Beethovens Verneigung aus dem Jenseits vor dem Abgott Mahler
Markus Poschner als authentischer Mahler-Interpret

Markus Poschner bedankt sich bei den Konzertmeistern. Foto: Huber
Bevor Chefdirigent Markus Poschner Linz verlässt, schenkt er uns noch einige Mahler-Ereignisse, die man nicht vergessen wird. Am Freitag, 19. Juni 2026, stand er am Pult seines Bruckner Orchesters, um die Sinfonie Nr. 9 D-Dur von Gustav Mahler in einer Intensität zu dirigieren, die das Prädikat „Ausnahmeaufführung“ verdient. Dieser sinfonische Koloss, dessen kontinuierliche Darstellung relativ schleppend erst nach 1945 einsetzte und manchen Dirigenten auf der Suche nach Wahrheit Rätsel bereitete, ist in der Tat ein Ausnahmewerk. Angefangen von Bruno Walters Pionierleistung mit der Uraufführung am 26. Juni 1912 in Wien, über die ersten Höhepunkte in den 60er Jahren (Sir John Barbirolli), die Interpretationen Bernsteins in den 70er und 80er Jahren bis zu den abgeklärten Spitzenaufführungen in der Vergangenheit (Abbado, Blomstedt, Jansons), waren schon manche Irritationen am Mahler-Pult zu erleben. Stets ist man auf der Suche nach einem besonderen Ton, um dem untrüglichen Gefühl für die Auseinandersetzung mit einem magischen Werk gerecht zu werden. Dahin führen viele Wege. Etwa die absolute Formfreiheit der vier Sätze durch die Welt der Musikliteratur, der Reichtum und die Vielfalt des Einfalls, unähnliche Themen, ständige Abwechslung oder eine verschwenderische Phantasie bis zu der seltsamen Musik, in der die scheinbar gänzlich unversöhnlichen, melodischen und harmonischen Elemente zu einer Einheit verschmelzen. Fesselnd ist die lautere Güte bei Mahler, mit der er allein schon die geheimsten Fasern des Herzens zu erreichen fähig ist. Markus Poschner tauchte in diese fordernde Welt völlig unverkrampft und gestisch ausdrucksreich mit einer Natürlichkeit ein, deren Leuchtkraft spontan auf das Publikum übersprang. Dass er mit der Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21 von Beethoven den Abend eröffnete, war schon der richtige Start für ein beziehungsvolles Gespann. „Beethoven und Schubert waren die wahren Lehrer Mahlers“ hieß es einmal, wobei sich freilich Haydn, Mendelssohn und Liszt mit Wagner ebenfalls aus dem Jenseits vor dem Abgott Mahler und seiner Originalität verneigen. Tradition und Moderne treffen aufeinander. Abschied und Aufbruch bedeuten gleichermaßen das Verlassen der Spätromantik und den Beginn einer neuen Musikepoche. Der Kopfsatz in D-Dur Andante comodo der „Neunten“ kündigt quasi das tragische Leben Mahlers an und hört sich wie eine Biografie an. Im Tempo eines gemächlichen Landlers geht es unverkennbar zu Schuberts Freudensprüngen, wenn auch weniger derb bei Poschner, die Rondo-Burleske klingt fast ein wenig geheimnisvoll beschwörend, und sphärenhaft schwebt Mahlers Musik über dem tragischen Finale in Des-Dur, das Poschner in einem Pianissimo-Hauch langsam ausatmen lässt, quasi ein Lebewohl, mit dem er sein Abhandenkommen von der Welt andeutet. Das Bruckner Orchester mit seiner neuen Konzertmeisterin Ruth Elisabeth Müller, die der Maestro mit seinem (!) Blumenstrauß bedachte, wuchs förmlich über sich hinaus und folgte mit akribischer Hingabe der physisch wie geistig Mahler ergebenen Leistung Poschners. Das Publikum im restlos ausverkauften Brucknerhaus brach in einen lautstarken Jubel aus und war überzeugt, Gustav Mahlers „Neunte“ je kaum von solcher Inbrunst erlebt zu haben. Die Aufzeichnung des Konzertes aus dem Wiener Konzertverein wird am Dienstag, dem 1. September 2026 auf Ö1 um 19.30 Uhr gesendet.
Georgina Szeless
Kulturjournalistin
Ederstraße 6

