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LINZ/ Brucknerhaus: EIN DEUTSCHES REQUIEM von Johannes Brahms am offiziell letzten Tag des Brucknerfestes

01.10.2026 | Konzert/Liederabende

Johannes Brahms: „Ein deutsches Requiem“ am offiziell letzten Tag des Brucknerfestes – an Bruckners Todestag (11.10.) kommt noch Welser-Möst nach Linz

In einer einzigartigen Darbietung von leidenschaftlich Musizierenden unter der Pultführung der deutschen Dirigentin Anja Bihlmaier

Lieben Sie Brahms, wenn noch nicht, dann jetzt nach dem Erlebnis seines Requiems, das alle Furcht vor dem Scheiden aus dem Leben verbannt. Selten war die Ergriffenheit des Publikums bei der Aufführung einer Totenmesse so stark zu fühlen wie am Mittwoch im leider nicht ganz ausverkauften Saal des Brucknerhauses. Bei dem Werk handelt es sich aber nicht um ein Requiem üblicher Art. Brahms hatte die Bibelworte nach eigenem Empfinden zusammengestellt und daraus einen Text in deutscher Sprache in Töne gesetzt, versehen mit Grüßen nicht nur etwa an Schumann. Nicht ganz zufrieden mit dem deutschen Titel, meinte Brahms einmal, man müsste sein Werk als ein „menschliches – humanes“ bezeichnen. Der tiefgläubige Bibelkenner Brahms wollte dadurch wahrscheinlich ein persönliches Bekenntnis zu den natürlichen Gedanken von Tod und Leben ablegen. Gleichwohl sein siebensätziges und damit größtes Vokalwerk, 1868 erstmals in voller Länge an die Öffentlichkeit gelangt, schlug wie ein Blitz ein beim Publikum und behält den unaufhaltsamen Erfolg bis heute. Die wirkliche Reife einer voll ausgeschöpften Nachbildung zu erlangen, braucht es allerdings jahrelang erprobte Studien, so  dass keine Rede von einer regelmäßigen oder periodisch wiederkehrenden Begegnung mit dem Werk die Rede sein kann. Und daher des Öfteren schon Versuche unternommen wurden, die Popularität des Requiems zu steigern. In Wien sah ich vor noch nicht langer Zeit eine Aufführung des Brahms-Requiems, die zur Ausdeutung und Verständlichkeit mit einer Ballettausstattung bebildert wurde. Teodor Currentzis, der waghalsig experimentierende Pultstar, verschaffte sich damit eine Sensation, die mich bis heute nicht loslässt. Die jetzt für lange in bleibenden Erinnerung verdächtige Aufführung brauchte keine Bildersprache zum Verständnis der Bibelworte. Die in allen Belangen musikalisch mustergültige Produktion erfüllte alle Erwartungen, ja ging darüber noch hinaus, nicht leicht, wo man mit den Laudationes anfangen soll.

Das seltene Wunder einer Vollkommenheit vollbrachten alle Mitwirkenden der Aufführung. Vom ersten Takt an, wo der Chor im schwebenden Piano zu intonieren beginnt, erkannte man schon, dass man es mit einem Ausnahmechor zu tun hat. Es war die Audi Jugendchorakademie in einer Riesenbesetzung aus verschiedenen Ländern (Einstudierung Martin Steidler) mit einem fugensicher homogenen Klang, warm getönt, mit „intonatorischer Perfektion“ und Präzisionseifer. Geprägt von langjähriger Partnerschaft mit Kent Nagano und der Akademie für Alte Musik sind seine Vorteile eines disziplinierten Ensembles keine Überraschung. Ausgebildete Chorsänger sind eben gesuchte und ausgesuchte Vokalisten. Dass es auch sprachlich beim deutschen Text keine Hürden zu überwinden gab, ist zudem bei der tadellosen Artikulationskunst der Chöre besonders erwähnenswert. Bewährt hat sich das Ensemble übrigens gleich zu Beginn des Abends bei dem homophon konzipierten Mini-Opus, Psaume 24 für Chor, Orgel und Orchester, von Lili Boulanger (1893-1918) aus der in ihrer Zeit auch pädagogisch äußerst bedeutenden französischen Familie stammend. Tochter Lili wurde krankheitsbedingt nur 23 Jahre alt.

Zurück zu Brahms und seinem Requiem: Die nicht leicht besetzbaren Solopartien – ein hoher Sopran und ein Bariton – wurden in ihrer Wahl ebenfalls mit Bedacht auf authentische Anpassung hohen Ansprüchen gerecht. Julia Grüter, in Linz angeblich von einem Silvesterkonzert 2024 im Brucknerhaus noch in Erinnerung, faszinierte mit meist gefürchteten Spitzentönen in höchster Lage, durch ihre glanzvoll und spielend präsentierte Lage, und der kanadische Tenor Joshua Hopkins, etwas zurückhaltend besonders in seinem ersten Solo „Herr, lehre doch mich“ (quasi das „dies irae“ – der Tag des Zorns – in sonstigen Requien), hätte mit dem Ausdrucksreichtum seiner schönen Stimme nicht sparen müssen.

Und nun zur Dirigentin Anja Bihlmaier (47), gebürtig aus Schwäbisch-Gmünd, vermutlich neu im Brucknerhaus, Erste Gastdirigentin des BBC Philharmonic Orchestra, das bereits seit 100 Jahren durch seine unverwechselbare Energie begeistert. Nun stellte sie sich als eine Offenbarung der mittleren Generation von weiblichen Stabführern vor. Diese wachsen ja langsam zu beachtenswerten Vertretern in der männlichen Pultdomäne heran. Bihlmaier überzeugte vor allem durch ihre Bescheidenheit ausstrahlende Art einer Impulsgeberin, die ihrem Lieblingskomponisten Brahms mit Herzblut als Dienerin begegnet. „Ich kann nur das, was ich liebe, das soll mein Leben werden“ lautet ihr Motto, hier wurde es zu einer wirksamen Ausdrucksstärke. Wenn sie mit weitschwingenden Armen den Taktstock hebt, die Musik fest bis zu den Fingern deutend den gestalterischen Griff bestimmt, nimm ihr Werk prägende Charakterzüge an. Und das Orchester folgt ihr in schönsten Tönen in glücklicher Verfassung. Aufbrausender Beifall am Schluss für ein großes Geschenk in Brahms verpackt. Wann wird man diese Referenz-Interpretation wieder so hören können?

Georgina Szeless
Kulturjournalistin

 

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