18.4. 2026/ Opéra Royal de Wallonie-Liège: LUCREZIA BORGIA
Viel Feuer in Ferrara

Copyright ORW-Liège/J. Berger. Jessica Pratt – Lucrezia, Dmitry Korchak- Gennaro
1833 wurde Donizettis in österreichischen Breiten nicht allzu häufig gespieltes Melodramma nach Vicor Hugos Lucrèce Borgia in Mailand uraufgeführt. Die Zurückhaltung, dieses Meisterwerk des Belcanto auf die Spielpläne zu setzen, ist wohl dem Umstand geschuldet, dass es für die Besetzung der Titelrolle einer wahren Großmeisterin vokaler Ausdrucksfähigkeit bedarf, die neben präzisester Koloraturfertigkeit auch Attacke und eine große darstellerische Präsenz mitzubringen hat. In Erinnerung geblieben ist aus den letzten Jahren eine konzertante Aufführungsserie mit Edita Gruberova 2010 an der Wiener Staatsoper und eine ebenso konzertante Vorstellung 2017 anlässlich der Salzburger Festspiele mit Krassimira Stoyanova und Juan Diego Flórez unter der Leitung von Marco Armiliato.
Hugos Geschichte geht sehr frei mit der Lebensgeschichte der wirklichen Lucrezia (1480 – 1519) um, die als uneheliche Tochter des späteren Papstes Alexander VI. quasi als „Schachermaterie“ zur Absicherung von Macht und Einfluss in der europäischen Hocharistokratie als Gattin herumgereicht wurde.
Hugo und nach ihm Felice Romani und Donizetti schildern sie als berechnende Giftmischerin und eiskalte Intrigantin, die nur dort weich wird, wo es um ihren Sohn geht, und trotzdem gefangen in den patriachalischen Machtstrukturen nur begrenzt ihren Willen durchzusetzen vermag. Die von ihnen geschilderte Geschichte weist ungewöhnliche Rollenverteilungen auf, geht es um keine tragisch endende klassische Love-Story, sondern um die Liebe der Lucrezia zu ihrem Sohn Gennaro, der sich mit seinen Kumpanen in Hass gegen die Borgia wendet, ohne zu wissen, dass er selbst einer von ihnen und Lucrezia seine Mutter ist. Dies alles unter den eifersüchtigen Augen des Gatten der Lucrezia, Alfonso d’Este, der Gennaro für den jungen Liebhaber seiner Gemahlin hält und für dessen Entfernung er zu sorgen trachtet. Die italienischen Kleinstaaten sind einander in Abneigung und Intrigen verbunden und entfremdet, allerorts wird gekämpft, gemordet, paktiert, aber auch gefeiert: Vor diesem Hintergrund entspinnt sich die tragische Mutter-Sohn-Geschichte: Diese beiden können und dürfen ihre Beziehung nie leben, und das Werk endet mit dem Tod des Sohnes.
Jean-Louis Grinda hat mit seinem Lichtdesigner und Bühnenbilder Laurent Castaingt, seiner Kostümbildnerin Françoise Raybaud und seinem Videokünstler Arnaud Pottier eine italienische Renaissance-Zauberwelt an die Maas gestellt, die wunderschöne Prospekte von Venedig, Ferrara, Madonnenbildnissen und Intriganten zur Schau stellt. In feudaler Ästhetik – das einzige Manko sind die wenig eleganten Zottelperücken von Gennaro und seiner Entourage, die mehr an Shampooengpässe im Italien des 16. Jahrhunderts als an höfische Grandezza gemahnen – setzt Grinda sämtliche Protagonisten zueinander in Beziehung, sodass Leidenschaft, Eifersucht, Freundschaft, Liebe, Ausgelassenheit, aber auch Intrigen ihren Platz bekommen. Es dominieren die Farben schwarz und rot, einzig die Lichtregie hätte ein wenig mehr Scheinwerfer einsetzen können. Im letzten Bild löst sich die Düsternis auf, die Sicht wird klarer, am Bühnenhintergrund wird bei Gennaros Tod eine Pietà sichtbar.
Giampolo Bisanti, Musikdirektor des Lütticher Opernhauses und auch an der Wiener Staatsoper gern gesehener Gast, fegt mit viel Feuer und Temperament durch die farbenreiche Partitur, nicht ohne in den intimeren Momenten zwischen Mutter und Sohn die Lautstärke zu drosseln und zarten mütterlichen Gefühlen Raum zu geben. Ansonsten erfreut er das Publikum mit viel Dezibel und spannungsgeladenen Momenten. Chor und Orchester des Opernhauses agieren tadellos.
Mit der 46-jährigen Australierin Jessica Pratt hat Liège eine der weltweit erfolgreichsten Belcanto-Sängerinnen engagiert. An der Wiener Staatsoper wird sie demnächst ihre Königin der Nacht präsentieren. Sie verfügt über eine ausgefeilte Technik, feine Koloraturen, dynamische Modulationsfähigkeit aber auch genügend Dramatik, um der Rolle der eiskalten Fürstin stimmlich kongenial gerecht zu werden, die sie insbesondere in den Konfrontationen mit Gatten und Sohn benötigt. Die Stimme ist klar und gläsern, weist keine Honigfacetten auf, prädestiniert, um ihrem berechnenden Begehren Laut zu verleihen. Eine Idealbesetzung, vom Publikum zu Recht heftig akklamiert, auch darstellerisch bleiben keine Wünsche offen.
Ihr Bühnensohn Gennaro, der österreichisch-russische Tenor Dmitry Korchak, steht ihr an Attacke um nichts nach, zündet seinen Stimmband-Ferrari-Turbo und gestaltet somit keinen zart verschüchterten, sondern einen ungestümen jungen Mann, einen Kämpfer für sich und seine Freunde, dessen Temperament den Verstand todesmutig in den Hintergrund rücken lässt, der aber in der ersten Begegnungsszene mit Lucrezia andere als bloß familiäre Gefühle der unbekannten Schönen gegenüber walten lässt. In der Todesstunde lässt er auch filigrane Töne hören.
Der Kroate Marko Mimica, zuletzt als Wurm in der szenisch verunglückten Luisa-Miller-Produktion an der Wiener Staatsoper im Einsatz, vermag als Alfonso mit starkem Bass und unerbittlicher Darstellung zu vermitteln, wer der Chef im Kastell der Este ist. Stimmlich nicht ganz in diesem Phon-Bereich die Kanadierin Julie Boulianne als Gennaros „Bestie“ Maffio Orsini, die einen weichen, aber doch etwas farbenarmen Mezzo zu Gehör bringt. Durchaus geglückt allerdings ihr Trinklied im zweiten Akt. Von der Comprimari ragt der junge Tenor Lorenzo Martelli als Rustighello heraus.
Starke Bilder – starke Stimmen. Eine – nahezu – kongeniale Umsetzung einer wahrhaftigen „Raubersg’schicht“ des italienischen Cinquecento.
Sabine Längle

