AK Classics auf neuer Programmlinie zum Start der 65. Konzertsaison (5.11.2026)
Mit Yin-Chen Lin am Pult des Bruckner Orchesters das Konzert fest in starker Frauenhand
Von Überraschungen zu einem sensationellen Ereignis führte am Donnerstag das Konzert AK Classics im bis zur Galerie vollen Brucknerhaus. Ein jubelndes Publikum, neue Programmideen, eine aus Taiwan gebürtige Dirigentin mit internationaler Karriere und das Bruckner Orchester waren dafür genug Beweis. Man begann die 65. Saison dieser beliebten, unverzichtbaren Konzertreihe, an der die kulturbewusste Arbeiterkammer Linz festhält, um allen Konzertinteressenten klassische Musik zu moderaten Preisen anzubieten. Natürlich auch jenen, die diesem Zweig der Musik nicht unbedingt zugetan sind, aber neugierig und lehrreich das fremde Terrain kennenlernen wollen. Solche Absichten waren in früheren Zeiten nicht immer spürbar, so dass die Veranstalter oft mit Fingerspitzengefühl bei der Programmwahl vorzugehen hatten, um die ahnungslosen Besucher nicht zu überfordern. Wie sehr haben sich diese Überlegungen überlebt! Auf zur Avantgarde!
Namenlose Freude darüber, wieviel Mut und Vorsicht dieses Mal bei der Wahl der Werke und deren Ausführung aufgebracht wurden. Gedanken an irgendein Risiko konnten völlig ausgeschaltet werden. Es waren nämlich durchwegs Spitzenkünstler am Werk. Das auf der Höhe seines Musizierens im philharmonischem Format stehende Bruckner Orchester, mit dem Yin-Chen Lin ihr Linzer Debüt in einem spontan auftretenden Verständnis feierte. Ihre sympathische Ausstrahlung, die Kraft ihres gestischen Ausdrucksvermögens, die Überzeugung, dass hier keine Dirigentin mit Selbstinszenierung agiert, machten sie rasch zu einem Publikumsliebling in einem überaus fordernden spätromantischen Programm nicht alltäglichen Inhalts. Aus Frankreich und Russland kamen die Stücke, die nicht nur im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden sind, sondern auch die Musikgeschichte jenseits des alten abendländischen Erbes am Beginn einer neuversuchten Ära markieren, aber freilich eine völlig unterschiedliche Klangwelt repräsentieren. Den Anfang machte Lili Boulanger (1893-1918) mit der Orchesterfassung ihres „Frühlingsmorgens“ (D´un matin de printemps), die Schwester der berühmten Nadja, die der mit 24 Jahren viel zu früh verstorbenen Lili auch schöpferisch beistand. Dieser führte zur Verleihung des ersten weiblichen Rompreises und brachte Ehre für ihr schmales Werk ein. Als ein großer Freigeist ist der Franzose Jaques Ibert (1890-1962) in die Musikgeschichte eingegangen. Sein Flötenkonzert inspirierte den Fauré-Schüler zu einem Übermut harmonischer Ausuferungen nach mehreren Stilrichtungen. Die Flötistin Andrea Dusleag aus der Solistengarde des Bruckner Orchesters spielte den atemlos ununterbrochenen Solopart des Werkes mit einer derartig souveränen Überlegenheit, dass das Publikum auf keinen einzigen Ton hätte verzichten wollen. Das gerade nicht sofort verständliche Opus unterdrückte fast die faszinierende Bewunderung für eine schöpferisch individuelle Aussage, weit weg von dem befürchteten zeitgenössischen Zuschnitt.
Der erwartete Höhepunkt im Programm kam aus Russland von Nikolai Rimski-Korsakow (1844-1908) mit dessen Sinfonischer Suite op. 35 „Scheherazade“, die man wahrscheinlich nur dann aufs Programm setzen kann, wenn man einen Konzertmeister von der Qualität eines Jacob Meining zur Verfügung hat. Er gestaltet die betörenden heiklen Streicherklänge in höchster Lage, die das viersätzige Werk wiederholt durchziehen mit einer Präzision, dynamischer Farbenpracht und konkurrenzloser Hingabe als ein echter Titelheld in dem Märchenstück aus 1001 Nacht. Welch besinnliches Geschehen in dieser Musik ausgedrückt wird, wurde ebenso in den vielen einzelnen Soli auch vom Orchester erfahrbar gemacht, so dass für derartige Leistungen vielen Instrumentengruppen ein großes Lob gebührt. Dass die Dirigentin mit Leidenschaft, fesselndem Temperament, mit Herz wie geistigem Aufwand dem Werk diente, war hier besonders aufgefallen und klanglich nicht zu überhören. Das Publikum reagierte euphorisch, und als ihr Töchterlein mit einem Blumenstrauß für die Mutti die Bühnentreppen hinaufkam, wusste man das außergewöhnliche Ereignis eines Konzertes in starker Frauenhand zu begreifen. Dem AK Classics Team Hochachtung und beste Wünsche für sein Weitermachen.
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

