LECH AM ARLBERG/Konzertsaal Lechwelten: „Rossini entdecken“ Sensationelles beim Lech Classic Festival
Lech/ 5. August 2026

Margarita Gritskova als grossartige Giovanna D´Arco. Foto: Lech/Zürs Tourismus.Peter Panik
Die Rezensentin ist bei einem ihrer Lieblingskomponisten und höchst geschätzten Vokalisten sicherlich nicht so unvoreingenommen wie üblich, aber da viele andere Gäste und Sitznachbarn ebenfalls von dem fantastischen, außerordentlichen Erlebnis geschwärmt haben, darf hier von einem sensationellen Abend geschrieben werden!
Gioachino Rossini ist bekannt als vielbeschäftigter Opernkomponist und geschätzt – oft auch geliebt – für seine berühmten Ouvertüren. Umso schöner, wenn auch selten Gespieltes wie die Cantata „Giovanna D´Arco“ und eines seiner geistlichen Werke am Festspielprogramm in Lech steht.
Das Lech Festival Orchester unter dem profunden und umsichtigen Dirigat von Tetsuro Ban zünden mit Trommelwirbel einen schwungvollen, dynamischen Start mit herrlichem Crescendo und überwältigendem Ausbruch bei der Ouvertüre von „La gazza ladra“, wobei die Schlaginstrumente zeitweise etwas zu dominant wirken. Bei „Temporale aus La Cenerentola“ donnert es passend bedrohlich und in der Oper könnte danach „Aschenputtel“ Angelina nach dem reinigenden Gewitter zu ihrem Happy End finden. Die weltberühmte Wilhelm Tell-Ouvertüre zur letzten der 39 Opern des Komponisten beginnt mit tiefem melancholischem Schmerz der ausgezeichneten Celli und auch bei diesem Stück ist ein kraftvolles Crescendo zu hören. Der japanische Maestro treibt im letzten Abschnitt seine Musiker ordentlich zu allerhöchstem Tempo im Gleichklang an, wenn man glaubt, die galoppierenden Pferdehufe zu vernehmen (obwohl diese Tiere zu keiner Zeit in der Oper vorkommen).
Margarita Gritskova leiht der französischen Nationalheldin Giovanna D´Arco in der weltlichen Kantate für Singstimme mit Orchester ihre edle, ausdrucksvolle Stimme, um mit expressiver Kraft die Gefühle zwischen Vaterlandsliebe, göttlicher Mission und finalem Tod am Scheiterhaufen auf die Bühne der Lechwelten zu bringen. In der packend vorgetragenen „gran scena“ sind in der Einleitung ernste, dramatische Aspekte gefragt, die ebenso mit äußerst voluminösen tiefen Lagen und Präzision gesungen werden, wie danach wunderschönes Belcanto-Timbre folgt. Die Höchsttöne perlen glanzvoll und können große Emotionalität bei den kraftvollen Eruptionen auslösen und die triumphierenden Passagen wie die „Vittoria-Rufe“ in der ausführlichen Cabaletta gelingen ausgezeichnet. Flinkes, blitzschnelles parlando bereitet ebenfalls keinerlei Probleme. Die Registerwechsel ohne jegliche Brüche, das vokale Feuerwerk im Finale und der unglaublich langgezogene Schlusston lässt die Frage aufkommen, wann die russische Mezzosopranistin eigentlich atmet? Ein Geschenk, bei dieser sensationellen Interpretation dabei gewesen zu sein und ein unbestrittener Höhepunkt des Lech Classic Festivals.

Rossinis geistliches Werk mit toller Ensembleleistung: Slávka Zámečníkova, Štêpánka Pučálková, Tetsuro Ban, Pavel Kolgatin und Levente Páll. Foto: Lech/Zürs Toursismus.Per Panik
Rossinis spezielle und inspirierende Kraft wird auch bei „Stabat Matar“ (in Latein vorgetragen) von einem hochkarätigen Solistenquartett optimal herausgearbeitet. Das geistliche Werk wird in zehn Nummern mit Arien, Duetten, Terzetten, Quartetten mit und ohne Chor unterteilt und verbindet strenge Kirchenmusik mit opernähnlichen Melodien und Ausdruckskraft. Obwohl der unfassbare mütterliche Schmerz Marias beim Anblick ihres sterbenden Sohnes Jesus beschrieben wird, gelingt mit wunderschön vorgetragenen Passagen, strahlender Kraft und leidenschaftlichen Gefühlsentladungen eine optimistische Ausrichtung. Die herausragenden, sehr gut abgestimmten 20 Mitglieder des Bayerischen Staatsoperchores (Chorleitung: Christoph Heil) begeistern ebenso wie die Orchestermusiker (klangvolle Hörner bei der Einleitung zu „Fac, ut portem Christi mortem“!). Die Slowakin Slávka Zámečníková, bekanntes Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, setzt ihren Sopran glockenhell ein, übertönt wunderbar und mit dramatischem Timbre Chor und Orchester in forte und klingt im Duett mit dem Mezzo im absoluten Einklang und fast lieblich, wenn von Sünden des Volkes gesungen wird. Die in Berlin geborene und lange in Dresden tätige tschechische Mezzosopranistin Štêpánka Pučálková verfügt über eine tragfähige Stimme mit breitem Register und kann Mitleid mit den Gefühlen einer leidenden Mutter erzeugen. Eine der klangschönsten lyrischen Tenorstimmen weltweit besitzt Pavel Kolgatin, der acht Jahre lang zum Ensemble der Wiener Staatsoper gehörte, und beweist dies unter anderem am Beginn des Stückes in betrübten, wehklagenden Klangfarben mit strahlender Höhe. Der Bass von Levante Páll (ist seit zehn Jahren im Ensemble am Münchner Staatstheater Gärtnerplatz) ertönt kraftvoll und mit großer Durchschlagsfähigkeit (wie bei seinem emotionalen Ausbruch „Mach, dass brenne mein Herz in Liebe“), kann aber auch schöngeschwungene Belcanto-Farben zum Ausdruck bringen.
Für alle im Publikum, die Rossini noch nicht entdeckt haben, eröffnet sich eine traumhafte Musik voller Witz, Humor und Esprit und nach diesen phänomenalen Interpretationen setzt es Jubel und Standing Ovation für alle KünslerInnen.
Susanne Lukas

