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LEIPZIG / Gewandhaus: „Großes Concert“ zum 200. Geburtstag von CLARA SCHUMANN mit ANDRIS NELSONS und dem GEWANDHAUSORCHESTER

13.09.2019 | Konzert/Liederabende


Das Haus in der Inselstraße 18 in Leipzig, in dem Clara und Robert Schumann von 1840 bis 1844 lebten, beherbergt seit 12. September eine neue Dauerausstellung über das Künstlerpaar. Foto: Werner Häußner
 

LEIPZIG / Gewandhaus: „Großes Concert“ zum 200. Geburtstag von CLARA SCHUMANN mit ANDRIS NELSONS und dem GEWANDHAUSORCHESTER
12.9. 2019 (Werner Häußner)

Sie war Komponistin und Klaviervirtuosin, Mutter von acht Kindern und Gattin in einer schwierigen Künstlerehe, begabte Organisatorin und Unternehmerin, vor allem aber eine selbständige und selbstbewusste Frau: Clara Schumann, geborene Wieck, auf die Welt gekommen 1819 in Leipzig und gestorben 1896 in Frankfurt. Der Künstlerin, die als beispielhaft für die Emanzipation der Frau im 19. Jahrhundert gilt, werden aus Anlass ihres 200. Geburtstags zahlreiche Veranstaltungen und Veröffentlichungen gewidmet.

Düsseldorf – ihr Wohnort von 1850 bis 1857 – feierte Clara bereits im Juni beim Schumannfest; ihr Geburtsort Leipzig widmet der wohl bekanntesten Komponistin der Romantik ein ganzes Festjahr. Den Höhepunkt der Serie von über 200 Veranstaltungen bilden die Schumann-Festwochen vom 12. bis 29. September. In dem klassizistischen Wohnhaus, in dem die Schumanns von ihrer Trauung am 12. September 1840 bis zum Umzug nach Dresden Ende 1844 lebten, wurde eine neue Dauerausstellung eröffnet, die das Künstlerpaar Schumann in den Blick nimmt und dabei ihre Lebensgemeinschaft mit ihren Spannungen, aber auch die Reibungen mit den Geschlechterbildern und -rollen der Zeit aus den Perspektiven von Clara und Robert betrachtet.

Für das Gewandhaus war der 200. Geburtstag Clara Schumanns Anlass, die Festwochen mit einem „Großen Concert“ zu eröffnen, bei dem Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons selbst am Pult stand. Die beiden Vorgängerbauten des Gewandhauses waren die häufigsten Auftrittsorte der gebürtigen Leipzigerin. 1828 stellte sie sich als Neunjährige im ersten Gewandhaus mit einem Konzert erstmals öffentlich als Pianistin vor. 1835 spielte sie dort unter Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy ihr Klavierkonzert op. 7, ihr einziges erhaltenes und veröffentlichtes Orchesterwerk. Ihr letztes Konzert bestritt sie 1889 im damals neuen, zweiten Gewandhaus, dessen vorzügliche Akustik ihr Lob fand. Clara Schumanns Klavierkonzert wurde übrigens erst 1986 wieder für Leipzig entdeckt und von Kurt Masur auf ein Konzertprogramm gesetzt.

Der Pianistin Lauma Skride wuchs die Ehre zu, Clara Schumanns Konzert am Abend des Geburtstags im gut besetzten, aber nicht ausverkauften Gewandhaus zu spielen. Ihr unbekümmert zupackender, sich nicht in Romantizismen ergehender Zugang bestätigt, was Ann-Katrin Zimmermann im Programmheft andeutet: Das Konzert ist für zweitklassige Pianisten zu schwer – und leider für erstklassige heutzutage nicht mehr herausfordernd genug. Sicher, Clara Schumann verlangt weit gespannte Hände im Akkordspiel und im ungewöhnlich fortschrittlich entwickelten Zusammenspiel mit dem Orchester sensible Reaktionsfähigkeit. Damit hat Lauma Skride keine technischen Probleme.

Anders sieht es mit der innigen Versenkung in die „Romanze“, den Mittelsatz, aus, bei dem feinste Nuancen der Tonbildung („con grazia“) den einfachen Satz und die kantable Melodiebildung tragen und beleben müssten. Da lässt sich alleine das Cello auf die innig-weltvergessene, ein wenig schweifende Stimmung ein, die an John Fields Nocturnes und langsame Konzertsätze erinnert. Man darf wieder einmal an Rossini erinnern: „Kleine“ Musik braucht „große“ Musiker.

Bis heute haben komponierende Frauen nur die Chance auf marginale Plätze im Konzert- und Opernbetrieb, ungeachtet der wachsenden Zahl von Komponistinnen. Aber nicht einmal die inzwischen amtierenden Chefdirigentinnen und Kapellmeisterinnen wagen es (oder schaffen es), zum Beispiel ein packendes Werk wie Ethel Smyths „The Wreckers“ auf die Bühne zurückzuholen oder aus dem reichen Bestand zeitgenössischer Arbeiten zu schöpfen. Betsy Jolas etwa, eine seit 1940 in USA lebende Französin und Schülerin von Paul Boepple und u.a. von Darius Milhaud und Olivier Messiaen, musste 93 Jahre alt werden, um die Uraufführung eines ihrer Werke im Gewandhaus zu erleben.

„Letters from Bachville“ nennt sie das rund viertelstündige Auftragswerk des Gewandhausorchesters und des Boston Symphony Orchestras. Die „Letters“ könnten die Buchstaben B-A-C-H sein, die natürlich mit Leipzig verbunden sind, und deren Folge hin und wieder identifizierbar ist. Aber die kurzen Motivfolgen, aus denen Jolas ihr Stück bildet, lassen sich auch als Aphorismen lesen, so als schriebe jemand eine Serie von Ansichtskarten aus Leipzig und verwöbe darauf seine Eindrücke mit Gedanken an Bach, die als vorbeihuschende musikalische Zitate im Orchester erkennbar werden. Eine hörbare Entwicklung bleibt den fragmentarisch wirkenden, in sich harmonisch farbig gebildeten Bausteinen vorenthalten – das Werk kennt kein Ziel, sondern wirkt wie ein Spaziergang durch eine Landschaft aus fein gefügten Klanggebilden.

Möglicherweise hätte Clara Schumann gerne Symphonien geschrieben – immerhin hat sie eine leider verschollene Ouvertüre für Orchester komponiert. Doch als Frau hätte sie wahrscheinlich keine Chance gehabt, ein solches Produkt eines „schwachen Weibes“ öffentlich zu platzieren. Anders ihr Gatte Robert: Der schrieb im Überschwang des ersten Eheglücks, im „Frühlingsdrang“ des Januars 1841 seine Erste Symphonie, möglicherweise nicht ohne Mitarbeit oder wenigstens Unterstützung Claras. Andris Nelsons dirigiert das Werk – auch ein Aspekt des gemeinsamen Lebens des Künstlerpaars – zum Abschluss des Konzerts. Das energische Motto der Hörner und Trompeten zu Beginn lässt er zünden, die thematische Entfaltung verfolgt er frisch im Tempo und dynamisch aufgefächert, aber die Markanz verliert sich, die Synkopen des dritten und der tänzerische Schwung des vierten Satzes treten hinter einen sämigen, leuchtenden, aber letztlich neutralen Orchesterklang zurück. Ein Ende in mildem Feuer.

Werner Häußner

 

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