich durchwegs in der Ausprägung mit dem englischen Text. Deren Übersetzung ins Deutsche war in den Programmheften nachzulesen. Wurde schon die Uraufführung von „Israel in Ägypten“ 1739 in London keine Sensation, erscheint das Opus bis heute eher nicht so häufig auf den Konzertkalendern. In Linz kann man dankbar sein für die Begegnung, zumal das derzeitige Kriegsgeschehen in der Welt für die Werkbeachtung nicht inaktuell erscheint, und wie überliefert wird, das Oratorium bis zu Händels Tod Aufführungen in der vorösterlichen Zeit zu erleben pflegte.
Als wäre es eine Pflichterfüllung für Ferlesch, so gewissenhaft und andächtig bis zurückhaltend dem Stück dienend, dirigierte er seinen Chor ad Libitum, bedacht auf Präzision und Homogenität des Klanges. Zahlenmäßig gerade werkgerecht aufgestellt, erwies sich der Chor als Vertreter des Volkes als ein idealer Hauptträger der Aufführung. Die allgemein tiefreligiöse, introvertierte Haltung aller Interpreten führte zu einer ergreifenden Botschaft der Bibelerzählung. Vielleicht hätte ein etwas dramatischerer Zugriff, speziell in den Teilen zwei und drei, dem Werk gut getan, was aber das mitreißend musizierende Barucco Orchester ausgleichen konnte. Für Steigerungen in ihren Soloauftritten sorgten größtenteils heimische Kräfte mit Erfahrung in der Barockmusik und trotz der Fremdsprache für deutlich artikulierte Texte. Es waren dies die beiden koloraturstarken Soprane Miriam Kutrowatz und Maria Ladurner, der Tenor Johannes Bamberger in der Erzählerrolle, sonst meist Evangelisten in Passionen, die beiden Bässe Matthias Helm und Daniel Ochoa und der für das Aufblühen seiner Altstimme immer wieder zu bestaunende Countertenor Alois Mühlbacher, dessen steigende Karriereerfolge sich nicht per se einstellen. Das triumphale Finale des Abends endete mit vollverdientem Beifallssturm für alle Beteiligten.
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

