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Lieben Sie Brahms? Zwei Neuaufnahmen als Plädoyer für ein Wiederaufflammen einer alten Liebe

11.02.2019 | cd

Lieben Sie Brahms? Zwei Neuaufnahmen als Plädoyer für ein Wiederaufflammen einer alten Liebe

 

CD JOHANNES BRAHMS: Sonaten für Violine und Klavier; Scherzo in C – ELMIRA DARVAROVA & ZHEN CHEN, Solo Musica

 

„Wecke mir die Träume wieder, die ich in der Kindheit träumte. Wenn die Sonne wieder scheint, wird der Rasen doppelt grün.“ Regenlied von Klaus Groth

 

Regentropfen, dunkel treibende Wolken, dann wieder Sonnenstrahlen, die sich in den smaragdgrünen Wellen des Wörthersees reflektieren, böige Abendlüfterl, die vom nahen Windischberg auf die Pörtschacher Landspitze herabfallen, eine melancholisch durchwehte Sommerruh. Das könnten einige der vielen Eindrücke gewesen sein, die Johannes Brahms in den Sommern 1878 und 1879 erlebt hat. Während der Zeit entstand nämlich die erste (erhaltene) Sonate für Violine und Klavier in G, Op. 78. Ein musikalisches Fotoalbum gegen Erinnerungsschwund, aber auch eine klingende Hommage an die heiter mediterran gestimmte Landschaft ist sie geworden. Die Komposition ist im Ursprung wohl eng mit dem unheilbar an Tuberkulose erkrankten Sohn Clara Schumanns, Felix, und seinem Tod im Frühjahr 1879 verknüpft. Vorher hatte Brahms Clara die Eingangstakte zum Adagio der Sonate in einem Brief an Clara geschickt. Der Trauermarsch als auch der melodisch rhythmische Bezug zum Regenlied wird bisweilen als musikalisches Abbild der Todesnachricht gesehen. Im Rondo gewinnen wieder lebhaftere Eindrücke von der bisweilen (un-)erträglichen Leichtigkeit des Seins die Oberhand.

 

Das musikalisch so ungleiche Duo Elmira Darvarova (Violine) und Zhen Chen (Klavier) bietet eine unglaublich bewegte, stimmungsdichte Interpretation. Wie hier die Themen ineinandergreifen, bisweilen im Gefecht der kunstvollen Durchführungen zwischen den Fingern zu zerbröseln scheinen, rasch die Perspektive wechseln und in Licht und Schatten abschattiert mäandern, all das gießt Darvarova in einen organisch an- und abschwellenden Gesang. Bisweilen umflort ein leichter Nebel die melodische Linie, nur damit sie im nächsten Moment kristallin wie ein Blitz aus den Wolken hervorschießt, klar umzirkelt, selbstbewusst, majestätisch. Die Darvarova hat das ideale Händchen für Brahms, die Flüchtigkeit der vielen Stimmungen mit  abgezirkelten Portamenti, jeweils  spezifisch adaptiertem Bogenstrich und dynamischem Feintuning einfangend. Eine Erzählerin auf ihrem Instrument, zu dem der Pianist Zhen Chen die perlende Grundierung liefert. Da plätschern die Noten wie Wasser, der üppige Einsatz des Pedals wirkt wie ein Weichzeichner, dem die Violine mit härterem, zumindest akzentuierterem Strich antwortet. Wir werden in den Sonaten eins und zwei nicht Zeugen eines gleichberechtigten Dialogs. Erst bei der dritten symphonischer angelegten Sonate emanzipiert sich das Klavier und tritt selbstbewusster und passionierter im Zwiegespräch der Seelen hervor.

 

CD JOHANNES BRAHMS: Sonaten für Callo und Klavier – GARY HOFFMANN, CLAIRE DÉSERT; la dolce volta

 

Die zweite und dritte Violinsonate in A-Dur Op.100 und in d-Moll, Op. 108 sind während des ,Kammermusiksommers‘ 1886 in Hofstetten am schweizerischen Thuner See entstanden. Auch die zweite Cellosonate in F-Fur, Op. 99 ist dieser reifen Schaffensphase von Johannes Brahms zuzuordnen. Sie ist für den Cellisten Robert Hausmann geschrieben. Auffallend ist die Bevorzugung von mittlerer und hoher Lage des Cellos, wohl einer Emphase der Naturbegeisterung, einer himmelstürmenden imaginären Wanderung durch die Alpen geschuldet. Dieses so poetische und männlich lyrische Umarmen der eigenen temporären Welt findet im Spiel des Amerikaners Gary Hoffmann ihre klanglich überzeugende Entsprechung. Hoffmann liebt Brahms seit frühester Jugend und weist auf den sogenannten Spiegeleffekt hin: „Je besser ich die Partituren kennenlerne, desto mehr enthüllen sie über mich selbst. Wahrscheinlich haben alle Meisterwerke diesen Effekt. Am Ende sprechen sie nicht nur zu einem, sondern auch über einen.“ Mit satt erdig bis golden gleißendem Celloton auf seiner legendären Amati (die lange Leonard Rose gehörte) katapultiert Hoffmann den Hörer in den siebenten Himmel.

 

Für das Unerschöpfliche dieser Sonaten, etwa die technischen Herausforderungen für den Ausdruck der eingetrübteren Emotionen in der Cellosonate in e-Moll, Op. 38 des 26-jährigen Brahms ist die französische Pianistin Claire Désert eine grandiose Partnerin auf Augenhöhe. Natürlich beherrscht sie alle Virtuosität und offenbart eine  erstaunliche Anschlagsvielfalt. Das Besondere und Magische der CD ergibt sich aber daraus, dass beide Musiker zu improvisieren scheinen, sich ganz und gar auf den Augenblick vergleichbar einem Konzert einlassen.  Diese Spontaneität mündet in ein dramatisch aufgeladenes Doppel. Insbesondere das Allegro Vivace der späten Sonate ist eine Wucht, aber auch das Adagio affetuoso bestätigen in der vorliegenden leidenschaftlichen Interpretation durch Hoffmann und Désert noch den sattesten Musikfreund in seiner unverbrüchlichen Liebe zu Brahms. Eine Empfehlung!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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