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L’ANIMALE

15.03.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 16. März 2018
L’ANIMALE
Österreich / 2018
Drehbuch und Regie: Katharina Mückstein
Mit: Sophie Stockinger, Kathrin Resetarits, Dominik Warta, Jack Hofer u.a.

Wenn Österreichs eigene wichtige Festivals anstehen wie die Diagonale, ist man stolz, wenn man die eigenen Filme zeigen kann. Wenn man „L’Animale“, den zweiten abendfüllenden Film von Katharina Mückstein, allerdings als ein „Coming-Of-Age-Drama“ verkauft bekommt, reduziert man den Film sträflich. Denn hier wird viel mehr erzählt – von jungen Menschen, von der nächsten Generation, von der Schwierigkeit des Lebens im allgemeinen und vom Leben am Lande auch im besonderen. Denn diese Geschichte, die in Niederösterreich gedreht wurde, könnte sich in der Großstadt nicht so abspielen…

Katharina Mückstein selbst ist Mitte 30, sie erinnert sich wohl noch, wie es sich anfühlte, ein Teenager zu sein, weiß aber auch, was die Eltern, die auf die 40 zugehen, fühlen. Sie würfelt die Geschichte zweier Jugendlicher und ihrer Elternpaare in Kurz- und Kürzest-Szenen zusammen, will nicht mit langem Atem eine große Entwicklung zeigen, sondern tupft Situationen und Emotionen hin. Ohne den Kinobesucher im geringsten zu belehren, ohne ihm auch nur eine Ahnung zu geben, wie es weitergehen wird, wenn die Zentralfigur, die 18jährige Mati (Sophie Stockinger), am Ende ihre Maturaarbeit abgegeben hat. Mit dem Kleid für die Maturafeier, das sie mit der Mutter begutachtet hat, hat es auch begonnen…

Nein, es ist furchtbar, wenn die Zukunft so fordernd vor einem liegt, Entscheidungen „fürs Leben“ getroffen werden sollen, und wenn man so absolut nicht weiß, was man will, wenn man sich hässlich und unbehaglich fühlt, die Erwachsenen gehen einen an, die Gleichaltrigen auch, die Schule sowieso. Man versteht, dass sich Mati auf einem aufheulenden Moped am wohlsten fühlt, wenn sie und ihre Kumpels im Steinbruch (oder ist es eine Schottergrube?) herumkurven. Das ist eine Mad-Max-Welt außerhalb des realen Lebens, und das soll nie enden… Weil man, das sagt schon Goethe in der Schulstunde (die stets sehr sinnvoll dazwischen gewebt werden), schlicht und einfach Angst hat?

Mit verkürzter, rotziger, pappiger Sprache wird kommuniziert, ob mit den Kumpels auf den Mopeds, ob mit der Mutter, die ganz selbstverständlich annimmt, dass Mati zum Studieren nach Wien geht und dann am Land Tierärztin wird wie sie. Wie viele Vorteile hat sie doch, dass sie schon in der mütterlichen Praxis mitarbeiten darf…! Die Tochter sieht das aber anders – will sie wirklich, was die anderen wollen, dass sie wollen soll?

Matis Schicksal verläuft auf doppelter Ebene, zuerst nur mit Sebastian (Jack Hofer), dem Bauernsohn, der so nüchtern denkt – er übernimmt den Hof, die Frau ist Tierärztin, trifft sich doch prima, die Weichen für die absolut konventionelle Zukunft gestellt… Will Mati das? Zumal, wenn sie Carla (Julia Franz Richter) trifft, die allein lebt (und gerne eine Mutter hätte, die sich um sie kümmert… und die sich ein Studium schwer erarbeiten müsste, das andere vom Elternhaus „geschenkt“ bekommen ), die Mati nicht nur mit ihrer Selbständigkeit beeindruckt, sondern in ihr auch Gefühle erweckt, die (im Zeitrahmen dieses Films) vor der Kamera noch nicht ausgelebt werden, aber eines Tages die Frage beantworten müssen, die die Lehrerin in der Schule mit Goethe stellt: Wie viel soll man riskieren im Leben? Wenn die wütende Moped-Gang, die Matis Abweichen nicht dulden will, bei Carla den Supermarkt halb demoliert… da macht Mati noch mit. Weil man sich nicht gegen die Gruppe stellt. Oder?

Wie die konventionelle Zukunft aussieht, das zeigt die Regisseurin sehr subtil auch am Schicksal von Matis Eltern. Die waren nämlich auch einmal jung, wie sie feststellen, als sie mit den Eltern von Sebastian zusammen sitzen, sich erinnern und auf einmal schmerzlich wissen „Alt samma worden“. Und irgendwann gibt Matis Mutter, die Tierärztin (Kathrin Resetarits), auch den Erinnerungen nach und erwidert die Küsse von Sebastians Vater, des Bauern (David Oberkogler), in dem Gefühl, in der Ehe vielleicht die falsche Wahl getroffen zu haben? Denn eigentlich ist ihr Gatte (Dominik Warta) kein leidenschaftlicher Partner, sondern einer, der im Internet auf der „Happy Gay“-Website chattet… Auch seine Geschichte wird andeutungsweise erzählt.

Mosaikartig setzt sich das allgemeine Unglück zusammen. Es ist nicht hoch dramatisch, die Welt bricht nicht zusammen, aber es zeigt an der älteren Generation, wie leicht das Leben missglückt – und an der jüngeren, wie unendlich schwer es ist, an der Schwelle des Lebens zu stehen und nicht zu wissen, wie es weiter geht.

Und eigentlich versteht man nur den Titel des Films nicht, der sich auf den italienischen Schlager „L’Animale“ von Franco Battiato bezieht. Denn dass die Zeile „Ma l‘ animale che mi porto dentro non mi fa vivere felice mai“ (Das Tier in mir lässt mich nie glücklich sein) das Thema sein sollte – das hat man eigentlich nicht so empfunden. Dazu sind die Emotionen zu subtil und keinesfalls animalisch.

Renate Wagner

 

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