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KÖLN: IL PRIGIONIERO (Luigi Dallapiccola) / EKKLESIATISCHE AKTION (Bernd Alois Zimmermann). Premiere

28.03.2015 | Oper

KÖLN: Il Prigioniero (Luigi Dallapiccola) Ekklesiatische Aktion (Bernd Alois Zimmermann)                     Premiere am 27. März 2015

 Als „Renner“ dürfte die Oper Köln ihren aktuellen Doppelabend kaum kalkuliert haben. Die Kombination aus Dallapiccolas „Il Prigioniero“ und Zimmermanns „Ekklesiastische Aktion“ wurde jedoch intensiv gefeiert. Die zentralen Sänger dürften dies freilich mitbewirkt haben. So DALIA SCHAECHTER, langjähriges Ensemblemitglied, als die um ihren eingekerkerten Sohn bangende Mutter bei Dallapiccola (nahezu aktionslos, dies sängerisch und mimisch aber mühelos ausgleichend) und vielleicht noch mehr BO SKOVHUS, seit seinem Billy Budd und Onegin in den 90er Jahren als Sängerdarsteller der Sonderklasse vor Ort äußerst beliebt. Er hat die Baritonpartien in beiden Werken inne.

 Dem Gefangenen Dallapiccolas scheint der Kerkermeister zunächst wohlgesonnen, doch entpuppt er sich später als Großinquisitor, welcher dem Delinquenten auch noch die letzte Hoffnung auf Befreiung nimmt. Die Kantate Zimmermanns ist eigentlich nicht für die Bühne gedacht. Regisseur MARKUS BOTHE versteht sie als das verdichtete Bewusstsein des Dallapiccola-Protagonisten, welcher erkennen muss, dass menschliches Handeln unfrei und determiniert ist.

 Andererseits ist es noch groß genug, um destruktiv zu wirken. Dies ist denn auch der Vorwurf des Großinquisitors, wie ihn Fjodor Dostojewskij in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ schildert. Sein Angeklagter ist Jesus, und Bothe zeigt die Auseinandersetzung um irdische Verantwortung für moralisches Tun auf nachgerade brutale Weise. Eine bis heute ungelöste Problemfrage. Man erinnert sich beklommen daran, dass der Komponist BAZ kurz nach Beendigung seines Werkes Selbstmord beging. Der Kölner Abend drängt zum intensiven Nachdenken, umklammert emotional, trotz der bei Zimmermann eher spröden Musik (während die von Dallapiccola opernhaft glühend wirkt. Zäsuren und Sinn-Intensivierung schafft der Bach-Choral „Es ist genug“.

 Bei BAZ gibt sich die Inszenierung drängend, fast überhitzt (jedenfalls agieren die „Sprecher“ JÖRG RATJEN und STEPHAN REHM dergestalt), bei Dallapiccola wird man eher mit ruhigen, wenn auch vibrierenden Bildern konfrontiert. Mächtige Wirkung macht die „Kreuzigung“, optisch prägende Bildchiffre zwischen den pausenlos gegebenen Werken (Ausstattung: ROBERT SCHWEER, ergänzt durch FRITZ GNADs Videos mit mirakulös verschwimmenden Buchstaben).

 Mit seiner meißelnden Zeichengebung ist der Dortmunder GMD GABRIEL FELTZ speziell bei BAZ ein ideal lenkender Dirigent. Sänger (nachzutragen ist der pointiert und klangvoll artikulierende RAYMOND VERE als Großinquisitor) und GÜRZENICH-ORCHESTER dürfen sich bei ihm optimal aufgehoben fühlen.

 

Christoph Zimmermann

 

 

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