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KÖLN: THE TURN OF THE SCREW. Letzte Vorstellung der Wiederaufnahme-Serie

06.04.2015 | Oper

Köln: The Turn of the Screw                 Letzte WA-Vorstellung am 5. Mai

 Mit der 18. Vorstellung seit der Premiere am 2.11.2011 wurde die dritte Wiederaufnameserie von Benjamin Brittens „The Turn oft he Screw“ abgeschlossen. Dieses Werk in der schlüssigen, spannenden und nicht von ungefähr preisgekrönten Inszenierung von BENJAMIN SCHAD noch einmal erleben zu können, entsprang einem vielfachen Wunsch Kölner Opernfreunde. Solches Begehren ist nur allzu verständlich: Die ausdrucksraffinierte, weitgehend tonal fixierte, mit ihrer kleinen Orchesterbesetzung höchst wirkungsvoll gearbeitete und auch vokal dankbare Oper geht problemlos in die Ohren, bietet zudem Nervenkitzel wie ein Krimi. Henry James geht in seiner stoffliefernden Erzählung  von 1898 über die abgründige Macht des Bösen verschlungene Wege, ohne einen Ariadne-Faden auszulegen. Die psychologische Schwebesituation führt zu immer neuen beklemmenden Wirkungen, welche in Köln durch die Spielstätte noch verstärkt werden.

 Die Wahl der Trinitatis-Kirche war im Zusammenhang mit der (im Herbst hoffentlich abgeschlossenen)  Sanierung des alten Theater-Komplexes am Offenbach-Platz sicher nicht ganz „freiwillig“. In der „Oper am Dom“, dem ehemaligen Musical-Zelt (und gegenwärtig Hauptspielstätte) wäre Brittens Kammeroper nicht angemessen zu realisieren gewesen. Trinitatis hingegen bietet Intimität, das lange Kirchenschiff will als Spielraum allerdings erobert sein. TOBIAS FLEMMING hat es durch einen langen, bespielbaren Steg geteilt; in dessen ausgebuchtetem Zentrum gibt es ein Rondell mit Klavier und Schreibtisch als verschachteltem Mobiliar. Eine Seitenfront zeigt das Landhaus Bly  in Form simpler Papierbahnen, hinter denen sich später eine dämonische Fratzenlandschaft auftut. Die andere Seite besteht aus einer durchscheinenden Spiegelwand; hier erscheint Miss Jessel zum ersten Mal, während Peter Quint zuvor auf der Empore in Erscheinung getreten ist. Die Publikumsnähe der Aktionen nimmt den „Geisterszenen“ nichts an Hintergründigkeit, steigert die beklemmende Atmosphäre eher noch.

 „The Turn oft he Screw“ wurde in der Amtszeit von Uwe Eric Laufenberg produziert, jetzt Intendant in Wiesbaden. Am dortigen Staatstheater wird er zum  Auftakt der Mai-Festspiele Brittens Oper ebenfalls herausbringen. Er übernimmt aber nicht die Kölner Inszenierung (wäre wegen der individuellen Ortsfixierung wohl auch nicht möglich), sondern  die Arbeit von Robert Carsen für das Theater an der Wien, Premiere ebenfalls 2011. Allerdings sind Sänger aus Köln dabei. So wird CLAUDIA ROHRBACH die Gouvernante geben. In Köln erlebte man jetzt neuerlich ihr in jeder Hinsicht faszinierendes, dringliches Porträt einer emotional noch nicht ganz gefestigten jungen Frau, schwankend zwischen Verantwortung, Energie und Angst.

HELEN DONATH wird in Wiesbaden abermals die Partie der Mrs. Grose geben, nachdem sie in vergangenen Jahren häufig die Gouvernante verkörperte. Befragt, welche Rolle danach käme, verweist sie lächelnd auf ihre bald 75 Jahre, die man ihr jedoch – weiß Gott – nicht ansieht und auch in keiner Weise anhört. Eine gottbegnadete Sängerin und die Liebenswürdigkeit in Person. In Köln war sie als Deutschland-Debütantin ab 1962 Mitglied des neu etablierten Opernstudios, ohne aber danach – wie heute vielfach üblich –  ins offizielle Ensemble zu wechseln. Die  Britten-Oper holte dies quasi nach.

 Auch die restlichen Rollenvertreter von „Turn oft he Screw“ waren schon bei der Premiere dabei; nur die Besetzung des Miles wechselte von Serie zu Serie. Sängerische Begabung und darstellerische Professionalität versetzten bei den jungen Mitgliedern der CHORAKADEMIE DORTMUND jedes Mal neu in Erstaunen. Diesmal erlebte man YORICK EBERT, einen lieben Buben mit Unschuldsausstrahlung und nahezu schallplattenreifem Gesang. JI-HYUN (jetzt: Stella) AN wiederholte – kurzfristig einspringend – ihr munteres Porträt der Flora. Das „böse“ Paar Quint/Miss Jessel wurde vom australischen Tenor JOHN  HEUZENROEDER und der kolumbianischen Mezzosopranistin ADRIANA BASTIDAS GAMBOA  verkörpert. Er dämonisch belcantesk, sie mit dramatischen Reserven, welche bereits bei der Premiere erstaunt hatten. Solisten des GÜRZENICH-ORCHESTERs  gaben dem Abend unter  der prägnanten, umsichtigen Stabführung von GERRIT PRIEßNITZ angemessen schillernde Klangfarben.

 Christoph Zimmermann

 

 

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