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KURZBERICHTE: STRASSBURG: RUSALKA/ KARLSRUHE: DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN , DER FREISCHÜTZ

26.10.2019 | Oper


Schlussapplaus „Rusalka“ . Foto: Klaus Billand

KURZBERICHTE – STRASSBURG: RUSALKA; KARLSRUHE: DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN und DER FREISCHÜTZ vom 24.-26. Oktober 2019

Im Rahmen der Herbstkonferenz vom OPERA EUROPA mit dem Titel „Building Bridges“ wurden den Teilnehmern vier Opern-Aufführungen geboten, die ich auch als Rezensent sah. An der Opéra national du Rhin in Straßburg erlebten wir eine düstere, ja depressive „Rusalka“ als Neuinszenierung von Nicola Raab unter der guten musikalischen Leitung von Antony Hermus mit einem großartigen Wassermann von Attila Jun, einem guten Prinzen von Brian Register und einer stimmlich leicht überforderten Rusalka von Pumeza Matshikiza, die aber wenig sängerfreundlich Wichtigstes im Bett sitzend singen musste. Die Bebilderung, so einfallsreich sie zeitweise auch war, konnte insbesondere im 2. Akt auch für den „Fliegenden Holländer“ durchgehen. Wieder einmal glaubte man sich zeitweise im Kino zu wähnen, wobei im story telling bei einer dennoch sehr guten Personenregie und einer komplexen Aufteilung der Handlung auf zwei Zeitebenen erhebliche Ähnlichkeiten zur Salzburger „Médée“ dieses Sommers zu erkennen waren.


Bühnenbild „Das schlaue Füchslein“. Copyright: Klaus Billand

Am Badischen Staatstheater Karlsruhe ging es dann weiter mit einer überaus phantasievollen, wenn auch eher ganz auf Kinder zugeschnittenen Produktion des „Schlauen Füchslein“ in einer Inszenierung von Yuval Sharon, der bekanntlich „Co-Regisseur“ des Bayreuther „Lohengrin“ ist. Im Rahmen einer bestechenden technischen Animation der Walter Robot Studios auf einem dreiflächigen Bühnenscreen im Hintergrund treten die Tiere nur mit den Köpfen hervor. Die Menschen, aber auch Fuchs und Füchsin bei ihren Liebesannährungen, sind ad personam auf einer schmalen Bühnenfläche hinter dem Orchester zu erleben. Dieses entwickelt wohl auch wegen der offenen Bühnenplatzierung ein ausgezeichnetes transparentes Klangbild, das die vielen flimmernden Details der glutvollen Janácek-Partitur unter der Leitung von Justin Brown exzellent wiedergibt. Alle Sänger können voll überzeugen, so Agnieszka Tomaszewska als Füchslein Schlaukopf, Dilara Bastar als Fuchs, Ks. Armin Kolarczyk als Förster, Christina Niessen als Frau Försterin, Ks. Klaus Schneider als Schulmeister, Nathanael Tavernier a.G. als Pfarrer und Dachs sowie Seung Gi Jung als Haraschta und Landstreicher.


Schlussapplaus „Der Freischütz“. Foto: Klaus Billand

Gestern Abend folgte dann am Badischen Staatstheater Karlsruhe eine bemerkenswerte Regietheater-Inszenierung des „Freischütz“ durch die sicher nicht gerade für Konventionalität bekannte Verena Stoiber.  Das wäre ja gerade bei von Carl Maria von Webers (hoch-)romantischer Oper in unserer Realität auch kaum noch glaubhaft zu vermitteln. So deckt Stoiber mit ideenreichen und dramaturgisch stets nachvollziehbaren Regieeinfällen schon während der Ouvertüre schonungslos die ganze Falschheit, Bigotterie, und auch Borniertheit einer biedermeierlich naiv strukturierten Gesellschaft im Dorfmilieu auf und zieht im Finale mit einer exzellenten Personenregie und Mimik auch den Zynismus ihrer Führer Kuno und des Pfarrers Ottokar blank! In einem dazu bestens passenden gotischen Kirchenraum von Sophia Schneider stellt sie das gottlose Prinzip Kaspar mit dem besten Sänger des Abends, dem jungen und äußert agil spielenden Bassbariton Nicholas Brownlee mit einer gut artikulierenden, prägnanten und kraftvollen Stimme dar. In Frankfurt am Main wird er bald Jochanaan und Holländer singen, und ich bin mir sicher, dass sich da mittelfristig zumindest der „Rheingold“-Wotan anbahnt… Dorothea Herbert a.G. beeindruckt als naiv zwischen Hure und Heiliger agierende Agathe, mit einem fast perfekt intonierenden, vibratoarmen und glockenreinen Sopran. In Mönchengladbach machte sie soeben guten Eindruck als Salome und wird im kommenden Jahr in einer NI von Christof Loy am Theater an der Wien zu erleben sein. Renatus Meszar überzeugt stimmlich und darstellerisch als zynischer und gutsherrenartig agierender Erbförster sowie in Personalunion Präsident des dörflichen Schützenvereins mit Gehhilfe. Sophia Theodorides, die das Ännchen gestalterisch eindrucksvoll meistert und mit einem gefälligen Sopran interpretiert, ist die einzige, die vernünftig ist und den Durchblick hat. Das wurde nicht zuletzt unmittelbar klar aus einem allen Protagonisten einmal im Laufe der Handlung gewährten Video-Monolog im Altarraum, in dem sie ihre wahren Gefühle und Handlungsweisen unzweideutig klar machten – ein für mich zumindest neuer und in diese Produktion bestens passender dramaturgischer Einfall, durchaus auch mit humoristischen Nebeneffekten.

Der Eremit von Vazgen Gazayan sorgt mit seinem klangvollen und profunden Bass für einen Prometheus-haften Auftritt à la „Die Vögel“ von Walter Braunfels und bewirkt augenblickliches Umdenken beim zuvor Max im Rückkehrfall noch mit Kerker drohenden Dorfpfarrer Ottokar. Er wird von dem körperlich alle überragenden Ks. Edward Gauntt mit einem sehr guten Bariton gesungen. Der brasilianische Bariton Arthur Cangucu a.G. ist ein guter Kilian. Leider wird der Max von Matthias Wohlbrecht zum Manko des Abends. Mir einer allzu festsitzenden und meist verquollen klingenden Stimme mit wenig tenoralem Glanz und Resonanz kann er den Max vokal einfach nicht ausfüllen, sei denn, man hat ihn extra auch stimmlich als Agathe nicht würdigen Bräutigam in spe darstellen wollen. Das hat er nämlich schauspielerisch wirklich eindrucksvoll über die Rampe gebracht, obwohl Agathes Brautwürdigkeit wahrlich auch nicht eindeutig ist und auch sie wohl noch etwas warten sollte. Stimmlich war Wohlbrecht für mich aber eine Fehlbesetzung. Er ist sicher ein guter Mime und wohl eher im Charakterfach zu Hause.

Dennoch ein sehr guter Abend und endlich mal wieder eine „wasserdichte“ realistische Regie-Theater-Produktion, die die so oft bestrittene Relevanz dieses Inszenierungsstils einmal mehr unter Beweis stellt! Jedenfalls war das viel besser als Stoibers überzogenes „Rheingold“ in Chemnitz…

Heute Nachmittag folgt noch die Premiere von „Don Carlos“ an der Staatsoper Stuttgart in der Regie von der von mir sehr geschätzten Lotte de Beer. Dazu morgen.

(Detaillierte Rezensionen folgen).

Klaus Billand aus Karlsruhe

 

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