Linz: „#FÜNF – Neunte!“ – Konzert im Brucknerhaus Linz, Großer Saal, 19. 06.2026
Bruckner Orchester Linz unter Markus Poschner

Markus Poschner auf der roten Couch. Foto: Petra und Helmut Huber
Auch beim letzten Konzert dieser Saison in der Reihe des Brucknerorchesters konnte man wieder eine Menge interessanter Sachen über das Programm des Abends erfahren, im Gespräch „auf der roten Couch“ zwischen dem künstlerischen Orchesterdirektor Daniel Hochreiter und dem Dirigenten. Die beiden ca. 110 Jahre auseinanderliegenden Werke markieren Wendepunkte: die Beethoven-Symphonie bricht mit den Konventionen der im doppelten Sinne klassischen Symphonie mittels ihres „dissonanten“ und „falschtonartigen“ Auftaktes (welch Irreführung sich zu Beginn des 4. Satzes in anderer Form wiederholt); Mahler markierte mit seinem, keiner spezifischen Tonart mehr verpflichteten Werk endgültig den Einzug der Moderne in die Symphonik.
Leider beginnt nun auch der Abschied des großartigen Dirigenten und Orchesterchefs von Linz – dieser wird sich, sicher mit einigen wunderbaren Konzerten und Opernabenden, zwar noch ein Jahr hinziehen, aber der Countdown läuft…
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 1 C-Dur op. 21; uraufgeführt unter Leitung des Komponisten am 2. April 1800 im K. K. National-Hof-Theater in Wien. Der Dreißigjährige feierte damit einen verglichen mit Zeitgenossen späten, aber erfolgreichen Einstieg als Symphoniker. Die heutige Besetzung ist der damaligen angepaßt: 53 Damen und Herren besetzen das Podium.
- Satz: Adagio molto – Allegro con brio: Sept- und Subdominantenakkord zu Beginn werden entschieden gesetzt, bevor das Hauptthema luftig, leicht und präzise seinen Lauf nimmt. Der 2. Satz nennt sich Andante cantabile con moto, ist aber ein eigentlich klassisches Menuett, das dementsprechend elegant intoniert wird. Auch mit dem 3. Satz düpierte Beethoven sein Publikum: das „Menuetto“ ist in Wirklichkeit ein herzhaftes Allegro molto e vivace, bei dem die auch technische Brillanz des Brucknerorchesters strahlt. Der 4. Satz kommt mit Adagio zuerst würdig und mit dem tonleiterhaften Hauptthema textgemäß etwas zögerlich daher, bevor das Orchester Allegro molto e vivace noch einmal alle Pracht, Virtuosität und Brillanz aufleuchten läßt.
Schon diese 30 Minuten vor der Pause sind nicht nur ein großes musikalisches Vergnügen (und ein Beleg, wie ideensprühend und fulminant Beethoven vor 226 Jahren ins „Sinfoniengeschäft“ eingestiegen ist), sondern auch insoferne ein Vergnügen, als man das wahrhaft symbiotische Zusammenwirken von Orchester und Dirigent verfolgen und genießen kann.
Großer, begeisterter Applaus.

Applaus nach Mahler. Foto: Petra und Helmut Huber
Nun wird auf 96 Musikerinnen und Musiker im Orchester aufgestockt, denn im zweiten Teil folgt Gustav Mahlers „Angstprojekt“ Symphonie Nr. 9 (sein davor verfaßtes „Lied von der Erde“ nannte er inoffiziell „Neunte“ zwecks Umschiffung Beethovens, Bruckners und Dvořáks „tödlicher“ Symphonienzahl). Dieses Werk war schon für das Eröffnungskonzert des ersten eigenen Abonnementzyklus des BOL für den 18. 10. 2020 geplant, mußte aber wegen einer Coronainfektion im Orchester durch eine (unglaublich spannungsreich und brillant dargebrachte) 5. Beethovens ersetzt werden.
Mahler hat das Werk nie gehört, denn die Uraufführung (die Wiener Philharmoniker unter Bruno Walter) fand am 26. Juni 1912 in Wien statt, gut ein Jahr nach dem Tod des Komponisten. Mahler sah für diese, großteils in Toblach im Pustertal verfaßte, Sinfonie ausdrücklich keine Tonartbezeichnung vor.
Der 1. Satz (Andante comodo) wird bereits mit stupender Dynamik und Präzision interpretiert, einfach hinreißend! Zum 2. Satz meinte Poschner in der Einführung: „Könnte auch überschrieben seit mit ‚Alles, was ich am Land nicht mag‘“; Im Tempo eines gemächlichen Ländlers kommen (allerdings sehr gut sitzende!) Holzschuhe daher, in einem ins Groteske und vielleicht sogar Totentanzhafte verzerrten Scherzo. Inneres Bild: Jugendstilornamentik, aber sehr doppelbödig, mit einem guten Anteil an Unheimlichem – einfach fabelhaft interpretiert! Für den 3. Satz (Rondo-Burleske) bietet Poschner als Kontrastidee zum 2. „Alles, was ich an der Stadt nicht mag“ an. In der Tat drängt sich der Gedanke auf, Mahler hätte – auch in der Beschaulichkeit der Sommerfrische am Dolomitenrand – an das modern-umtriebig-chaotische New York gedacht. Jedenfalls: das Orchester entfesselt ein (präzises!!) Chaos, und die tornadoartige Steigerung zum Finale des Satzes läßt einen atemlos zurück.
Das Adagio des 4. Satzes (Sehr langsam und noch zurückhaltend) erinnert an eine Veranstaltung zum Buch „Bruckner Befragungen“, das Poschner mit dem Musikwissenschafter Jan David Schmitz verfaßt hat; da kam auch Sergiu Celibidaches Bruckner-Stil zur Sprache („sehr breit, würde ich heute nicht mehr so machen“): nun, der Choral zu Beginn klingt sehr ähnlich, wie wir „Celi“ im Ohr haben, und das ist hier und bei Mahler bei dessen Neunter genau richtig so! Überhaupt wird dieser Satz mit den Anklängen an die Kindertotenlieder unglaublich intensiv und aufwühlend, fast zu Tränen rührend, präsentiert, mit sagenhaften solistischen Leistungen. Mahlers Forderungen „mit innigster Empfindung“ und „ersterbend“ werden restlos erfüllt – nicht zuletzt durch die Fähigkeit der Streicher, unglaublich leise unglaublich sauber intoniert unglaublich hohe Töne zu produzieren – Sphärenklänge, schließlich wahrlich ersterbend verhauchend.
Was wir da erlebt haben? Eineinhalb Stunden lang eine eigentlich unmögliche gleichberechtigte Vereinigung von Transparenz, Präzision, Dynamik und Emotion, geschaffen von einem perfekten Orchester unter einem perfekten Dirigenten. Steigerung undenkbar. Dementsprechender Jubel, standig ovation.

Markus Poschner bedankt sich beim Konzertmeisterpult Ruth Elisabeth Müller und Tomasz Liebig. Foto: Petra und Helmut Huber

Applaus auch noch nach 8 Minuten. Foto: Petra und Helmut Huber
NB: für die Aufführung dieses Programms heute Abend im Musikverein gibt’s noch einige wenige Karten!
Petra und Helmut Huber

