Opéra de Lausanne. MIREILLE. Derniere vom 11.10.26

Vannina Santoni (Mireille). Foto: Carole Parodi
Mit Charles Gounods Mireille eröffnet die Opéra de Lausanne ihre Saison 2026/27 mit einem Werk, das auf den internationalen Spielplänen eher selten anzutreffen ist. Umso erfreulicher ist die Entscheidung, diese französische Oper in einer neuen Produktion auf die Bühne zu bringen.
Gounods 1864 in Paris uraufgeführte Oper basiert auf Frédéric Mistrals Versdichtung Mirèio. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen Mireille, der Tochter eines wohlhabenden Bauern, und Vincent, dem Sohn eines armen Korbflechters. Standesunterschiede, väterlicher Widerstand und die Eifersucht des Ourrias führen die zunächst sommerlich-heitere Geschichte immer tiefer in die Tragödie.
Bruno Ravella begegnet dem Werk mit Respekt vor seiner provenzalischen Herkunft, ohne daraus folkloristisches Bildertheater zu machen. Gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Barbara de Limburg entwickelt er eine Bildsprache, die sich aus einem zentralen Element der Handlung ableitet. Vincent ist Korbflechter. Flechtwerk, natürliche Materialien und Stoffe werden deshalb zum Ausgangspunkt des Bühnenbildes. In stark vergrösserter Form schaffen diese Elemente eine beinahe traumartige Welt, die bewusst poetischer gehalten ist als eine realistische Wiedergabe der verschiedenen Schauplätze. Motive des Webens und Flechtens ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Abend.
Auch die Kostüme von Gabrielle Dalton folgen diesem Ansatz. Als Grundlage dienen die traditionellen Trachten von Arles und der Camargue. Dalton übernimmt deren charakteristische Formen, führt sie jedoch mit zeitgenössischen provenzalischen Stoffen behutsam in die Gegenwart.
François Thouret unterstützt diese poetische Bühnenwelt mit einer fein abgestimmten Lichtgestaltung. Sie lässt die unterschiedlichen Stimmungen zwischen südlicher Helligkeit, Intimität, Bedrohung und zunehmender Tragik deutlich hervortreten. Auch die Choreografie von Jo Meredith fügt sich selbstverständlich in das Bühnengeschehen ein und trägt dazu bei, dass sich Musik, Bewegung und Ausstattung zu einem geschlossenen Ganzen verbinden.
Im Zentrum steht Vannina Santoni als Mireille. Sie ist eine überzeugende Interpretin dieser anspruchsvollen Titelpartie. Ihr Sopran verbindet Leuchtkraft und Eleganz mit einer grossen Natürlichkeit des Ausdrucks. Besonders überzeugend ist die Entwicklung ihrer Figur von der lebensfrohen jungen Frau der ersten Szenen bis zur entschlossenen Liebenden, die bereit ist, sich gegen gesellschaftliche und familiäre Widerstände aufzulehnen. Santoni gestaltet diese Entwicklung mit vokaler Sicherheit und emotionaler Glaubwürdigkeit.

Vincent, gesungen von Thomas Bettinger. Foto: Carole Parodi
An ihrer Seite überzeugt Thomas Bettinger als Vincent mit einem kultivierten, klar geführten Tenor. Er vermeidet jede übertriebene Heroisierung und zeichnet Vincent vielmehr als aufrichtigen jungen Mann, dessen Liebe zu Mireille von Wärme und Ernsthaftigkeit geprägt ist.
Einen starken Gegenpol bildet Jean-Kristof Bouton als Ourrias. Mit markantem Bariton und kraftvoller Bühnenpräsenz gibt er dem abgewiesenen Verehrer Profil, ohne ihn zu einer eindimensionalen Bösewichtfigur werden zu lassen.

Taven, gesungen von Geraldine Chauvet und Chor. Foto: Carole Parodi
Ausgezeichnet besetzt ist auch Géraldine Chauvet als Taven. Mit ihrem charaktervollen Mezzo verleiht sie der geheimnisvollen Figur Autorität und Wärme.
Auch die weiteren Rollen sind auf hohem Niveau besetzt. Matthieu Lécroart gibt Mireilles Vater Ramon mit sonorem, bestimmtem Klang das notwendige Gewicht. Hinter dessen Härte bleibt dabei der Vater erkennbar, dessen Vorstellungen von Familie, Ehre und gesellschaftlicher Ordnung mit den Wünschen seiner Tochter kollidieren. Nathanaël Tavernier überzeugt als Ambroise mit einem warmen und tragfähigen Bass und setzt einen schönen Kontrast zu Ramon.
Andrea Cueva Molnar gestaltet Vincenette mit frischem, klarem Sopran und bringt Leichtigkeit in das Ensemble. Ebenso erfreulich ist Emma Delannoy als Clémence, die ihre Partie mit Charme und vokaler Beweglichkeit versieht. Maxence Billiemaz macht als Andreloun mit natürlicher Präsenz auf sich aufmerksam und fügt sich bestens in das homogene Ensemble ein. Auch die kleineren Partien werden sorgfältig besetzt. Corentin Bournon setzt als Fährmann einen prägnanten Akzent, während Hannah Blaser der himmlischen Stimme jene entrückte Qualität verleiht, die im Schluss der Oper von besonderer Bedeutung ist.
Am Pult des Orchestre de Chambre de Lausanne (OCL) erweist sich Jean-Marie Zeitouni als hervorragender Anwalt dieser Musik. Der ausgewiesene Kenner des französischen Repertoires des 19. Jahrhunderts arbeitet die Transparenz und den Farbenreichtum der Partitur heraus, ohne ihre dramatische Energie zu vernachlässigen. Das OCL folgt ihm mit Präzision und klanglicher Beweglichkeit.
Eine wichtige Rolle spielt der Chor der Opéra de Lausanne. Unter der Leitung von Anass Ismat präsentiert er sich geschlossen, präzise und klangvoll. Die Chorszenen sind ein wesentlicher Bestandteil der provenzalischen Atmosphäre und erhalten sowohl musikalisches Gewicht als auch szenische Lebendigkeit.
Das Publikum ist begeistert und feiert den gelungenen Abend mit grossen Ovationen.
Marcel Emil Burkhardt

