LEIPZIG Musikalische Komödie – DER HASE MIT DEN BERNSTEINAUGEN – Musical nach dem gleichnamigen Buch von EDMUND DE WAAL von THOMAS ZAUFKE (Musik) und HENRY MASON (Text); 6.11.2026

Foto: Tom Schulze
Familiensaga und Erinnerung, Leben und Kunst, Shoa und Restitution
Edmund de Waal hat in seinem Roman „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ die Brücke zwischen kleinen japanischen Erbstücken, den sogenannten Netsuke, und die daran geknüpfte weitreichende Familiengeschichte verarbeitet. Die Chronik der Dynastie Ephrussi ist so spannend, polyglott wie symptomatisch für die zeitgeschichtlichen Dimensionen ab Mitte des 19. Jahrhunderts, von zwei Weltkriegen inkl. der Schreckens- Todes- und Raubesherrschaft der Nazis bis in die Jetztzeit.
Der Aufstieg der als mächtige und steinreiche Öl- und Bankiersdynastie in die Geschichte eingegangenen Ephrussis beginnt in Odessa mit Getreidehandel. Weitere Stationen des fragmentarisch in kleinen Szenen abgehandelten Ineinander von gesellschaftlicher Stellung, Kunstleidenschaft, Mäzenatentum, Privatem, Flucht wie gewaltsamer Vernichtung sind Paris, Wien, das Landgut in der tschechoslowakischen Republik Kövecses, England und Japan.
Uraufgeführt wurde das Musical 2019 am Landestheater Linz. In Leipzig fand die deutsche Erstaufführung am 17.10.2026 an der Musikalischen Komödie im Rahmen des sächsischen Themenjahres „Tacheles – Jahr der jüdischen Kultur“ statt.
Erzählen kleine Dinge große Geschichten? Von so unendlich vielen Menschen bleibt nach ihrem Tod nichts übrig. Manche hinterlassen Unternehmen, Villen, bedeutende wissenschaftliche oder künstlerisch kreative Leistungen, andere wieder vielleicht nur einen kleinen, scheinbar unbedeutenden Gegenstand, der jedoch einem seiner ursprünglichen Besitzer unendlich viel bedeutete. Fragen wir uns nicht auch manchmal, woher ein Stück Porzellan, eine Figur oder ein Bild vom Flohmarkt stammt, wo es hing oder wer damit lebte?
Das Verdienst des Textbuchautors und Regisseurs Henry Mason ist es, die Komplexität der Geschichte auf den verschiedenen Zeit- und Ortsebenen bewahrt zu haben. Dazu interessieren ihn Fragen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von Schicksalen ohne Zustimmung der bereits Verstorbenen. Wie kann aus bloßen Dokumenten, aus Fotos und hinterlassenen Schriften so etwas wie ein plastisches Leben geschöpft, einem Menschen Gerechtigkeit zuteil werden? So gerät etwa Emmy aus dem Jenseits in Rage, weil Edmond in alle Ecken ihres Lebens leuchtet und ihrer Todesursache (Selbstmord oder nicht?) auf den Grund gehen will.
Die Hauptpersonen aus dem Stammbaum sind der Patriarch Charles Joachim Ephrussi sowie dessen Bruder Ignaz, der in Wien 1856 das Bankhaus gründete. Natürlich spielt der Kunstkenner Charles Ephrussi, Sohn von Leonid, der als erster bedeutender Sammler von Impressionisten und als Vorbild für die Romanfigur Charles Swann in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust gilt, eine bedeutende Rolle. Er belebt das Familienbild um eine weitere Dimension. Als weitere Protagonisten sind Viktor Ephrussi und dessen Frau Emmy Schey von Koromla sowie die Zofe Anna, der überhaupt der Erhalt der Netsuke zu verdanken ist, zu nennen. Klarerweise dürfen der schillernde homosexuelle Iggie der die Sammlung nach Japan brachte und dort mit seinem Partner Jiro Sugiyama lebte, nicht vergessen werden. Der Erbe des Netsukes, Edmund de Waal, Sohn von Elisabeth Ephrussi und Victor de Waal, der sich daran machte, das Leben der Familie zu erforschen, literarisch zu hinterfragen und so auch seiner eigenen Identität auf die Spur zu kommen.
Fünf Generationen der Ephrussis werden über 150 Jahre weg begleitet, in ihren eminentesten Vertretern anschaulich porträtiert, ihre kleinen und großen bis existenzbedrohenden Sorgen offen und in aller emotionalen Wucht adressiert. Henry Mason hat inszeniert in dem Bühnenbild und den historisch stimmigen Kostümen von Jan Meier. Als Bezug zur geschichtlichen Realität läuft auf einer den Grund der Bühne einnehmenden Leinwand eine Art Foto-Diashow mit Familienporträts, Dokumenten, Städten und Gebäuden, die für die Handlung relevant sind, ab. Als Hauptrequisit dient eine rotlackierte japanische Vitrine mit den Elfenbein-Netsukes.
Die Musik von Thomas Zaufke stellt polystilistisch die verschiedenen musikalischen Idiome von jüdischen Klängen, Charleston, Märsche bis zum typischen gefälligen Musicalsound vor. Ich habe einige Probleme damit, den Ernst und die Unerbittlichkeit der Handlung mit der überwiegend locker flockigen Musik in Einklang zu bringen, wenngleich sie historisch Zeitgeist und die Atmosphäre der Schauplätze geschickt andeutet.
Ein Riesenensemble von an die 20 Darsteller und Darstellerinnen, einige davon in mehreren Rollen besetzt, liefern der für ein Musical ungewöhnlichen dreistündigen Dauer des Stücks ungeachtet, ein faszinierendes Panorama an Persönlichkeiten, Schicksalen und bewegend bewegter Geschichte. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die schauspieleriechen und sanglichen Leistungen von Christof Messner als Edmund de Waal, Jannik Hameit als Charles Ephrussi, Kara Kemeny als Louise Cahen d’Anvers, Olivia Delauré als Emmy und Benjamin Sommerfeld als junger Iggie von Ephrussi.
Michael Nündel leitete das Orchester der Musikalischen Komödie mit Schwung und vielfarbig in den vokal anspruchsvollen Ensembles, hätte allerdings bisweilen mehr auf dynamische Differenzierung und leise Töne setzen können. Das Ballett der Musikalischen Komödie entledigte sich seiner nicht allzu großen Aufgabe mit Anstand.
Das Wichtigste aber an diesem bewegenden und in keiner Sekunde langweiligen Abend wie aus einem Guss war, dass das Publikum in allen Altersklassen enthusiastisch auf die Produktion reagierte, geschlossen von den Sitzen sprang und mit Ovationen dem Ensemble auf der Bühne als auch den Instrumentalisten für ihr hundertprozentiges Engagement dankte.

Foto: Tom Schulze
Der Inhalt des Stücks und die Haltung zeigende Inszenierung treffen offenbar einen Nerv unserer Zeit, in der ein grausig wieder aufflammender Antisemitismus dem Motto des „Nie wieder“ zuwiderzulaufen scheint. Somit fördert die Kunstform des Musicals hier in ihrer unmittelbaren Zugänglichkeit und unterhaltsamen Gewandung Verständnis und Bewusstsein.
Wer sich für die noch erhaltenen und für eine Besichtigung offenstehenden steinernen Zeugen der Ephrussis interessiert, der kann zumindest die Halle des Palais Ephrussi in Wien am Universitätsring oder die fantastische Villa Ephrussi de Rothschild an der Côte d‘Azur in Saint-Jean-Cap-Ferrat besuchen. Alle, die sich dafür interessieren, wie sich das Leben in solch einer Familie abgespielt hat, sollten einen Besuch des Musée Nissim de Camondo in Paris einplanen. Das Hôtel Jules Ephrussi hingegen dient heute als Residenz des ägyptischen Botschafters in Paris. Wer den Hasen mit den Bernsteinaugen in natura sehen will, der muss ins Jüdische Museum nach Wien. Edmund de Waal hat das Familienarchiv der Ephrussis als auch 170 der 264 Netsukes diesem Museum geschenkt.
Fotos copyright Tom Schulze
Dr. Ingobert Waltenberger

