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LAS PALMAS/ Internationales Bach-Festival im Teatro Pérez Galdós,: ACIS UND GALATEA von G.F.Händel. Die Mythologie ins Heute übertragen

06.04.2026 | Oper international

Die Mythologie ins Heute übertragen

Internationales Bach Festival Las Palmas

Händel: ACIS AND GALATEA
Serenata in tre parti (2nd Version), HWV 49b

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Roman Bordon als „Polyfemo“ im Teatro Perez Galdos, Las Palmas. Foto: Sabrina Ceballos , Auditiorio Alfredo Kraus

Christian Gil Borrelli, Ana Marqués, Román Bordón, Jennibel Hernández, Carla Sampedro, Julián Hernao.
Musikalische Leitung: Beni Csillag
Inszenierung: Bruno Berger-Gorski
Bühne: Carlos Santos
Kostüme: Carmen Alzate
Teatro Pérez Galdós, 2. und 4. April 2026

Das seit 2015 erfolgreich stattfindende Internationale Bach Festival findet unter der Leitung von Tilman Kuttenkeuler, Adriana Illieva und Michael Gieler statt und setzt sich aus Musikern des Orquesta Filarmónica de Gran Canaria und des Royal Concertgebouw Orchester Amsterdam zusammen.

Der ungarische Gastdirigent Beni Csillag, der ebenfalls in Amsterdam lebt, beendete das Festival in diesem Jahr mit einer gefeierten Aufführung von „Acis und Galatea“ von Georg Friedrich Händel in der letzten Fassung von 1732, in der aktuellen Inszenierung von Bruno Berger-Gorski, die als szenische europäische Erstaufführung von Händels Pasticcio bezeichnet werden darf.

Die Partitur weist einen pastoralen Charakter auf, und es wird auf Englisch und Italienisch gesungen. Beni Csillags Faible für zügige Tempi passt zu Händels Musik. Doch auch die langsamen Schönheiten der Partitur werden ausgekostet. Csillag gelang eine präzise Kontrolle des Klanggleichgewichts zwischen Bühne und Graben. Er beherrscht den Stil mit einem Wechsel zwischen englischen und italienischen Nummern – zwischen Recitativo secco und accompagnato.

Diese stilistische Dualität zwischen Englisch und Italienisch beeinflusst unmittelbar die Artikulation des musikalischen Diskurses und erfordert eine flexible Interpretation, die dem Text und der Phrasierung Rechnung trägt. Csillag erreichte einen transparenten Orchesterklang und eine bemerkenswerte Leichtigkeit mit dem Kammerorchester.

Der in Wien lebende Regisseur Berger-Gorski fügte zudem einen Monolog auf Spanisch für „Polifemo“ ein.

Die junge Sopranistin Ana Marqués ließ als „Galatea“ aufhorchen mit ihren souveränen Koloraturen. Sie besitzt ein Timbre mit einem konsistenten Mittelregister und berührte auch szenisch mit großem Gefühl und starker Theatralik – eine ideale Stimme und Persönlichkeit für das Mozart- und Händel-Repertoire. Ana Marques scheint am Anfang einer vielversprechenden Karriere zu stehen. „Galatea“ kämpfte sichtbar mit mütterlichen Gefühlen und ist hin- und hergerissen zwischen dem betörend singenden „Acis“ und einer glaubwürdigen Abhängigkeit von „Polifemo“.

Höchste Anforderungen meisterte der junge Bariton Román Bordón als „Polifemo“ aus dem Opernstudio Amsterdam. Er wurde als wild agierender und tätowierter Obdachloser inszeniert. Mit überwältigender Bühnenpräsenz und warmem Bariton führte er die verzweifelt mit sich kämpfende Galatea mehrmals in Versuchung, zu ihm zurückzukehren. Ein geradezu genialer Einfall ist der Auftritt des ebenfalls tätowierten Sohnes „Galatos“ von „Galatea“ und  „Polifemo“, der im Mythos vor Ovid erwähnt wird. Román Bordón verfügt über einen rund geführten Bariton mit attraktivem Timbre sowie die nötige Portion Rauheit im Spiel. Die Zerrissenheit seines Charakters steigert sich in seiner glaubwürdigen Entwicklung vom verzweifelten „Stalker“ zum Mörder seines Nebenbuhlers.

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Christian Gil Borelli als „Acis“ und Ana Marques als „Galatea“. Foto: Sabrina Ceballos , Auditiorio Alfredo Kraus

Der bereits international bekannte junge Countertenor Christian Gil Borrelli aus La Coruña gestaltete „Acis“ mit großer Musikalität und guter Phrasierung und zeichnete sich in den Rezitativen durch Klarheit und Ausdruckskraft aus. Beim emotional aufgeladenen Finale traf er die Herzen des Publikums mit seiner Arie „Verso già l’alma col sangue“ in den Armen der um ihn trauernden Galatea und seines Freundes Silvio (Julián Hernao). „Silvio“ hatte „Acis“ zu Beginn mit seiner Arie „Pastor, guarda il tuo core“ berührend und verzweifelt vor einer Ehe gewarnt und erwartete offensichtlich mehr von Acis, als dieser bereit war zu geben.

Im Zeitalter von Almodóvar ist dies in Spanien ein aktuelles Thema.

Unter den kleineren Rollen ragte die Sopranistin Jennibel Hernández – eine „Clori“ mit bemerkenswerter Ausdruckskraft – heraus. Auch die Mezzosopranistin Carla Sampedro ließ als „Filli“ aufhorchen. Alle Solisten zeigten ein einheitlich hohes Niveau und erfüllten ihre Aufgaben auch im Ensemble als Chor souverän.

Die Inszenierung von Bruno Berger-Gorski, in einem Bühnenbild von Carlos Santos und mit heutigen Kostümen von Carmen Alzate, verlegte die Handlung in zeitgenössische Hochzeitsvorbereitungen, die sich in einem malerischen Rahmen mit Projektionen des Mythos abspielten.

Bereits im vergangenen Jahr machte Berger-Gorski mit seiner Aktualisierung von Händels „Giulio Cesare“ unter Ottavio Dantone auf der Nachbarinsel Teneriffa auf sich aufmerksam.

Zu Beginn des Abends erlebt das Publikum durch die vorangestellte Arie „Mi palpito il cor“ des von Galatea verlassenen Polifemo – unterstützt durch Projektionen – eine Einführung in die bekannte Mythologie. In einem übergroßen Goldrahmen sieht man zunächst den Zyklopen „Polifemo“ mit seiner ehemaligen Geliebten „Galatea“ sowie diese mit ihrem jungen Liebhaber „Acis“ in einem Zelt in der wilden Natur am Wasser.

Dieses idyllische Schäferbild übertragen Berger-Gorski und sein Bühnenbildner Carlos Santos gekonnt auf einen heutigen Campingplatz an einem Fluss, wo ein lebendig agierender junger Chor den Junggesellenabschied von Acis und Galatea feiert.

Es gibt in dieser Händel-Inszenierung kein statisches Rampensingen und keine vermeintlich komischen Farinelli-Kostüme, sondern ein spannendes Beziehungsdrama im Rahmen einer Hochzeitsfeier, die eskaliert, als der offensichtlich nicht eingeladene Ex „Polifemo“ in die Gesellschaft stürmt und versucht, „Galatea“ zurückzugewinnen.

Als Polifemo den Bräutigam vor den Gästen mit einem Tischbein erschlägt, verwandelt Galatea Acis – dem Mythos folgend – in einen Fluss, in dem beide Liebenden ewig vereint bleiben.

Das Publikum reagierte mit positiver Resonanz und feierte das beliebte Bach-Ensemble unter der hervorragenden Einstudierung des Barockspezialisten Beni Csillag, das junge Sängerensemble sowie die Idealbesetzung mit Christian Gil Borrelli und Ana Marqués im modernen Setting. Das Regieteam wurde für die kluge Aktualisierung der Handlung gewürdigt, ebenso wie die hervorragend geführte und immer präsente Cembalistin Katerina Orfanoudaki.

Die auf den Kanaren beliebten Musiker des Bach-Ensembles wurden bei ihrem Einzug und besonders beim Auszug nach der Aufführung frenetisch gefeiert.

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Schlußszene mit Christia Gil Borelli als Acis, Julian Henao als Silvio und Ana Marques als Galatea, im Hintergrund Jennibel Hernandez als Clori und Carla Sampedro als Filli.  Foto: Sabrina Ceballos , Auditiorio Alfredo Kraus

Dass dieser Abend so fulminant geriet, lag an der spritzigen und aufwühlenden Musizierweise des Bach-Ensembles unter Beni Csillag, einem glänzenden Sängerensemble und einer ästhetisch äußerst gelungenen Inszenierung.

So wurde dieser Abend zu einem eindrucksvollen Beweis dafür, dass Händels Musik auf den Kanaren nicht nur gepflegt, sondern lebendig weitergedacht wird.

 

Gunhild Kranz / Herdecke

 

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