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LAUSANNE/ Opéra: RIGOLETTO. Tanz auf dem Abgrund. Premiere

15.06.2026 | Oper international

Rigoletto an der Opéra de Lausanne, Premiere vom 14.06.2026 – Tanz auf dem Abgrund.

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Davide Tuscano als Conte die Mantova und Marie Lys als Gilda. Foto: Carole Parodi

Mit Verdis Rigoletto kehrt nicht nur eines der erschütterndsten Werke des italienischen Repertoires an die Opéra de Lausanne zurück, sondern auch jene Inszenierung von Richard Brunel, die bereits bei ihrer Entstehung an der Opéra national de Lorraine für Aufmerksamkeit sorgte (in Koproduktion mit l’Opéra de Toulon, l’Opéra de Rouen Normandie, les Tthéâtres de la Ville de Luxembourg). Statt am Hof des Herzogs von Mantua entfaltet sich das Drama im Mikrokosmos einer Ballettkompanie – ein Regieeinfall, der weit mehr ist als eine blosse Modernisierung. Brunel legt damit die zeitlose Mechanik von Macht, Abhängigkeit und Missbrauch frei und macht Verdis Oper auf beklemmende Weise gegenwärtig.

Bereits beim Öffnen des Vorhangs wird deutlich, wie konsequent diese Lesart umgesetzt ist. Das von Étienne Pluss entworfene Bühnenbild führt den Zuschauer hinter die Kulissen eines Opern- und Ballettbetriebs. Probenräume, Garderoben und Bühnenbereiche gehen fliessend ineinander über und schaffen eine Atmosphäre permanenter Beobachtung. Niemand bleibt unbeobachtet, niemand entkommt dem Blick des Machtapparates. Die Kostüme von Thibault Vancraenenbroeck und die präzisen Lichtstimmungen von Laurent Castaingt verstärken diesen Eindruck einer Welt, in der Glamour und Verletzlichkeit untrennbar miteinander verbunden sind.

Besonders überzeugend erweist sich die Verschmelzung von Oper und Tanz. Die Choreographie von Maxime Thomas ist kein dekorativer Zusatz, sondern integraler Bestandteil der Erzählung. Die Tänzer verkörpern gleichsam die unsichtbaren Kräfte, die die Figuren antreiben oder in den Abgrund ziehen. Dadurch gewinnt die Inszenierung eine poetische Ebene, die den emotionalen Kern des Werkes freilegt.

Im Zentrum des Abends steht Lionel Lhote als Rigoletto. Seine Darstellung vereint vokale Autorität mit grosser menschlicher Verletzlichkeit. Lhote zeichnet keinen blossen Hofnarren, sondern einen Mann, der verzweifelt versucht, seine Tochter vor einer Welt zu schützen, deren Grausamkeit er selbst täglich mitträgt. Sein grosser Monolog „Cortigiani, vil razza dannata“ wird so zum hervorragenden erschütternden Ausbruch eines gebrochenen Menschen.

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Lionel Lhote als Rigoletto, Marie Lys als Gilda und Agnes Letestu Tänzerin Êtolie de l’Opera de Paris. Foto: Carole Parodi 

Marie Lys gestaltet Gilda mit leuchtendem Sopran und bemerkenswerter stilistischer Eleganz. Ihre Stimme verbindet technische Sicherheit mit berührender Unmittelbarkeit, wodurch die Entwicklung der Figur von der behüteten Tochter zur selbstbestimmten jungen Frau glaubhaft nachvollziehbar wird. Besonders in „Caro nome“ gelingt ihr ein Moment von beinahe schwereloser glanzvoller Schönheit.

Davide Tuscano gibt den Herzog von Mantua nicht als charmanten Verführer, sondern als narzisstischen Machtmenschen, der seine Position selbstverständlich zur Befriedigung eigener Bedürfnisse nutzt. Gerade in Brunels Konzeption gewinnt die Figur dadurch eine beklemmende Aktualität. Vartan Gabrielian verleiht Sparafucile die notwendige düstere Autorität, während Sophie Kidwell als Maddalena mit sinnlicher Bühnenpräsenz überzeugt.

Das weitere Ensemble ergänzt die Hauptdarsteller hervorragend; Vincent Casagrande als Marullo, Sulkhan Jaiani als Comte Monterone, Matthieu Justine als Borsa, Kyu Choi als Le Compte Ceprano, Anouk Molendijk als Giovanna, Léa Sirera als Le Page und Solène Nancy als La Comtesse Ceprano.

Eine besondere Rolle kommt Agnès Letestu zu. Die ehemalige Étoile der Pariser Oper erscheint als Gildas Mutter weniger als reale Figur denn als Erinnerung, Traum oder Gewissen der Handlung. Ihre Präsenz verleiht der Inszenierung zusätzliche emotionale Tiefe und unterstreicht die enge Verbindung von Tanz und Oper, die Brunels Konzept zugrunde liegt.

Am Pult des Orchestre de Chambre de Lausanne gibt Giulio Cilona sein Debüt. Seine Lesart vermeidet jede plakative Effekthascherei und setzt stattdessen auf Transparenz und dramatische Spannung. Die kammermusikalische Präzision des Orchesters bringt zahlreiche Details der Partitur zum Vorschein, ohne die grosse emotionale Linie aus den Augen zu verlieren. Auch der von Anass Ismat vorbereitete Chor der Opéra de Lausanne erfüllt seine Aufgaben mit klanglicher Geschlossenheit und dramatischer Präsenz.

Was diese Produktion so bemerkenswert macht, ist ihre Fähigkeit, Verdis Meisterwerk nicht gegen, sondern mit dem Werk neu zu lesen. Die Verlegung in die Welt des Balletts wirkt nie aufgesetzt; vielmehr schärft sie den Blick für die gesellschaftlichen Mechanismen, die Rigoletto seit seiner Entstehung prägen. Machtmissbrauch, sexuelle Ausbeutung und die zerstörerischen Folgen sozialer Hierarchien erscheinen hier nicht als historische Relikte, sondern als bedrückend aktuelle Realität. Einfach gesagt, hervorragend gemacht.

Richard Brunels Inszenierung bestätigt damit ihren Ruf als eine der intelligentesten Neuinterpretationen von Rigoletto der letzten Jahre. Sie verbindet psychologische Präzision, visuelle Schönheit und gesellschaftliche Relevanz zu einem Musiktheaterabend, der lange nachwirkt. In Lausanne erweist sich diese Produktion erneut als eindrucksvoller Beleg dafür, wie gegenwärtig Verdis Meisterwerk auch mehr als 170 Jahre nach seiner Entstehung geblieben ist.

 

Marcel Emil Burkhardt

 

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