Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

KÖLN / „Oper am Dom“ : LA DAMNATION DE FAUST. Konzertante 2. Aufführung

12.12.2014 | Oper

KÖLN: La Damnation de Faust                  2. konzertante Aufführung am 11. Dezember 2014

  Ob Berlioz seine Légende-dramatique explizit für eine szenische Aufführung vorsah, scheint nicht ganz sicher. Die (nur mäßig erfolgreiche) Uraufführung 1846 unter der Leitung des Komponisten war jedenfalls konzertant. Dabei blieb es, bis Raoul Gunsbourg 1893 in Monte Carlo die erste Inszenierung wagte, bei starken Eingriffen in die Werksubstanz. Das tat 1964 auch Maurice Béjart in Paris, dennoch ergab sich eine markante rezeptionelle Station. Danach schien die szenische Form verbindlich, zumal das Werk szenische Fantasie besonders herausfordert. In Köln kann man auf zwei ambitionierte Produktionen zurückblicken. 1971 gab es eine von Janos Kulka dirigierte Inszenierung von Hans Neugebauer (Übernahme aus Frankfurt, 1968), 1995 eine neue, wahrhaft geniale Interpretation von Harry Kupfer (Dirigent: James Conlon).

 Dessen Faust war keine philosophische Goethe-Figur, sondern ein suchender, zerrissener Künstler, welcher in einem Elfenbeinturm Lebensvergangenheit aufarbeitete. Kupfer ließ die liebliche Musik von Marguerites Verklärung ironisierend von einem alten Grammophon auf der Bühne spielen, verweigerte damit ihren Trostcharakter. Eine beklemmende Idee, welche emotional schwer zu schaffen machte. Etwas neutraler ließ Neugebauer das Geschehen auf einem Riesenrad vonstatten gehen, Symbol eines ständigen „Tourne, tourne“.

 Die Kupfer-Arbeit wäre so schnell nicht zu übertreffen gewesen. Doch das war nicht der Grund, warum Köln jetzt die konzertante Form wählte. In der Interims-Spielstätte, einem ehemaligen Musical-Zelt, sind ständige Umbauten nur bedingt zu leisten. Deshalb gibt es derzeit einen weitgehenden En-Suite-Spielplan, durchsetzt mit musikalischen Darbietungen, was demnächst auch für Lehárs “Lustige Witwe“ gilt. Dieser Kompromiss ist vom Publikum halt mitzutragen, bis zur Neueröffnung des sanierten Theaterkomplexes am Offenbach-Platz, ein Termin, welcher aktuell übrigens Probleme aufzuwerfen scheint.

  Leider hat die „Oper am Dom“ ihre akustischen Tücken. Bei „Damnation de Faust“, von der 7. Reihe Mitte gehört, wirkten die Streicher wie unter einem Grauschleier, gewannen kaum akustische Präsenz, was das Spiel (welches in der zweiten von drei Vorstellungen ohnehin etwas vage anhob) fast sogar etwas schülerhaft erscheinen ließ. Dabei legten sich die Musiker des GÜRZENICH-ORCHESTERs ersichtlich ins Zeug, forderte MARKUS POSCHNER sie nachdrücklich heraus. Nach der Pause wirkte die Situation entspannter, begannen die Berlioz-Farben zu leuchten. Poschner leistete akribische Präzisionsarbeit, die sich besonders im Tanz der Irrlichter auszahlte. Für das Finale waren vier Harfen aufgeboten, zwei an jeder Bühnenseite, und der kleine ANTON KIRCHHOFF sang seine wenigen Worte („Marguerite“) einfach himmlisch schön.

 Das lässt sich von VESSELINA KASAROVA leider nicht sagen. Sie übernahm statt einer sämtliche drei Aufführungen, nachdem Ensemblemitglied Regina Richter krankheitsbedingt die Mitwirkung abgesagt hatte. In der letzten Saison erlebte man die Bulgarin mit einer fulminanten Dalila. Und jetzt? Unsichere melodische Formulierung, Höhenanstrengung, Intonationsschwierigkeiten. Von der Premiere (7.12.) verlautete Ähnliches – also keine Tagesform.

 BURKHARD FRITZ hat sich im dramatischen Fach bestens etabliert, ohne dass seine Stimme an Jugendklang eingebüßt hätte. Der Rezensent hat seine Jahre in Gelsenkirchen vor gut einem Jahrzehnt miterlebt. Der Aufstieg zum hohen D (Duett mit Marguerite) gelang achtbar, freilich nicht mit der tonlichen Sicherheit, dem vokalen Glanz, den 1995 David Kuebler zu bieten hatte. Der nicht zuletzt durch seine Mitwirkung in Bayreuth zu Bekanntheit gelangte SAMUEL YOUN schien in letzter Zeit die allgemeine Wertschätzung nicht immer zu bestätigen. Sein Mephistophèlès war allerdings erstklassig: prägnant im vokalen und rhetorischen Ausdruck, dramatisch vibrierend bis in die Fingerspitzen. Der junge australische Bariton LUKE STOKER gefiel in der Partie des Brander.

 Christoph Zimmermann

 

Diese Seite drucken