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Laura Wiesböck: IN BESSERER GESELLSCHAFT

17.09.2018 | buch

Laura Wiesböck:
IN BESSERER GESELLSCHAFT
Der selbstgerechte Blick auf die Anderen
208 Seiten, Verlag Kremayr & Scheriau, 2018

Es ist menschliches Grundverhalten – Ausnahmen natürlich immer ausgenommen! -, sich in einer Gruppe wohl und geborgen zu fühlen. Davon auszugehen, dass diese Gruppe die „richtigen“ Werte vertritt (sonst verlässt man sie ja), also die „Guten“ repräsentiert. Und es ist gleichfalls menschliches Grundverhalten, sich gegen die „Feinde“ (in früheren Gesellschaften, für die Griechen waren alle Nicht-Griechen „Barbaren“), die „Anderen“, die „Fremden“, also pauschal die „Bösen“ abzugrenzen: Gemeinsame Feinde stärken jede Gruppe. Das ist nun einmal so, und daran kann die soziologische Durchleuchtung dieses Phänomens wenig ändern.

Tatsache ist allerdings, dass sich menschliches Leben und Verhalten selten so schnell grundlegend und gerade hysterisch verändert hat wie in unserer Zeit. Da gibt es unendlich viel zu bedenken, und das macht das Buch der Soziologin Laura Wiesböck (Universität Wien) so wertvoll. Nicht, dass man jede ihrer Thesen unwidersprochen annehmen müsste – aber sie arbeitet den Katalog gegenwärtigen Verhaltens nicht nur ab, sondern teilweise auch auf. In aller Widersprüchlichkeit.

Ihr Buch „In besserer Gesellschaft“ (und die Besseren sind natürlich „Wir“, das liegt in der Natur der Sache) trägt den Untertitel: „Der selbstgerechte Blick auf die Anderen“. Was später natürlich das Kapitel über die Sozialen Medien (sie nennt es „Aufmerksamkeit“) zum interessantesten und aktuellsten macht, in anderen Bereichen verstehen sich manche Erkenntnisse von selbst. Aber grundsätzlich geht es darum, sich selbst zu positionieren – bei den „Guten“. Die „Anderen“ (die Rechten, die Rassisten, die Migranten, die Arbeitslosen) werden als Gruppe aufgrund von Vorurteilen in eine vorgefertigte Box gesteckt und pauschal abgeurteilt  – und man meint, darüber (oder mit denen) gar nicht weiter diskutieren zu müssen. Womit man sich selbst in die Wohlfühlposition der Höherwertigen (gegenüber den Minderwertigen) bringt.

Die Konsum-Leistungsgesellschaft hat nun eine Menge zu bieten, um „Wir da oben – ihr da unten“ (in Umkehrung des Wallraff’schen Modells von einst) zu fixieren. Die Statussymbole der Abgrenzung sind zahlreich. Wenn man das Buch fertig gelesen hat (und es lohnt sich), sollte man bei der Erkenntnis gelandet sein, dass es keine absolute Wahrheit gibt und Meinungen das Produkt der jeweiligen Lebenssituation sind. Als ob man das nicht schon gewusst hätte…

Hat es je eine Gesellschaft gegeben, die kollektiv egozentrischer war als unsere und das auch ausleben konnte? Wobei man natürlich vielen Klischees auf den Leim geht. Die Selbstverwirklichung als Recht und Pflicht, nur tun, was man gerne mag – ein paar sind damit durchgekommen, weltberühmt und Millionäre geworden, und sie predigen es den Millionen, die das nicht schaffen, als Gesetz. Wer darauf hereinfällt, kann auch auf die Nase fallen. Das sieht man etwa an den Schilderungen der schönen, neuen Arbeitswelt, wo die Flucht vor dem verachteten „9 to 5“ (und jetzt soll man gar 12 Stunden arbeiten, igitt!) das Überborden der Startups und Selbständigkeit gebracht hat, was sich über kurz oder lang nicht als Honigschlecken herausstellt. Aber man ist natürlich „frei“ und kann sich solcherart überlegen fühlen. Und man fragt sich nicht, was die von den meisten Menschen fraglos akzeptierten „Business-Prioritäten“ mit dem eigenen Leben anstellen.

Wie schwer es Migranten haben, stellt die Autorin durchaus mit Mitgefühl (und den ausgewählten Beispielen dazu) dar. Dass Hunderttausende, die wandern, hunderttausende individuelle Schicksale sind – das muss bürokratische Strukturen, die mit der Lösung des Problems befasst sind, logischerweise überfordern. Dass die Stimmung für und wider im Polit-Interesse angeheizt wird – fraglos. Da glaubt jede Seite, für ihre Position gute Gründe zu haben. Aber für das Beispiel „Feindbild“ lässt sich wenig so gut verwenden wie die Fremden in unseren Straßen. Besonders milde ist die Autorin übrigens mit den Kriminellen – ein Einbrecher wiegt ihr weniger schwer als ein Wirtschaftsverbrecher im Nadelstreif, dem nichts geschieht. Ist das nicht auch manipulative Darstellung, das Spielen mit dem Neidfaktor?

Die interessantesten Kapitel sind jene über Konsum und Aufmerksamkeit. Statussymbole gab es immer, sind nichts Neues, nur haben sie sich raffiniert verändert. Die Rolex wirkt zwar auch noch, aber der Welt zu zeigen, dass man ein bio-bewusstes, nachhaltiges, am besten auch noch veganes Leben führt, scheint in gewissen Gesellschaftsschichten noch schwerer zu wiegen, wenn man die Mitwelt beeindrucken (und natürlich – wie immer – übertrumpfen) will. (Ganz witzig formuliert die Autorin: Die bewussten Travellers von heute genießen in „Öko-Lodges mit Vier-Sterne-Baumhäusern den Urlaub ohne Schuldgefühl“.)

Das interessanteste Kapitel des Buches ist natürlich jenes, in dem es um die neue Social Media Welt geht, dem die Erkenntnis voraus gestellt ist: „Was Orwell nicht voraus gesagt hatte, ist, dass wir die Kameras selbst kaufen würden, und dass unsere große Angst wäre, dass niemand uns zusieht.“ Denn „Big Brother is watching you“ ist der Gier gewichen, beachtet, beobachtet, beurteilt zu sein – „Aufmerksamkeit ist die Währung der Moderne“. Präsenz in den Social Media, Likes, das Leben nach dem Foto ausrichten, das man postet, Ich-Vermarktung als oberste Maxime. Der Wahnsinn ist ausgebrochen – und wer ihm nicht verfallen ist, kann nur mit Interesse beobachten, ob die Blase einmal platzen wird oder nicht.

Das eigene Leben der Umwelt als prachtvollen Erfolg, als dynamisches Unterwegs-Sein vorzugaukeln, hat zu dauernder Selbstüberwachung geführt. Extrovertismus ist die Norm, und jene armen Menschen, die von Natur aus introvertiert sind und gar nicht anders können, sind in dieser Gesellschaft signifikant benachteiligt (werden auch schlechte Team-Arbeiter, schlechte Netzwerker, schlechte Smalltalker abgeben).

Das ganze Leben als Casting-Show, und wer sich nicht effektvoll präsentieren, positionieren und vermarkten kann, hat schon verloren. Das digitale Selbst wird von einem Großteil der heutigen Menschen nicht mehr hinterfragt. (Wobei der Exkurs zu den „Coaches“, die es heute für jeden Lebensbereich gibt und wo man sich für viel Geld Banalitäten sagen lässt, sehr erheiternd ist.)

Manches an dem Buch wirkt übrigens fast überholt. Ja, die deutsche Sprache ist eine männliche, die Autorin wirkt dem mit dem Gender-Sternchen bei jedem personalisierten Substantiv entgegen (Migrant*innen, Rassist*innen), aber mittlerweile sind die auch sprachlichen Vorurteile, die sie anprangert, großteils aufgeweicht. Und auch Geschlechterklischees greifen wohl nicht mehr so unbedingt (Männlichkeit = Stärke), wie sie hier dargelegt werden.

Am naivsten findet man die Autorin übrigens bei ihrem Vorschlag, „wir“ mögen auf die Migranten zugehen und das Gespräch suchen, weil Missverständnisse nur darauf beruhten, dass man einander nicht kennt. Das wird schwer werden, wenn es nicht natürlich durch die Situation erfolgt, sondern zwanghaft herbei geführt wird. Denn Migranten sind keine Hündchen, denen man einen Happen zuwirft und die einem dann dankbar die Hand lecken. Das sind Menschen in aller Diversität (Hintergrund, Weltanschauung, persönliche Einstellung, persönliches Schicksal und bewusste oder unbewusste Positionierung), und am Ende kann man sich mehr Peinlichkeit und neue Vorurteile vorstellen, als die Weltumarmung. Es gibt Dinge, die sich leichter niederschreiben als durchführen lassen.

Nun hat uns das Buch vieles bewusst gemacht. Wird es uns weiter bringen im Versuch, die Dinge zu bewältigen? Nun, der Historiker weiß, dass die „Geschichte“ immer noch alle Probleme „gelöst“ hat, so oder so, ob es uns gefällt oder nicht.

Renate Wagner

 

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