LAGO DI COMO / Verschiedene Spielorte : LACMUS FESTIVAL
von 11.7. bis 17.7.2023

Foto: Robert Quitta
Der Lago di Como (auch Lario genannt) ist – besonders in seinem Mittelteil – möglicherweise der schönste See der Welt. Eine solch üppige Vegetation (Zypressen, Lorbeerbäume, Kamelien, Azaleen, Rhododendren, Magnolien, Palmen etc.etc.) und eine solche Ansammlung von über die Massen prächtigen Villen (Villa d‘Este, Villa Erba, Villa Carlotta, Villa Monastero, Villa Melzi d‘Eril,Villa Sebelloni, Villa Balbiano, Villa del Balbaniello, Villa Cipressi, Villa Oleandra etc.etc.) findet man sonst nirgends – nicht einmal an den benachbarten anderen oberitalienischen Seen. Und somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass dieser von den Göttern begnadete, von der Natur geküsste, magische Ort seit jeher viele Künstler anzog, darunter auch viele Musiker: Vincenzo Bellini schrieb Teile seiner Norma in der Villa der Uraufführungs-Diva Giuditta Pasta, Franz Liszt verbrachte in Bellaggio wohl die glücklichste und produktivste Zeit seines Lebens mit der Gräfin Marie d‘Agoult, die gemeinsame Tochter Cosima wurde in Como geboren, Johannes Brahms weilte hier des öfteren als Gast von „Theaterherzog“ Georg II. von Sachsen-Meiningen, Artur Schnabel lebte und komponierte bis zu seiner Emigration nach Amerika in einem Häuschen bei Tremezzo usw.usf.
Heutzutage hat der See mit Musik nicht mehr soviel am Hut und findet sich in den Klatschspalten eher wegen der wiederholten Besuche von Hollywood-Star George Clooney und seiner Luxusgattin Amal wieder.
Das sei angesichts dieser langen und ruhmreichen musikalischen Tradition des Lago kein Zustand, befand der – mütterlicherseits aus dem Dorf Sala di Comacina stammende – italienische Dirigent und Komponist Paolo Bressan und gründete daher kurzerhand (gemeinsam mit dem kanadischen Pianisten Louis Lortie) vor sechs Jahren hier ein Festival. Der gewählte Titel – LACMUS – mag für Gäste aus deutschsprachigen Ländern (und besonders für jene, die Schwierigkeiten mit ihren Physik-und Chemieprofessoren hatten) nicht besonders attraktiv klingen, aber was soll’s: für die Attraktivität sorgen ja allein schon die atemberaubenden und nahezu unbeschreiblich schönen Spielorte…und natürlich das äußerst intelligent und kundig und liebevoll zusammengestellte Programm mit vielen unbekannten oder nicht soo bekannten (kammermusikalischen) Werken.
Die Locations waren diesen Sommer: die Villa Carlotta, die Villa Melzi d‘Eril, das Castello Durini, die Abbazia di San Benedetto in Val Perlana, la Chiesa di Sant‘Eufemia in Ossuccio, la Chiesa di Sant‘Andrea in Lenno, il Santuario della Beata Vergine del Soccorso, il Parco di Mezzagra, il Parco Teresio Olivelli, das Grand Hotel Tremezzo etc.etc.
Das Programm war unter dem Motto „Exil“ vor allem (aber nicht nur) den Jubiläen von Rachmaninov und Ligeti gewidmet). Wir hörten also in erster Linie : Musica ricercata, Etude Nr.13, Sonata, Sechs Bagatellen etc. von György Ligeti (wäre heuer 100 Jahre alt geworden) und die Sonate in g-moll, die Symphonischen Tänze, die Sonate Nr.2, die Variationen auf ein Thema von Corelli, die Etudes-Tableaux, die Preludes, die Zwölf Romanzen, das Trio éliagique etc.etc. von Sergej Rachmaninov (wäre heuer 150 geworden).
Aber auch (durchaus zum Thema Exil passend) so interessante Werke wie Martinus Duo Nr.1, Milhauds Cortège, Korngolds Drittes Streichquartett oder Kurt Weills Fünf Dreigroschenopern-Themen, arrangiert für Bläserquintett. Sehr spannend.
Einige der Stücke passten nicht g a n z in dieses „Beuteschema“, waren deshalb aber nicht weniger eindrucksvoll wie z.B. Brahms äußerst schwierige Drei Quartette, Vier Quartette, der Liebeslieder-Walzer und der Neue Liebeslieder-Walzer für Sopran, Alt, Tenor und Bass, virtuos dargeboten von Christiane Karg, (Staatsopernensemblemitglied) Patricia Nolz, Benjamin Bruns und Michael Nagy, vierhändig begleitet von den zwei künstlerischen Leitern Louis Lortie und Paolo Bressan).
Eigentlich waren a l l e Konzerte schön und gut und klug gestaltet und hervorrragend musiziert.
Am unvergesslichsten wird jedoch jener magische Abend, jene magische Nacht, jenes magische Konzert in der Villa del Balbianello bleiben, die selbst für die hohen Lago-di-Como-Villen-Standards ein äußerst ungewöhnlicher, um nicht zu sagen: einzigartiger Ort ist.
Denn die „Villa“ ist (wie schon das Diminuitiv als Name sagt) eigentlich keine, sondern „nur“ ein „Spin-off“, ein „Sommerhäusl“ eine „Datscha“ der „echten“, von Kardinal Durini erbauten, Villa Balbiano.
Sie befindet sich an der Spitze einer sehr grossen, als Naturpark belassenen Halbinsel, und man muss sich den Besuch durch eine 20-30 minütige Wanderung erst verdienen. aber allein schon der erste Anblick entschädigt einen für alle Anstrengungen und für alle Zweifel, ob man überhaupt am richtigen Weg gewesen ist. Denn so etwas wie die „Il Balbaniello“ hat man nicht erwartet, und so etwas konnte man auch nicht erwarten, denn so etwas hat man auch noch nie vorher gesehen. Wie gesagt, weist die „Villa“ keinerlei Charakteristika einer Villa auf, sondern eher die einer Loggia, eines Belvedere, einer kleinen Gloriette .Und durch die geographische Lage an der Spitze einer weit in den See hineinragenden Halbinsel ist sie einerseits der Welt durch den Naturpark entrückt und bietet gleichzeitig einen ausgezeichneten Ausblick auf beide Seeufer. Wenn dann die Sonne sinkt, und in den Dörfern die Lichter angehen und ein Junggenie aus Sankt Petersburg anhebt, Rachmaninov zu spielen und eineinhalb Stunden lang damit nicht mehr aufhört, ist dies alles so überirdisch und außerirdisch schön und man wird vom Zauber des Ortes und vom Zauber der Musik dermaßen in andere Sphären teletransportiert und telekatapultiert, dass man sich gar nicht genug zwicken lassen kann, um das Ganze für real zu halten.
Und in der Tat, kaum, dass man den Heimweg – diesmal mit dem Schiff – angetreten hat, kann man schon nicht mehr glauben,dass man dergleichen erlebt haben soll und nicht einem Spuk aufgesessen ist, einem bezaubernden Spuk zwar, aber einem Spuk…
Wir wünschen den Veranstaltern jedenfalls viel Glück und Erfolg und uns selbst mehr solche unvergessliche Erlebnisse im nächsten Jahr.
Robert Quitta, Lago di Como

