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KÖLN/ Staatenhaus: LA FORZA DEL DESTINO. Wiederaufnahme/2. Vorstellung

27.12.2018 | Oper


Foto: Paul Leclaire

KÖLN/Staatenhaus: La forza del destino

WA-Premiere am 23. Dezember, 2. Vorstellung am 26. Dezember 2018

 Die Inszenierung von „Forza“, mit welcher sich OLIVER PY im September 2012 erstmals an einem deutschen Opernhaus vorstellte, kam in der „Oper am Dom“ heraus, dem früheren Musical-Zelt, welches inzwischen wieder diesem Genre dient. Es war die erste Station nach dem Auszug aus dem Opernhaus am Offenbach-Platz, dessen Sanierungsende derzeit mit 2023 datiert ist. Ein gutes Jahrzehnt Aushäusigkeit also – man faßt immer wieder an den Kopf. Mit dem jetzigen „Staatenhaus“ auf dem Messegelände im Stadtteil Deutz hat das Publikum aber wohl weitgehend seinen Frieden gemacht. Die Ausstattungsmöglichkeiten hier sind einigermaßen beschränkt, aber etlichen Bühnenbildnern ist es gelungen, beispielsweise die deckenstützenden Säulen des großen Saales (insgesamt gibt es drei) sinnfällig in ihre Dekorationen zu integrieren wie zuletzt Ben Baur bei „Salome“. Für Zimmermanns „Soldaten“ boten die Räumlichkeiten sogar besonders viele optische Gestaltungsfreiheiten.

Die Szene von PIERRE-ANDRÉ WEITZ für „Forza“ ist eine komplett schwarze Wandelbühne, wo Dekorationsteile (vor allem Gebäude) langsam am Auge des Zuschauers vorbei driften. Zu einer wirklichen couleur locale für die im Libretto vorgeschriebenen Bilder führt das nicht. Die Mixtur aus Kreuzen und Kabelmasten bei den rückwärtigen Projektionen scheinen die Handlungszeit in der Schwebe halten zu wollen, wie auch die Kostüme.

Da die jetzige Spielfläche ziemlich ebenerdig ist, wirken die Musiker des GÜRZENICH-ORCHESTERs optisch nachgerade in die Szene integriert, vor allem bei den Chorauftritten. Die Bühnentiefe scheint gegenüber der Premiere geschrumpft, wenn die Erinnerung nicht täuscht. Umso mehr tendieren die Chorbewegungen in Richtung Null. Pys Massenregie bietet auch sonst kaum Spannungsreiches. Auffällig und etwas gewollt ist die Einflechtung von Erinnerungsbildern. Da gibt es einen wiederholten Auftritt des toten Marquese di Calatrava, zunächst bei Leonoras Arie „Madre, pietosa vergine“, dann zum  Schluß, wo er seine erschossene Tochter mit ins Himmelreich nimmt. Der Arie des Alvaro „O tu che In seno angeli“ geht der Auftritt zweier malerisch gekleideter Atzteken voraus, auf daß niemand im Zuschauerraum aus den Augen verliert, daß Alvaro ein verachtetes Halbblut ist. Die Greuel des Krieges mit einem kleinen Mädchen zu versinnbildlichen, welches von Preziosilla eine Knarre in die Hand gedrückt bekommt und das Ballern lernt, ist total naiv. Daß die Marketenderin dann selber von Schüssen niedergenmäht wird, gehört zu den wenigen verstörenden Momenten der Inszenierung. Das weibliche Erotik-Team im Soldatenlager leistet biedere Arbeit, die Engelverkleidung eines Mannes in der Klosterszene („La vergine degli angeli“) grenzt an Geschmacksverirrung.

Man hilft sich als Zuschauer zunehmend damit, den Blick auf den Dirigenten WILL HUMBURG zu richten, welcher mit wilder, aber konziser Gestik Verdis lodernde, oft aber auch ätherisch verglimmende Musik hinreißend zum Klingen bringt. Humburg, auch im nahen Bonn speziell als Verdi-Autorität geschätzt, leitete bereits die Premiere, von der auch zwei Sängerbesetzungen erhalten geblieben sind. ADINA AARON, die farbige, schöne, schlanke und darstellerisch ungemein bewegende Sopranistin (sie singt nur zwei Vorstellungen neben der hauptsächlich beschäftigten Catherine Foster) verbindet glühenden Ausdruck mit subtilen Pianoschwebungen zumal in der Höhe auf eine Weise, daß einem die Knie weich werden. Der chinesische Baß LIANG LI ist als Padre Guardiano eine absolute Autorität.


Adriana Bastidas Gamboa. Foto: Paul Leclaire

ADRIANA BASTIDAS-GAMBOA, aus Kolumbien gebürtig und beim Kölner Ensemble in den vergangenen Jahren ganz groß aufgestiegen, pfeffert die Preziosilla mit enormem Temperament und vokaler Ausladung ins Auditorium. Der auf Hawai geborene Bariton JORDAN SHANAHAN gibt als Don Carlo bei seinem Kölner Entrée ein großartiges Rollendebüt: markanter Belcanto, durchdachte Darstellung. Als Melitone sahnt RENATO GIROLAMI beim Publikum in besonderer Weise ab. Die Karriere des Argentiniers MARCELO PUENTE an großen Bühnen ist angesichts seines Kölner Alvaro nicht ganz nachvollziehbar. Er singt plakativ, mit rustikalem Forte; die Höhen wirken meist gepreßt und flackrig, nirgends ist melodische Sensibilität auszumachen. Dabei wirkt seine Darstellung durchaus sympathisch.

Am Schluß sind Comprimario-Besetzungen zu preisen, so die von WOLFGANG SCHÖNE (Marquese) JOHN HEUZENROEDER (Trabucco) und MATTHIAS HOFFMANN (Chirurgo). Als allererstes zieht freilich REGINA RICHTER als Curra die Aufmerksamkeit auf sich. Ein emotional pralles Kurzporträt. Warum die Sängerin derzeit keine größeren Aufgaben mehr erhält, ist kaum nachvollziehbar. Vor allem aber möchte man dem bühnenintensiven INSIK CHOI (Alcalde) bald mal eine zentrale Rolle wünschen. Sein Wotan in der Kinderopern-„Walküre“ war vor kurzem ein veritabler Genuß.    

Christoph Zimmermann

 

Köln: http://www.oper.koeln/de/        Google-Recherche: Oper Köln

 

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