KÖLN / Philharmonie: Antrittskonzert von MARIE JACQUOT als neue Chefdirigentin des WDR SINFONIEORCHESTERS
18.9. 2026 (Werner Häußner)

Marie Jaquot. Foto: WDR/Taimas Ahangari
Aufbrüche in Köln: Die Bühnen der Stadt feiern gerade die Eröffnung ihrer neuen Spielstätten, die Oper bringt als erste Premiere Richard Strauss‘ „Der Rosenkavalier“. Und in der Philharmonie wird Marie Jacquot in ihrem Antrittskonzert gefeiert. Sie ist die jüngste Chefdirigentin des 1947 gegründeten WDR Sinfonieorchesters – und die erste Frau in dieser Position.
Die 1990 geborene Französin kennt ihr Handwerk von der Pike auf. Sie hat sich nach Kapellmeisterjahren in Würzburg an der Deutschen Oper am Rhein bewährt, hat die Wiener Symphoniker als Gastdirigentin regelmäßig geleitet, ist in Konzert wie Oper gleichermaßen zu Hause: Sie hat den Repertoirebetrieb an großen Häusern von Dresden bis Stuttgart erlebt und ist seit 2024 Chefdirigentin am Königlich Dänischen Theater in Kopenhagen.
Jetzt leitet sie mit dem WDR Sinfonieorchester einen Klangkörper, der in der Ersten Liga mitspielt. Schon bei ihrem ersten Gastdirigat 2022 habe zwischen ihr und dem Orchester „die Chemie sofort gestimmt“, sagt sie. Bruckner, deutsche Romantik und französische Musik nennt sie im Interview als Schwerpunkte, möchte sich aber nicht zu strikt festlegen: Kluge Programme zu konzipieren und Werke zueinander in Beziehung zu setzen ist ihr wichtiger als Zyklen oder Epochen.
So geschehen in ihrem Antrittskonzert: Die Mystik mag die Klammer zwischen dem eröffnenden „Lohengrin“-Vorspiel und dem Höhepunkt, Alexander Skrjabins „Poème de l’extase“, bilden: Der Held der Oper Richard Wagners kommt aus einem Land unnahbar menschlichen Schritten; Alexander Skrjabin sieht in der Ekstase den Weg zu einer höheren Bewusstseinsstufe, einer Verbindung mit dem Kosmos. Wagner, Skrjabin – und den für den „lieben Gott“ arbeitenden Bruckner – verbindet der Bezug ihrer Musik zu philosophisch-theologischen Denksystemen.
Flankiert von Wagner und Skrjabin erklangen in Jacquots Antrittskonzert Frédéric Chopins f-Moll-Klavierkonzert, mit perlend-glitzernder Kühle gespielt von Yulianna Avdeeva, und die symphonische Dichtung „Andromède“ der französisch-irischen Komponistin Augusta Holmès. Die begeisterte Wagner-Anhängerin war bei der Uraufführung des „Rheingold“ und bei den ersten Bayreuther Festspielen 1876 dabei, vermeidet aber bei aller klanglichen Opulenz direkte Wagner-Bezüge. Mit dem symphonischen Poem über die antike Figur der Andromeda, die von Perseus vor einem Meerungeheuer gerettet wird, bewegt sie sich dennoch in einem Konzept, das dem Dramatischen den Vorzug vor der „absoluten“ Musik gibt.
Im Aufbau der inneren Dynamik dieses Werks, in der Gewichtung der Stimmen in der üppigen Instrumentation, in der erzählerischen Rhetorik spürt man die erfahrene Operndirigentin Marie Jacquot. Kontraste und klangliche Balance, Wucht und Wehmut, Schicksalsposaunen über dem Wellenrauschen der Celli, hymnische Steigerungswogen, Geigengesang und Harfenglitzern verbinden sich zu einem Monumentalgemälde, in dem die Dirigentin die dichten Farbschichten transparent erschließt. Von der Komponistin Augusta Holmès konnte man sich bereits 2024 in ihrer Oper „La montagne noire“ in Dortmund einen Eindruck verschaffen – dieses Tongemälde zeigt erneut, dass in der verschollenen Musik von Komponistinnen noch einiges zu entdecken sein dürfte. „Andromède“ ist es wert, nachgespielt zu werden.
Zum Schluss Alexander Skrjabins „Poème de l’extase“. Ein ruhevoll schwebender Beginn mit Harfe, Flöte und Solovioline, der an Debussy erinnert, leitet eine Steigerungswelle ein, die in der Musik nur wenige Parallelen kennt. Das WDR Sinfonieorchester glänzt mit präzisen Einsätzen im dichten Irrgarten der Stimmen, mit ausgeklügelter, plastischer Balance und Abstand von jeglichem Lärmen, auch wenn der Riesenapparat – acht Hörner, fünf Trompeten, sieben Mann an diversem Schlagwerk – sich in wachsenden Stufungen von Forte anschickt zum „kühnen Flug“, der in der Ekstase zur kosmischen Menschheitserlösung führen soll.
Marie Jacquot verdeutlicht durch ein gemessenes, alle Hektik meidendes Dirigat die Nähe zum französischen Impressionismus, entfesselt in der Steigerungsdramaturgie dieser halben Stunde bis zur gewaltigen Apotheose aber auch die Kräfte der in immer wieder neuen Aufbrüchen vorwärtsdrängenden Musik und die exuberante Wucht des Klangs. Ein zu Recht gefeierter Einstieg, eine sichtlich glückliche Dirigentin und ein strahlendes Orchester: Besser hätte der Zauber dieses Anfangs nicht erblühen können.
Werner Häußner

