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KÖLN/ Theater am Tanzbrunnen: DONNA LEON IN KÖLN zur lit.cologne. Donna Leon stellt den 30. Fall für Commissario Brunetti vor.

22.03.2022 | Feuilleton

Donna Leon in Köln zur lit.Cologne

Von Andrea Matzker und Dr. Egon Schlesinger

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Donna Leon stellt den 30. Fall für Commissario Brunetti vor. Foto: Andrea Matzker

Gut gelaunt erzählte die beliebte Autorin Episoden aus ihrem Leben und dem jüngst erschienenen 30. Fall von Commissario Brunetti. Mehrfach brachte sie den fast komplett ausverkauften Saal des Theaters am Tanzbrunnen zum Lachen, obwohl zunächst ein wenig Enttäuschung darüber herrschte, dass Annett Renneberg, die beliebte Signorina Elettra aus der Serie, aus Krankheitsgründen nicht den deutschen Part der Veranstaltung übernehmen konnte, wie es ursprünglich geplant war. Also wurde auf Englisch gesprochen, Moderatorin Shelly Kupferberg las auf Deutsch, die Autorin auf Englisch und stellte lebhaft und gestenreich einige Episoden aus ihrem jüngsten Buch mit dem Titel „Flüchtiges Begehren“ vor.

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Donna Leon stellt den 30. Fall für Commissario Brunetti vor. Foto: Andrea Matzker

Doch zunächst warnte sie erst einmal die künftigen Besucher der wahrscheinlich schönsten Stadt der Welt, in der seit rund 30 Jahren ihre Kriminalromane spielen, davor, in Venedig irgendwo einen Kaffee zu trinken, denn der sei überhaupt nicht gut. Wenn, dann müsse man in das Caffè del Doge und noch einige wenige andere, rar gesäte gehen. Auch warnte sie eindrücklich vor jeglichem Verzehr von Meeresfrüchten, da die Lagune inzwischen von der Industrie in Mestre und Marghera gegenüber von Venedig auf dem Festland völlig verseucht sei. „Fishs have their own passports“, sagt sie, „inzwischen hätten die Fische auf dem großen Fischmarkt am Rialto ihre eigenen Pässe“ zur Bescheinigung ihrer Herkunft. Ansonsten kann sie sich aber nicht vorstellen, in irgendeiner anderen Stadt der Welt zu leben. Inzwischen könne sie auch nicht mehr über eine andere Stadt schreiben, da ihr jede andere Stadt viel zu fremd geworden sei nach all diesen Jahren in Venedig. Die ehemalige Weltenbummlerin ist zur überzeugten Venezianerin geworden. Wenn Sie ihn auch nicht spricht, so versteht sie sogar den venezianischen Dialekt.

Danach befragt, wie sie denn auf die Ideen zu ihren Kriminalromanen käme, erzählte sie, dass es meistens zufällig sei, und dass sie dann auf der Stelle wisse, dass sich genau aus dieser Situation ein ganzes Buch entwickeln ließe. Quasi instinktiv mache es „klick“. Wie bei vielen vorigen ihrer Werke wurde sie auch diesmal von einem winzigen Bericht ihrer Hauszeitung „Il Gazzettino“ auf einen Vorfall aufmerksam gemacht, der ihr direkt seltsam vorkam. Daher wollte sie dem Geschehen nachgehen. Zwei junge Adelssprosse hatten nach einem Unfall während einer Party zwei amerikanische Studentinnen vor dem Krankenhaus in Venedig abgelegt, schnell noch den Notruf gedrückt und waren in Windeseile mit ihrem Boot verschwunden. Warum verhielten sie sich so, wenn es doch offiziell ein Unfall war? Es war ein ganz banaler Grund: Einer der Zöglinge hatte heimlich das Luxusboot des Vaters zum Transport der beiden verletzten Mädchen entwendet und wollte nicht, dass dies auffliegt.

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Donna Leon stellt den 30. Fall für Commissario Brunetti vor. Foto: Andrea Matzker

Die mehrfach preisgekrönte Schriftstellerin engagiert sich auch bezüglich der Unterschiede zwischen Nord- und Süditalien, die sie anhand ihrer Persönlichkeiten im Roman aufführt und erklärt. So setzt sie zum Beispiel eine neapolitanische Kollegin mit dem Namen Claudia Griffoni als Kollegin ihres venezianischen Protagonisten Commissario Brunetti ein, um die Menschlichkeit und Herzlichkeit der Süditaliener besser zu beleuchten. Sie selbst ist irischen, deutschen und spanischen Ursprungs und mag überhaupt keine Vorurteile. Demnach gefällt es ihr überhaupt nicht, dass die Norditaliener die Süditaliener gerne mal als „Terroni“ bezeichnen. Auch bei ihrem kultivierten und bescheidenen Commissario selbst ist es ihr das Wichtigste, dass er als guter Mensch dasteht, auch wenn dies tatsächlich einmal zu Lasten seines polizeilichen Rufes gehen sollte, denn oft genug befindet man sich als Polizist im Zwiespalt zwischen Menschlichkeit und Pflicht. Aktuelle Missstände, die sie unverblümt anprangert, sind oft Themen in ihren Romanen.

Ebenso legt sie großen Wert darauf, dass der sizilianische Vice Questore Patta ihrer Roman-Serie, im Film gespielt von Michael Degen, vielleicht nicht immer der Sympathischste ist und ab und zu auch sehr arrogant wirken kann, abgesehen davon, dass er zwei hoffnungslose Söhne hat, die er durchfüttern muss, aber: Er ist nicht korrupt. Und das ist das Wesentliche für Donna Leon.

Die begeisterte Leserin legte schon immer ihr Augenmerk besonders auf Sprache und Satzbau. Danach befragt, ob sie sich nicht einmal zur Ruhe setzen wolle, antwortete sie lachend: „Es macht so viel Spaß!“, sagt sie, „this is fun, so much, I laugh loud, it’s so much fun!“ Es mache ihr so viel Spaß, dass sie manchmal beim Schreiben in lautes Lachen ausbreche.

Sie führte eine weitere Episode aus der venezianischen Tageszeitung an, die einer Ehefrau, die dem von ihr getöteten Ehemann das Herz entriss und dieses anschließend mit großer Genugtuung als Gericht mit dem Namen Abgusht (eine Art persischem Gulasch) zubereitete. Und was eben typisch sei für die Venezianer und ihre Hauszeitung, nicht ohne ausführliches Rezept mit genauen Dosierungsanleitungen. Sie reflektiert: „What interests me is, WHY do persons the awful things that they do“, d. h., „was mich interessiert, ist, WARUM Menschen diese schreckliche Dinge tun, die sie tun.“

Ebenso hatte sie einmal eine Initialzündung durch den Anblick des Gesichts einer Frau, das extrem durch Schönheitsoperationen geprägt war, und überhaupt nicht mehr zum Rest des Menschen an sich und des Körpers passte. Dieser Widerspruch zwischen Falten und Jugend interessierte sie. Warum diese Frau, die sie als „Superliftata“ („Supergeliftete“) bezeichnete, diese Eingriffe hat vornehmen lassen.

Die US-amerikanische Bestsellerautorin hatte die Idee zu ihrem ersten Kriminalroman während eines Besuches im venezianischen Opernhaus La Fenice. Damals arbeitete sie noch als Professorin für die englische Sprache. Seitdem wurden ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Auf eigenen Wunsch hin möchte sie nicht, dass die Krimis in Italien auf italienischer Sprache erscheinen, denn sie möchte in Venedig unerkannt bleiben, und wünscht, dass sich ihre venezianischen Freunde weiterhin unvoreingenommen ihr gegenüber verhalten können.

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Donna Leon stellt den 30. Fall für Commissario Brunetti vor. Foto: Andrea Matzker

Ihre große Passion gilt Georg Friedrich Händel, seiner Musik und seinen Interpreten. An materiellen Werten hat sie kein Interesse. Stattdessen unterstützt sie CD-Einspielungen des Orchesters Il Pomo d’Oro, schreibt Texte für deren Booklets und Programmhefte, hält Lesungen in ihren Auftritten und reist mit ihnen um die ganze Welt. Es macht sie glücklich, dass sie dazu beitragen kann, auch bisher unbekanntere Werke Georg Friedrich Händels populärer zu machen. Sie gab ein Buch heraus mit dem Titel „Tiere und Töne. Auf der Spurensuche in Händels Opern“. Ihre Kriminalromane sind derartig erfolgreich, dass es inzwischen einen Stadtplan und ein Brettspiel gibt mit den Schauplätzen der Brunetti-Romane in Venedig und ein Rezeptbuch mit dem Titel „Bei den Brunettis zu Gast“. Der 30. Fall des Commissario Brunetti heißt „Flüchtiges Begehren“ und ist beim Diogenes Verlag erschienen. Es wird nicht dabei bleiben, denn die nächsten zwei Fälle sind schon in Arbeit.

 

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