Die unvergleichliche Gesangskunst einer Anna Netrebko im Musiktheater
Ein strahlender Gala-Abend des Weltstars mit ihren grandiosen Freunden

Copyright: Philip Brunnader
Sonntag, 21. Juni 2026: Besucherströme ins Musiktheater in ein volles Haus, Vorfreude, Neugierde und herzlicher Empfang für die weltbekannte Künstlerin, die nach etlichen Jahren des ersten Linz-Besuches am Domplatz nun erstmals ins Musiktheater kam. Sie mochte die ehrliche Gastfreundschaft des Publikums gespürt haben. Dessen Erwartungen waren groß, wurden aber von Anna Netrebko bei Weitem übertroffen. Die Diva ließ sich von drei „Freunden“ begleiten, natürlich von adäquatem Format ihrer Kunstausübung, was absolut zu begrüßen war und mehr als eine Bereicherung bedeutete. Am Klavier vom Solorepetitor des Bolschoi-Theaters Pavel Nebolsin, der sich auch als Interpret mit dem cis-moll Prélude von Rachmaninow und den selbst bearbeiteten Rondo-Variationen über Bellini-Themen großartig einstellte, von dem russisch-österreichischen Geiger Kurt Mitterfellner und von der international tätigen, Moskau verbundenen Mezzosopranistin Elena Maximowa, die mit Netrebko in klanglich homogenen Duetten reüssierte. Ihre Partner für den Abend waren also keinesfalls zufällig gewählt.
Das bewies auch das Programm Netrebkos mit ihrer Herkunft aus Russland, aber gerne seit langem in Wien sesshaft, eine erklärte Österreicherin geworden ist. Aber das weiß man ohnehin alles und drückt auch ihre Wertschätzung aus mit allen Sympathien, zu denen ihre elegante westliche Ausstrahlungsgeste, ein bescheidenes Auftreten und die völlig uneitle persönliche Haltung beitragen. Spontaner Applaus bestätigte dies, als Netrebko in ihrer dezent-elegant roten Robe (nach der Pause in Grün) die Bühne des Musiktheaters betrat. Diese gehörte – wenn ohne Partner – ihr allein. Ihre unvergleichlich charismatische Stimme strahlte den ganzen Abend und erfüllte den Raum ausdruckssteigernd mit bühnenüblichen Bewegungen. Das war kein Liederabend mehr, auch kein Konzert, die Vorstellung stieg zu einer Netrebko-Gala auf. Wie die Primadonna assoluta die Leuchtkraft ihrer Stimme einsetzt, deren Tessitura souverän nützt, dynamische Feinheiten auslotet und mühelos in exaltiertesten Höhen auf Präzision achtet, das steht in keinem Lehrplan, sondern entfaltet sich aus der Seele allein, gepaart mit dem Schlag ihres Herzens. Die technischen Differenzierungen laufen so nebenbei – wie es scheint. Mit solchen „Himmelsgeschenken“ führt jedes Programm zu Volltreffern. Lieder, Arien und Duette, gesungen in fünf Sprachen, standen darauf und schienen Netrebko auf den Leib geschneidert, wobei der russische Block von Tschaikowski die übrigen russischen Stücke von Rimski-Korsakow oder Sergei Rachmaninow an Innigkeit noch überbot. Von Dvorak auf Tschechisch war Rusalkas Mondlied zu genießen, von Jaques Offenbach und Léo Delibes französische Musik, italienisch in natura die Ballatella aus „Bajazzo“ von Leoncavallo oder die Arie der Adriana von Francesco Cilea. Und endlich wie ein Geschenk in deutscher Sprache, einwandfrei artikuliert, drei Beiträge von Richard Strauss. Vom „Frühling im Märchenwinter in Russland“ sang Netrebko bezaubernd von „Heim- und Fernweh“, „Glück im Spiel oder in der Liebe“ u. a. emotionalen Sehnsüchten. In jedem Kapitel schwebte sie über die große Bühne des Musiktheaters, als ginge es ihr um eine Gestaltung der Rolle in vollendeter Hingabe an die Stücke. Walter Weidringers fachfundierte Einführungen im Programmheft machten die von der Fremdsprache übersetzten Inhalte angenehm verfolgbar. Das Publikum tobte nach jeder Nummer vor Begeisterung und wurde noch mit zwei Zugaben belohnt.

Copyright: Philip Brunnader
Zum Programmfinale erhob Netrebko mit „Der Kuss“ von Luigi Arditi charmant ihre Stimme und warf Kusshändchen ins Publikum. Die Küsse galten heimlich ihr selbst für das frühe Ende des Abends, der hoffentlich nicht der letzte in Linz sein wird.
Georgina Szeless

