Lech/Arlberg: LECH CLASSIC FESTIVAL – “AMORE E VENDETTA!“ – 5.8.2022

Amelia (Leah Gordon) und König Gustav (Jenish Ysmanov) gestehen sich ihre Liebe. Foto: Dietmar Biasio-Hurnaus/Lech Zürs Tourismus
Mit Ausschnitten aus „Un ballo in maschera“ werden die Lecher Zuhörer ins Stockholm von März 1792 in die Geschichte um unerfüllte Liebe, rasende Eifersucht und finalem Königsmord einge- und entführt. Nachdem die einheitlich spielenden Streicher im Preludio sehr gut die Atmosphäre des leichtlebigen Hofzeremoniells folgend mit düsteren Verschwörungsmotiven einfangen können, warnt Lucian Petrean bei „Alla vita che t´arride“ mit voluminösem Bariton und ansprechender Höhe als René Ankerström seinen König vor den (politischen) Feinden. Der Rumäne gab 2017 in dieser Rolle sein Deutschland-Debüt in Regensburg unter GMD Tetsuro Ban, der an diesem Abend äußerst souverän dirigiert und enorme Spannung aufbauen kann. Bei der zweiten großen Baritonarie „Eri tu che macchiavi quell´anima – nur du hast dies Herz mir entwendet“ schlägt die Wut auf die vermeintlich untreue Ehefrau in blinden Hass gegen den Verrat des Freundes um. Petrean zeigt mit samtiger Durchschlagskraft die heftig ausbrechenden Emotionen und kann mit seiner kräftigen Stimme beeindruckend seinen großen Schmerz ausdrücken. Besonders gut gelingen auch die sanften Töne über die unschuldsvolle Liebe zu Amelia, die mit herrlichen Klängen der Querflöte eingeleitet werden.
Als seine unglückliche Gattin erleben wir Leah Gordon, die im Vorjahr ihr Rollendebüt als Leonore (Fidelio) bei diesem Festival gegeben hat. Die Kanadierin verfügt über eine große Stimme, die zu hochdramatischen Ausbrüchen fähig ist. Bei „Ma dall´arido stelo divulsa“ spürt man den inneren Aufruhr zwischen Vernunft und großer unerfüllter Liebe fast körperlich. Nach dem Geläut zu mezzanotte an der Hinrichtungsstätte führt uns ihr ausgezeichnet geführter Sopran zu höchster Anspannung, als sie vor dem „Gespenst mit wildem Blick“ erschrickt, bevor sie zu einem wohlklingenden Gebet ansetzt. Optimal begleitet vom Solocello wird „Morrò, ma prima in grazia“, wenn die Sängerin herzergreifend und mit elegischen Klangfarben den Tod willkommen heißt und den wütenden Gemahl bittet, ihren einzigen Sohn vor dem Tod noch einmal in die Arme schließen zu dürfen. Die großartige Interpretation wird mit Jubel und heftigem Applaus bedankt.
Jenish Ysmanov singt als unschuldiger König Gustav III das Liebesduett „Teco io sto – ich bin dir nah“ mit Gordon mit gepresster, wenig fließender Stimme; der Rezensentin fehlt es an warmherziger Ausdruckskraft und lyrischer Tenorfarbe, wogegen das stürmische Begehren stimmlich eindeutig bemerkbar ist. Die Cabaletta endet glaubwürdig als „unisono Liebesrausch-Feier“ Der 2. Auftritt für den jungen Sänger aus Kirgistan bei der letzten Warnung der geliebten Amelia – begleitet von feiner, graziöser Tanzmusik gelingt bemüht, jedoch kann er bei dem Zwiegespräch mit seiner starken Partnerin nicht ganz mithalten. Die erhabene, tragische Schlussarie als Sterbender, der seinem Mörder verzeiht, fehlt an diesem Abend.

Leah Gordon (Santuzza) übersingt bei der Oster-Hymne den gewaltigen Klang-Teppich von Orchester und Chor. Foto: Dietmar Biasio-Hurnaus/Lech Zürs Tourismus
Viel besser gelingt dem Tenor nach der Pause (konzertante Aufführung von „Cavalleria rusticana“) sein Turridu, wo Ysmanov ganz auf Linie singt, sehr leidenschaftlich agiert und seine intensive Schlussarie „Mamma, quel vino e generoso“ mit Inbrunst und kräftiger Höhe als herzzerreißender Abschied und verzweifelter Gefühlsausbruch begeistern kann. Seine Mutter Lucia, das ausgezeichnete Chormitglied Julia Fürst, umarmt ihn zärtlich auf sein Verlangen nach „un altro bacio“. Die Altistin fügt sich auch mit optimalem äußerem Erscheinungsbild rollenpassend ein.
Leah Gordon hat extra für das Festival in Lech die Rolle der Santuzza einstudiert und beweist erneut musikalische Vielfalt und spielfreudige Bühnenpräsenz. Ganz in schwarz gekleidet mit einem wunderschönen Tuch mit roten Stickereien umhüllt, gibt sie – als junge Bäuerin, die ihre Ehre wegen ihrer „unsittlichen Liebe“ verloren hat und deshalb von der Dorfgemeinschaft und vom Kirchgang im streng-katholischen Sizilien um 1880 ausgeschlossen wird – ein famoses Rollenbild ab, das sie hingebungsvoll entwickelt hat. Die flexible Stimme der Kanadierin kann sowohl in den lyrischen Passagen reüssieren als auch mit dramatischen Ausbrüchen beeindrucken. Die tiefen Lagen ertönen herrlich dunkel, wenn ihre Santuzza vor Eifersucht brodelt, und beim Ostergebet kann mit glänzender Spitze und himmlischer Dominanz der Chor überstrahlt werden. Mit enormer stimmlicher Ausdruckskraft vermag die Sopranistin beim Dialog mit Lucia („Voi lo sapete“) ihre Liebe und die Untreue mit tieftrauriger Apotheose gestehen und auch beim äußerst spannungsgeladenen Streitgespräch mit Turridu zeigt sie sich als hochemotionale, tief verletzte Frau. Als die Liebesrivalin Lola, die junge und sehr hübsche Natalie Rossetti mit leichtem Stimmchen und schwarzem Schirm auftritt und mit sehr kokettem Lächeln provoziert, reagiert Gordon mit Eiseskälte und der Name der Widersacherin wird mit Abscheu „ausgespukt“. Sogar ihre Notenblätter werden mit zorniger Wucht umgeblättert, wie man es wohl noch nie gesehen hat. Dieses Rollendebüt kann Gänsehaut erzeugen und Gäste gestehen danach, dass sogar Tränen geflossen sind!

Lucian Petrean, der ideale Alfio. Foto: Dietmar Biasio-Hurnaus/Lech Zürs Tourismus
Lucian Petrean ist ein aufbrausender, grober Alfio, der mit aufgekrempeltem Hemd erwartungsgemäß das in fortissimo spielende Orchester und den Chor beim Auftrittslied „Il cavallo scalpita“ problemlos übertönt. Vor seinem donnernden Bariton und dem unerbittlichen Gesichtsausdruck kann man richtig Angst bekommen, wenn er nach Rache ruft und später den Ehebrecher zum Zweikampf auffordert. Ein idealer Fuhrmann, der am Ende durch Turridos Tod seine Ehre wiederherstellt.
Tetsuro Ban und das Lech Festival Orchester lassen den strahlenden Frühlingssonntag mit höchster Melodik und ausdrucksstarkem „vita italiana“ erklingen und verzaubern besonders mit dem friedlich-harmonisch gespielten Intermezzo, bei dem spürt, wie die Sonne aufgeht. Beim Chor, von Johann Pichler einstudiert, klingen besonders die Damen einheitlich-schön. Am Opernende bleiben Santuzza und Lucia bei dramatischen, explosiven Akkorden zusammenbrechend zurück, während sich Lola die Ohren zuhält, um nicht vom Resultat des Todeskampfes hören zu müssen.
Den Künstlern und den Veranstaltern sei ausdrücklich für diesen großartigen Abend – einem Höhepunkt des Lech Classic Festivals – gedankt!
Susanne Lukas

