- Mai 2026 Konzert Craig Taborn Nicole Mitchell
Eine Reise durch die jüngere Musikgeschichte
– Nicole Mitchell und Craig Taborn im Duo beim MAERZ_jazz

Foto: Haunschmid
Die Flöte spielte im Jazz lange Zeit als Soloinstrument keine besondere Rolle. Wenn sie überhaupt eingesetzt wurde, dann eher als Zweitinstrument zu den Saxofonen, Eric Dolphy oder Charles Lloyd kann man da nennen. Jeremy Steig oder Herbie Mann gehören zu den Ausnahmen, die diese Regel bestätigen.
In der Linzer MAERZ_jazz Reihe, die seit vielen Jahren von Robert Urmann kuratiert wird und immer wieder aktuelle, hochspannende Künstler:innen in die Landeshauptstadt bringt, gastierte am Dienstagabend mit Nicole Mitchell die innovativste Flötistin des zeitgenössischen Jazz im Duo mit Craig Taborn, seit vielen Jahren einer der wesentlichen Pianisten der Szene. Mitchell kam zum ersten Mal, während Taborn schon als Stammgast in Linz zu bezeichnen ist.
Ein bemerkenswerter Konzertabend im Bechstein Centrum in der Bethlehemstraße. Die beiden spielen gänzlich unverstärkt, ohne Präparation des Klaviers und völlig ohne elektronische Modulation. Die Sounds erhalten eine Unmittelbarkeit und Intimität, die sowohl die beiden Musiker:innen als auch das Publikum verzaubern. Eigene Stücke balancieren Komposition und Improvisation perfekt aus, geben Halt und Struktur, erlauben ausholende Exkurse. Die moderne Klassik ist den beiden nicht fremd. Immer wieder meint man Einflüsse von Debussy oder Bartok zu erahnen. Aber auch Jazzmeister wie Cecil Taylor oder Keith Jarrett hinterlassen ihre Spuren. So wird das Konzert zu einer Reise durch die neuere Musikgeschichte, changiert zwischen zärtlicher Umarmung und ekstatischer Aufwallung. Technische Brillanz paart sich mit musikalischer Kraft und überschäumender Spielfreude. Das Schlussstück fasst das noch einmal zusammen: Der Anfang reduziert, leise, jedem einzelnen Ton Bedeutung gebend, dann Steigerung, Beschleunigung bis zum mächtigen Schlussakkord. Großartig.
Christoph Haunschmid

