LEIPZIG OPER – EIN SOMMERNACHTSTRAUM – Choreografische Uraufführung von JULIANO NUNES, Ballett Premiere; 7.11.2026

Copyright: Ida Zenna
Der Liebe zügellose Spiele in Schloss und Wald – ob Götter, Feen, Satyre, Elfen, Menschen, alle werden von emotionalen Achterbahnen geplagt!
Wenn wir uns zum Esel machen, lieben wir da vielleicht nicht am unbedingtesten, am bedingungslosesten, nicht zuletzt am einsamsten? Liebe kann mindestens so traurig wie glücklich machen. Der brasilianische Tänzer und Choreograf Juliano Nunes entführt das Publikum in seiner expressiv leidenschaftlichen Perspektive auf Shakespeares “Ein Sommernachtstraum“ in poetische Räume am athenischen Hof und einen magischen Märchenwald. Der und seine nicht minder als Erdensprösslinge durchgeknallten Einwohner stehen für alles, was sich jenseits von Gesetz und Ordnung abspielt.
Das Sichtbare als kleiner aus dem Wasser ragender Zipfel des Eisbergs. Die dunkle Gewalt des Unterbewussten, der Triebe und der Abgrund an Hass, Eifersucht, Liebe, Rache als Spielmasse für Realität, Traum und Theater. Dabei drehen sich die Metamorphosen um die Liebespaare Theseus und Hippolyta, Lysander und Hermia sowie Demetrius und Helena final um die Frage, wie es auch hätte sein können, wenn der kleine Puck (Tiziano Botteri als gewiefter Spielmacher und Schelm) seinen zauberischen Liebesnektar nicht so unbedarft und im Ungefähren auf die Augenlider derjenigen tropfte, die ein verliebt besessenes Erwachen erwartet.
Die zufällig nächste Person oder Wesen, und sei es ein Tier, werden damit zur Projektionsfläche einer glühenden Leidenschaft. Wie Richard Wagner in der „Götterdämmerung“ Siegfried einen symbolischen Vergessenstrank reichen lässt und der Held plötzlich nur noch Augen für Gutrune statt Brünnhilde hat, so geschah es auf den Brettern, die die Welt bedeuten, Jahrhunderte zuvor schon Lysander, Demetrius, und Titania. Letztere verliebt sich spektakulär und als Spiegel für uns Menschen in den zum Esel verwandelten Weber Nick Bottom. Denn im Wald sind auch Standesunterschiede und andere Tabus Makulatur. Eine Feenkönigin und ein zum potenten Tier mutierter Handwerker? Es sei!
Die grün-glitzernden Herrscher des Waldes, Oberon und Titania, sind kaum vor Streit und Missgunst gefeit. Das magische Findelkind und die Frage, wer da die Nummer eins ist, wird zur sichtbaren Metapher für alles, was in der aristokratischen Beziehung nicht zusammengeht. Traumverloren sinken sie in die Tiefe von Niedertracht und boshaften Intrigen. Der Zuseher darf sich amüsieren.

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In der wundersam sensitiven Produktion von Juliano Nunes (Choreografie, Konzept) und Youssef Hotait (Bühne, Kostüme, Konzept) wird auf jeden billigen Humor und Drastik verzichtet. Vielmehr spinnen die beiden ein feinmaschiges Netz aus Leidenschaften im Chaos, Wankelmut, Verwandlung und vorsichtiger Versöhnung. Wenn gegen Ende des zweiten Akts Mendelssohns „Hochzeitsmarsch“ erklingt, wird weder triumphal ein Happy End zelebriert noch der übliche ‚Alle haben sich lieb‘ Kitsch beschworen. Ein Ballett der Statuen führt vielmehr vor, was von der Lage des Hochzeitspaares Hippolyta und Theseus als auch der endlich zueinander gefundenen vier jungen Leute und damit unser aller Gefühlsdispositionen zu halten ist.
Juliano Nunes bedient sich in seiner Choreografie einer Körpersprache, die präzise, knapp, und stets sehr persönlich orchestriert ist. Dabei verschmelzen die Virtuosität des klassischen Tanzes mit all diesen Arabesques, Attitüdes derrière, Fouettés, Jetés, mit Elementen des Ausdruckstanzes und der Pantomime. Der Reichtum an Figuren, an Drehungen und Wendungen, Pirouetten und Sprüngen ist dabei atemberaubend in ihrer Innovation, ihrem Erfindungsreichtum sowie ihrer das Innerste frei legenden Wahrhaftigkeit, ihrer vollendeten Perfektion der Ausführung durch das junge, engagierte Ballett der Leipziger Oper.
Spannend und untrennbarer Teil der Dramaturgie von Ordnung zu Chaos und wieder zurück ist dabei, welche Musik die Regie gewählt hat. Dabei spielen im ersten Akt die leiseren, disparaten Töne anfangs vor allem der Kammersinfonie op., 110a von Dmitri Shostakovich und Béla Bartóks „Dance Suite“, aber auch Arvo Pärts meditative „Collage über B-A-C-H Toccata“, die Ouvertüre zu Kurt Weills „Der Silbersee“ und natürlich Ausschnitte aus Felix Mendelssohn-Bartholdys Schauspielmusik „Ein Sommernachtstraum“ sowie aus seinen Streichersinfonien Nr. 1 und 4 eine gewichtige Rolle.

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Hält Dirigent Matthias Foremny mit dem fabulösen Gewandhausorchester anfangs die Zügel straff und die Klangtextur kammermusikalisch transparent, so bekommt das Publikum im zweiten Teil der Irrungen und gebrochenen Gefühle, der Augenblicksverliebtheiten jenen hochromantischen Glanz, aus dem idealisierte Träume gestrickt sind.
Dazu erklangen u.a. Arvo Pärts „Fratres“, Edward Elgars „Sospiri“, op. 70, das Intermezzo aus Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“, das „Divertimento für Streichorchester“ von Béla Bartók sowie das traumverloren schöne wie melancholisch niederschmetternde „Adagio for Strings“, op.11 von Samuel Barber.
Als Höhepunkte des zweiten Teils blieben bei mir besonders die Liebesszene Titania (Soojeong Choi) mit Nick Bottom (Landon Harris) zu Mendelssohns „Italienischer Sinfonie“ und natürlich das schmerzliche Zueinanderfinden von Titania und Oberon (Evandro Bossle), Hippolyta (Ester Ferrini) und Theseus (Juliano Toscano), Lysander (umwerfend charismatisch und geschmeidig Andrea Carino) und Hermia (die sagenhaft expressive wie technisch großartige Primaballerina Caetana Silva Dias), von Demetrius (vollendet elegant Nikita Gacinovic) und Helena (zartfragil Camilla Chiesi) in Erinnerung.
Geschickt bezog Juliano Nunes das gesamte corps de ballet in die Handlung, sei es als „Senfkörner“, als „Gottesanbeterinnen“, als „Spinnweben“ oder „Statuen“, mit ein.
Für die magisch wundersamen Bühnenbilder hat sich Youssef Hotait offenbar von den fantastischen Dschungelmalereien des französischen Postimpressionisten Henri Rousseau, ferner den farbenfrohe Naturparadiesen der Wiener Schule des Phantastischen Realismus inspirieren lassen. Was auf den ersten Blick bunt und anziehend wirkt, könnte sich als giftig erweisen.

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Juliano Nunes und Youssef Hotait ist mit dieser aus herb-fragiler Schönheit, körperbetont akrobatischem Tanz, aus seelischen Gewittern geborenen Gesten und großer Nachdenklichkeit über Wesen und Unwesen der Liebe komponierten Produktion ein Hit geglückt. Nichts an Choreografie, Musik und Inszenierung ist vordergründig und auf bloßen Effekt bedacht. Dafür spannt sich ein großer Bogen von Shakespeares lebenspraller Reise von drei Tagen und Nächten bis zu uns heute und dem, was wir uns an Gefühlsstärke zutrauen und praktizieren. Genügen da etwa auch ein paar Tropfen, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen?
Am Schluss verdient heftiger und einhelliger Jubel im Haus. Juliano Nunes hat sich bescheiden bedankt und dem bis in die kleinste Rolle exquisiten Ensemble den Vorrang für die Ovationen überlassen. Auch dafür gebührt dem großen Künstler Respekt und Bewunderung!
Copyrights © Ida Zenna
Dr. Ingobert Waltenberger

