Als wäre Gustav Mahler auferstanden
Die neunte Symphonie im Originalklang vom Mahler Academy Orchestra im Brucknerhaus
Aus dem weitumspannenden Programm des Brucknerfestes 2026 in Linz ragte der Abend von Gustav Mahler heraus, den man wohl nie vergessen wird. Leider war das Brucknerhaus nicht ausverkauft, aber am Ende reagierte das Publikum auf den Erfolg mit einem regelrechten Pfeifkonzert und Jubel. Es gibt sie doch die Mahler-Fanatiker und wenn bisher nicht, dann bestimmt nach diesem einzigartigen Abend aus zwei Gründen. Am Pult gab es ein Wiedersehen in Linz mit dem Hamburger Dirigenten Philipp von Steinaecker, der seine Cellistenkarriere seit längerer Zeit offenbar zu Gunsten anderer Aufgaben eingeschränkt hatte. Diesmal kam er nämlich als Forschungsvater eines Orchesters, das sich Mahler Academy Orchestra nennt und sich zum Ziel setzt, Mahlers Werke im Original zu erwecken. Die Gründung des Ensembles aus Mitgliedern europäischer Spitzenorchester wie den Berliner Philharmonikern oder dem Royal Concertgebouw Orchestra geht auf Claudio Abbado zurück und spielt auf Originalinstrumenten, mit denen der Klang des Hofopernorchesters Wien um 1900 akribisch rekonstruiert wird. Der Sitz des „neuen“ Mahler mit all seinem Klangkosmos ist in Toblach, dem von Gebirge eingekreisten Dolomitenort, wo Mahler gerne komponierte und seine Neunte teils auch zu schreiben ansetzte. Wenn die Pläne Realität werden, sollen die Ambassadors das gesamte symphonische Werk Mahlers weiterhin einer Wiederbelebung zuführen und einen wesentlichen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte der Musik leisten. Man würde es sich wünschen, denn die Musiker spielten den neuen Mahler – mit einer Überzeugung ihres wertvollen Dienstes und Leidenschaft, die man sich kaum effizienter vorstellen könnte.
Aber nun zu Mahlers „Neunter“, wie wir sie bisher noch nicht gehört haben. Es sind nicht nur die auf Darmsaiten spielenden Streicher, die für mehr Transparenz und einen an Wärme schmeichelhaften Klang garantieren, sondern die Zerbrechlichkeit des menschlichen Wesens deutlicher denn je zu illustrieren vermögen. Gerade bei der letzten Symphonie Mahlers mit ihrer Weltuntergangsstimmung wird diese Souveränität der Darstellung wie von selbst zu verstärkter Wirkung. Das 1909 bis 1910 entstandene Opus zwischen Spätromantik und Moderne setzt sich über alle Grenzen der musikalischen Gesetze hinweg und steuert einem „Abschied von der Welt“ zu, indem der Hörer von ekstatischen Höhenflügen des Lebensglücks himmelwärts plötzlich brutal in ein Jammertal abstürzt. Mahler gehen die Kontraste und revolutionären Versuche in keinem der vier Sätze aus. Dabei wandeln seine Gedanken zu Vorbildern der Komponisten von Sinfonien mit der Zahl neun wie Bruckner, Beethoven oder Dvorak, ohne er diesen nacheifern wollte. Die Uraufführung seiner Neunten 1912 in Wien erlebte er selbst nicht. Sie erfolgte durch den Vertrauenskollegen Bruno Walter, mit dem er brieflich bekennende Worte tauschte: „Ich habe blind darauf geschrieben, beim letzten Satz kenne ich den ersten nicht mehr…“ oder auch „…so muss ich mich den Schrecknissen der Einsamkeit überliefern…“. Eine neue musikalische Richtung brauchte Mahler nicht suchen und war sich dennoch sicher, dass er sich trotzdem auf dem traditionellen Boden zu neuen Regionen bewegte. Die Zukunft lag für ihn weniger in der Kühnheit der Tonalität als in der Neuartigkeit der formalen Lösungen und wandelbaren Harmonik. Freilich Bruckners Geist schwebt gerade in dieser Hinsicht oft über seinen Einfällen. Bodenständige Ländler, beschwingte Walzer, gewöhnliche „Jahrmarktmusik“ auch Choräle zaubert das differenziert behandelte Orchester im Kopf- und Finalsatz, eine durchkomponierte Fuge wird man eigentlich kaum finden. Statt des Hauptthemas schreibt Mahler einen dreiteiligen Liedsatz von großer Ausdehnung. Am Ende der romantischen Symphonie erklingt ein Motiv mit deutlichen Parallelen zum Finale von Bruckners 9. Symphonie, die ein Fragment geblieben ist. Die Endlichkeit als Motto des Brucknerfestes war von Mahler mit 51 Jahren viel zu früh erreicht. Die Skizze zu einer zehnten Symphonie hinterlässt zum Trost ein wunderbares, aus dem Konzertsaal berühmt gewordenes Adagio in Fis-Dur aus Toblach, und damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt des Abends.
In sinnvoller Ergänzung des Programms standen darauf noch Mahlers „Kindertotenlieder“, dem traurigen Tod von zweien seiner Kinder zugedacht, Vertonung von 428 Gedichten von Friedrich Rückert. Die singapurisch-britische Mezzosopranistin Fleur Barron, in mehreren Fächern vielseitig und international beschäftigt, dürfte für die Lieder prädestiniert sein, allein schon durch die den Versen innewohnende Musikalität bei Rückert. Ihr natürliches Timbre in düsteren Farben nutzte die Sängerin zur vollen Ausschöpfung der Tessitura und führte ihre Stimme auf sanften Schwingen in jene Lagen, die Seele und Geist berühren. Viel zu selten ist die Komposition zu hören, ist es doch schwierig, ihr authentisch beizukommen. Es wäre nur eine bessere Textverständlichkeit zu erwarten gewesen, doch luden die Lieder im Programm zum Nachlesen ein.
In Erinnerung wird dieser Brucknerfest-Abend noch lange bleiben. Für Linz feierte der neue Mahler eine Premiere. Erst tags darauf kann Wien den echten Mahler-Klang erfahren.
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

