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LINZ/Brucknerhaus: Distanzierte Bewunderung für einen Antistar am Flügel. Rafal Blechacz nahm sich wenig Zeit für Linz

01.03.2026 | Konzert/Liederabende

Kein starker Jubel, keine standing ovations und ein kurzer Abend, werden in Erinnerung bleiben vom Klavierrecital des polnischen Pianisten Rafal Blechacz (40) im Brucknerhaus Linz. (28.2.2026)

Distanzierte Bewunderung für einen Antistar am Flügel

Rafal Blechacz nahm sich wenig Zeit für Linz

Der Mittlere Saal wäre fast zu klein geworden für dieses Ereignis. Denn ein solches wurde erwartet, dass die Ausnahmeerscheinung Blechacz in der heutigen Welt schneller Erfolge demonstrieren sollte. .Nicht allein durch ihre Souverenität am Flügel sondern durch ihren  längst bewiesenen Weltklassenrang, dem zufolge er so viel Genialität mit so wenig Stargehabe auf den Tasten offenbart. Zurückhaltung ist neben vielen Vorzügen wohl eine besondere Stärke von Blechacz. Damit imponierte er schon im frühen Alter. Knappe zwanzig geworden, gewann er als erster Pole den prestigeträchtigen Chopin-Wettbewerb in Warschau, seither zieren noch mehrere Auszeichnungen seine Karriere. Der heute Vierzigjährige geht sparsam um mit jährlichen Konzerten, lebt äußerst bescheiden und zurückgezogen; wie er einmal sagte, spiele er halt ganz einfach Klavier.

Ein Credo von dieser Art verriet auch sein Programm für das Linzer Gastspiel. Bewusst kein klassischer Sonatenabend sollte es werden, womit das Publikum vielleicht etwas mehr Begeisterung oder Freude gezeigt hätte. Es waren nur scheinbar einfache, wenngleich für ihre Schöpfer bedeutende Stücke im Übungsformat, wie man sie von der Klavierstunde her kannte. Aber bei Blechacz mit einer Tiefsinnigkeit neu belebt, zu Charakterstudien aufgewertet und oft in den rasanten Tempi bewundernswert, wie technische Präzision und Musikalität die Ausdruckskraft der Stücke steigern können. Man hole Mozarts die anfangs eröffnende Klaviersonate Nr. 11 A-Dur aus 1783-84 ins Gedächtnis, einer Zeit der Unterrichtstätigkeit Mozarts, die ihn, nachdem er den fürsterzbischöflichen Dienst in Salzburg quittiert hatte, gar nicht recht freute. Beim populären türkischen Marsch dürfte er sich gründlich ausgelassen haben. Oder die Vier Impromptus D 899 von Schubert, in denen der Liederfürst seinen Hang zur Melodieseligkeit nicht verstecken konnte, arbeitete er doch gerade am Zyklus seiner „Winterreise“ und vielleicht schon Vorstudien zu einer viersätzigen großen Sonate im Auge hatte. Kein Tempo konnte Blechacz auch bei Schubert nicht schnell genug werden, um die inhaltlichen Zusammenhänge des Werkes aus 1828 zu schmälern. Feinfühlig bei den Übergängen, bei der Sorgfalt, bei der Phrasierung, die Begeisterung für den Antistar steigerte sich von Stück zu Stück immer mehr und fand zu weiteren Höhepunkten. Den Olymp bestieg Blechacz nach der Pause natürlich erst mit „seiner“ Chopin-Anbetung. Sein Geständnis, Chopin hätte wie kein zweiter Komponist sein Leben, seine Karriere, geprägt, bedurfte keiner deutlicheren Bestätigung mehr. Und nun ging er erst vollends aus sich heraus. Die typisch polnische Melancholie, die feinherbe Klangkultur, die Balance zwischen dem Farbenreichtum im Anschlag, die raffinierte Rhythmik und kontrapunktische Kunst der Strukturierung, alle diese Facetten im Spiel setzten  delikate Akzente, glitzernd tönend wie Edelsteine im Himmel eines Frédéric Chopin. Ob in der Fis-Dur Barcarole op. 60, in den Drei Mazurkas op. 50, in der As-Dur Ballade Nr.3 op. 47 oder im virtuosen Cis-moll Scherzo Nr.3 op. 39. Wie seltsam oder ein Zufall, dass alle drei Komponisten am Programm keine vierzig Jahre gelebt haben und Blechacz heuer der seinerzeitigen Auszeichnung seines Lebens in Warschau unmittelbar gedachte.

Wie gesagt, das Finale des Abends kam viel zu rasch. Nur eine Zugabe war dem wenig kommunikativen Künstler mit dem Publikum abzuringen. Aber vergessen wird man den Auftritt eines weltgewandten Tastenzauberers nie.

 Georgina Szeless
Kulturjournalistin

 

 

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