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LAUSANNE/ Opéra de: Liederabend MICHAEL SPYRES/ MATHIEU PORDOY

09.01.2026 | Konzert/Liederabende

Liederabend Michael Spyres an der Opéra de Lausanne vom 8. Januar 2026

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Michael Spyres. Foto: Andie Bottrell

Mit seinem Liederabend an der Opéra de Lausanne stellt Michael Spyres eindrucksvoll unter Beweis, weshalb er zu den vielseitigsten und interessantesten Sängern seiner Generation zählt. Der amerikanische Tenor, oft als „Baritenor“ bezeichnet, verfügt über einen aussergewöhnlich grossen Stimmumfang und verbindet technische Sicherheit mit stilistischer Offenheit. Nach einem Arienabend beim Gstaad New Year Music Festival wenige Tage zuvor präsentiert er sich hier in einem reinen Liedprogramm, begleitet vom Pianisten Mathieu Pordoy.

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Mathieu Pordoy. Foto: Tatyana Vlasova

Den Auftakt bilden Hector Berlioz’ „Les Nuits d’été“, die Spyres mit grosser Aufmerksamkeit für Linie und Text gestaltet. Die „Villanelle“ überzeugt durch klare Artikulation und federnde Leichtigkeit, ohne oberflächlich zu wirken. In „Le spectre de la rose“ findet Spyres zu einer schwebenden, fein abgestuften Klangfarbe, die dem Lied eine ruhige, innere Spannung verleiht. Besonders eindrucksvoll gelingen „Sur les lagunes“ und „Absence“, in denen er die dunkleren Register seiner Stimme nutzt und die emotionale Intensität der Texte klar herausarbeitet. „Au cimetière“ besticht durch konzentrierte Zurücknahme, „L’île inconnue“ schliesst den Zyklus mit kontrollierter Offenheit und feinem Gespür für musikalische Balance.

Erich Wolfgang Korngolds Zyklus „Unvergänglichkeit“ erweist sich als Höhepunkt des Abends. Die spätromantische Tonsprache liegt Spyres hörbar, der die emotionalen Bögen mit grosser Selbstverständlichkeit spannt. „Das eilende Bächlein“ ist lebendig phrasiert, „Das schlafende Kind“ von schlichter Innigkeit geprägt. In „Stärker als der Tod“ verbindet Spyres stimmliche Kraft mit klarer Struktur und vermeidet jede Überzeichnung. Die beiden Rahmensätze „Unvergänglichkeit I und II“ verleihen dem Zyklus einen geschlossenen, überzeugenden Rahmen.

In den Vier Liedern op. 27 von Richard Strauss zeigt Spyres seine Fähigkeit zur stilistischen Anpassung. „Ruhe, meine Seele!“ entfaltet eine gespannte Ruhe und sorgfältige Textdeklamation. „Cäcilie“ erklingt leidenschaftlich und direkt, getragen von sicher geführter Höhe. „Heimliche Aufforderung“ überzeugt durch Eleganz und flüssigen musikalischen Gestus, während „Morgen!“ bewusst schlicht gehalten ist und durch innere Ruhe wirkt.

Die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner bilden einen wirkungsvollen Abschluss. „Der Engel“ bleibt liedhaft und klar geführt, „Stehe still!“ und „Schmerzen“ verbinden dramatische Spannung mit kontrollierter Linienführung. Besonders eindrucksvoll gerät „Im Treibhaus“, dessen düstere Klangwelt Spyres mit grosser Konzentration und farblicher Tiefe ausleuchtet. „Träume“ beschliesst den Abend in ruhigem, verinnerlichtem Ton und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck.

Trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung zeigt Michael Spyres einen Liederabend von hoher Qualität und musikalischer Geschlossenheit. Seine Interpretationen verbinden stimmliche Präsenz mit stilistischer Sensibilität und machen deutlich, dass er auch im Liedfach eine eigenständige, überzeugende Position einnimmt. In der Zugabe singt er ein Volkslied aus seiner Heimat Missouri, schön vorgetragen mit viel Verve und inniger Emotionalität. Mathieu Pordoy erweist sich als aufmerksamer und klanglich feinsinniger Partner, der den Abend mit grosser musikalischer Zuverlässigkeit trägt.

Marcel Emil Burkhardt

 

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