Le Nain (Der Zwerg) von Alexander von Zemlinsky an der Opera de Lausanne;
Premiere vom 26.04.2026

Foto: Carole Parodi
Mit Der Zwerg schuf Alexander von Zemlinsky einen Einakter, der sich mit Themen wie Selbstwahrnehmung und Ausgrenzung beschäftigt. Die Produktion an der Opéra de Lausanne orientiert sich dabei eng an der literarischen Vorlage von Oscar Wilde.
Das Libretto von Georg C. Klaren basiert auf der Erzählung Der Geburtstag der Infantin. Die Handlung ist klar aufgebaut: Eine Prinzessin bekommt einen Zwerg geschenkt, der sich seiner äusseren Erscheinung nicht bewusst ist und die Situation missversteht. Erst später erkennt er die Realität, was zum tragischen Ende führt. Zemlinsky verbindet diese Geschichte mit einer differenzierten, spätromantischen Klangsprache.
Die musikalische Leitung liegt bei Sora Elisabeth Lee, die das Orchestre de Chambre de Lausanne in der Bearbeitung für 18 Musiker von Jan-Benjamin Homolka dirigiert. Die reduzierte Besetzung sorgt für eine gute Durchhörbarkeit. Insgesamt wirkt die musikalische Umsetzung ausgewogen, auch wenn dramatische Höhepunkte eher zurückhaltend bleiben.
Die Inszenierung von Jean Liermier übernimmt zentrale Elemente aus Wildes Vorlage. Zusammen mit Rudy Sabounghi entsteht eine Bühne, die stark von Blumen und Pflanzen geprägt ist. Damit wird ein Motiv der Vorlage aufgegriffen, in der Blumen und Pflanzen wie Tulpen oder Rosen personifiziert auftreten und den Zwerg verspotten. Die Umsetzung ist klar erkennbar, bleibt aber eher illustrativ.
Die Lichtgestaltung von Jean-Philippe Roy unterstützt die Szenen ohne sich in den Vordergrund zu stellen.

Foto: Carole Parodi
Für den erkrankten Hauptdarsteller Adrian Dwyer, der die Rolle des Zwergs szenisch auf der Bühne verkörperte, übernahm Mathias Vidal den vokalen Part aus der Seitenloge. Diese ungewöhnliche Aufteilung funktionierte bemerkenswert gut: Vidal gestaltete die Partie mit solider, sicher geführter Stimme und sorgte für die notwendige musikalische Präsenz, während Dwyer die körperliche Darstellung der Figur übernahm.
Tamara Bounazou zeichnet Donna Clara bewusst distanziert und überzeugt zugleich mit einer klangvollen, tragfähigen Stimme, die sich mühelos im Raum entfaltet. Ihr Gesang wirkt durchgehend präsent und gut geführt.
Als Ghita setzt Linsey Coppens einen ruhigeren, ausgleichenden Akzent und bringt eine angenehm warme Klangfarbe ein. Christian Immler gestaltet Don Estoban mit stimmlicher Stabilität und klarer Linienführung.
Die Nebenrollen sind insgesamt gut besetzt. Erste Zofe, Andrea Cueva Molnar, zweite Zofe Céline Soudain und dritte Zofe, Anouk Molendijk.
Der Chœur de l’Opéra de Lausanne unter der Leitung von Pascal Mayer fügt sich klanglich geschlossen ein.
Insgesamt handelt es sich um eine solide Aufführung mit klarem Konzept und guter musikalischer Umsetzung. Der Fokus liegt auf einer verständlichen Darstellung des Werks, ohne starke interpretatorische Zuspitzung.

