LAS PALMAS/Teatro Pérez Galdós: OTELLO – Premiere am 24. März 2026
Attraktive Werkgerechtigkeit

Erika Grimaldi, Michael Fabiano. Foto: Nacho González Oramas /ACO.
Im Rahmen ihrer bereits 59. Opern-Saison in Erinnerung an KS Alfredo Kraus, den großen Sohn der Stadt Las Palmas, brachten die Amigos Canarios de la Ópera – ACO nun eine neue Eigenproduktion von Giuseppe Verdis „Otello“ heraus – nach dem „Liebestrank“ die zweite von fünf Opern in der Temporada 2026. Es ist die bereits 6. Inszenierung der ACO seit 1972. Unter anderen sangen hier seither in den Hauptrollen Mario del Monaco, Tito Capobianco, Richard Cassilly, Vladimir Atlantov, Barbara Frittoli, Yolanda Auyanet – klingende Namen also.
Aufgrund der großartigen Leistungen der drei Protagonisten, aber auch der kleineren Rollen, soll hier einmal mit dem gesanglichen Teil begonnen werden. Die Besetzung der Hauptrollen hat einmal mehr bewiesen, dass die Amigos ein gutes Händchen bei ihrer Besetzungspolitik haben, um die sie einige – auch durchaus größere – Häuser im europäischen Norden beneiden sollten. Man holt immer wieder Weltklasse-Sänger nach Las Palmas. Piotr Beczala als Cavaradossi in der letzten Saison sei nur als ein Beispiel der jüngsten Vergangenheit genannt.
Nun war es Michael Fabiano, US-Amerikaner italienischer Abstammung, der schon an vielen großem Häusern gesungen hat, auch in Wien. Er gab einen starken und darstellerisch äußerst souveränen Otello mit gutem Spinto. Auf eine Dunkelfärbung seines Gesichts wurde freilich aus den wohl hinlänglich bekannten Gründen verzichtet, obwohl gerade darin ein Teil der ganzen Entwicklung des Stücks und Otellos Untergangs besteht.
Erika Grimaldi singt ebenfalls weltweit nahezu alle Puccini- und Verdi-Partien ihres Fachs. Das sind nicht wenige, und sie gehören zu den beliebtesten ihrer Zunft. Grimaldi beeindruckte als Desdemona wieder mit ihrem herrlich timbrierten und technisch perfekt geführten sowie äußerst wohlklingenden Sopran. Das Gebet an Maria im letzten Akt war vom Feinsten, emotional berührend, mit herrlichen Piani. Die Rolle interpretierte sie darstellerisch auf exzellente Art und Weise mit all ihren Facetten.

Foto : Nacho González Oramas /ACO.
Gabriele Viviani, auch ein Weltklassesänger, sang und spielte höchst intensiv den Jago. Auch er singt überall auf der Welt. Zuletzt konnte ich ihn als Macbeth in Savonlinna erleben. Seine Begegnungen mit Otello an diesem Abend waren von größter Dramatik und darstellerischer Intensität gekennzeichnet. Viviani ist ein ganz großer Sänger, von dem man noch viel mehr hören wird.

Foto: Nacho González Oramas /ACO.
Bror Magnus Tødenes gab einen willfährigen Cassio mit einem guten und weiter ausbaufähigen Tenor. David Barrera war ein präsenter Roderigo. Max Hochmuth, ein deutschstämmiger Argentinier im Ensemble von Las Palmas, war Montano, Julián Padilla Heraldo, und Andrea Gens gab eine zurückhaltende Emilia, alle vier mit ihrem Rollendebut. Jeroboám Tejera sang einen souveränen Lodovico.
Carlo Antonio de Lucia führte Regie mit dem Bühnenbilder Daniele Piscopo, der sehr oft bei den ACO Regie führt. Diese doppelte Ladung an Regie-Kompetenz drückte sich in einer äußerst attraktiven Inszenierung mit einer bestens ausgearbeiteten und ganz eng am Thema der unüberwindlichen Eifersucht Otellos lavierenden Dramaturgie aus. Es gelang eine sehr intensive dramatische Darstellung der „Otello“-Story, wie sie sich Shakespeare und Verdi wohl vorgestellt haben – eben das Stück der unglaublichen Eifersucht, die einen Mann und seine Frau am Ende zu Tode bringt.
Das haben sie großartig und mit prachtvollen Bühnenbildern dargestellt, die die Baukunst des ausgehenden Mittelalters und des klassischen Venedig zeigen. Diese Bilder wurden hervorragend ausgeleuchtet von Grace Morales, die schon mehrfach hier aufgefallen ist als hervorragende Beleuchterin und auch einmal an einer größeren Bühne arbeiten sollte.
Musikalisch lag das Geschehen in den bewährten Händen von Carlo Montanaro, der an diesem Abend bei den ACO debutierte. Wenn auch manches zu Beginn etwas zu laut klang, kam das Philharmonische Orchester von Gran Canaria doch recht schnell auf einen gut mit dem Bühnengeschehen abgestimmten Sound. Die große Erfahrung mit Verdi, der hier fast immer die Temporadas beherrscht, kam schließlich voll zur Geltung. Die Sänger wurden dann auch sehr freundlich behandelt. Der von Olga Santana einstudierte Coro des Festival de Ópera sang kraftvoll und trug wesentlich zur Handlung bei. Die Intonation des Kinderchores ist hingegen ausbaufähig.
Es war also ein klassischer „Otello“. Da war nichts an neuer Deutung, gar neuer Lesung. Es war einfach so, wie man ihn von den Regieanweisungen Verdis kennt. Dazu kann man jetzt stehen oder nicht, das kann man als konventionell bezeichnen oder nicht. Hervorragend hat es jedenfalls gewirkt, und im Grunde strahlt das Werk diese dramatische und eingängliche Kraft aus, wenn es so inszeniert wird. Das hat sich in Las Palmas wieder einmal gezeigt und kam beim Publikum auch sehr gut an.
Klaus Billand

