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KÖLN: DER VOGELHÄNDLER – halbszenisch. Premiere

17.12.2016 | Operette/Musical

KÖLN: DER VOGELHÄNDLER   (halbszenisch)           Premiere am 17. Dezember 2016

In seinem Standartwerk „Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst“ bewertet Volker Klotz das Operetten-Repertoire nach Kriterien der „Offenbachiaden“, welche den Menschen und sein Tun satirisch ins Visier nehmen. Bei solchem Blickwinkel fällt bei ihm so manches Werk unter den Tisch, welches Operettenfreunden lieb und teuer geworden ist. Viele Empfehlungen von Klotz betreffen hingegen Werke, die nicht einmal dem Namen nach bekannt sein dürften.

Carl Zellers „Vogelhändler“ hat seine Bühnentauglichkeit kontinuierlich bewiesen, ist für Klotz jedoch eine den ursprünglichen Intentionen des Genres zuwiderlaufende „erbauliche Heimat-Operette“, wobei die Wohlfühl-Rezeption außerhalb des Theaters (Radio, Platte u.a.) entsprechende Akzente zementieren half. Gleichwohl ist der „Vogelhändler“ ein Stück, welches sich mit Witz und heit’rer Laune bestens servieren lässt. Ob es aufgrund der Simplizität seines Sujets vor Deutungs-Ehrgeiz ambitionierter Regisseure stets gefeit ist, bleibe freilich dahin gestellt.

In Köln dürften in dieser Richtung von vorneherein kaum Ambitionen bestanden haben, galt es doch, für das Interim „Staatenhaus“ mal wieder eine Produktion zu liefern, die dem Publikum rundum gefällt, auch wenn es unter den aktuellen Bedingungen nur eine halbszenische sein konnte. Nun haben beispielsweise Gastspiele des Münchner Gärtnerplatz-Theaters in der Philharmonie schon mehrfach bewiesen, dass Spielfreudigkeit der Akteure fehlendes Dekor durchaus zu kompensieren in der Lage ist. Überhaupt kann „halbszenisch“ durchaus stilfördernd wirken.

Im Staatenhaus werden für drei Aufführungen (jetzt noch 26.12. und 6.1.) ein hinteres Spielpodest und Seitenhänger der parallel laufenden „Candide“-Inszenierung benutzt. Neu ist eine Hinterwand aus bunten Luftballons, welche durchscheinend illuminiert werden kann (PETRA MÖHLE). Auf den rechten Treppen (ebenfalls aus „Candide“) nimmt – nach erstem Auftritt im Auditorium – der Chor dauerhaft Platz und wird von da an aus der „halben“ Inszenierung EIKE ECKERs praktisch ausgeklammert. Der Saal mit seiner Weitläufigkeit und sogar das Orchester-Terrain gehört den Solisten, die sogar vielfach ganz hautnah zum Publikum agieren. Alle spaßen sich mächtig einen ab und scheinen das auch wirklich zu genießen. Die Regisseurin stellt an das Werk keine hintergründigen Fragen, gibt dem erotischen Quiproquo indes auf ironische Weise viel Raum, kneift andererseits nicht vor Gefühlswallungen, an denen der „Vogelhändler“ auch ziemlich reich ist. Beim Refrain von „Wia mei Ahnerl zwanzig Jahr“ wird das Publikum sogar zum seligen Mitsummen aufgefordert, hat es allerdings auch schon von sich aus verschiedentlich getan. Zellers Melodien sind nun mal echte Ohrwürmer. Fazit des Abends: Operette zum Gernhaben, Verzicht auf intellektuelle Verkrummbiegungen.

Unter ALEXANDER RUMPF leistet das GÜRZENICH-ORCHESTER beschwingte Arbeit, der Chor (SIERD QUARRÉ) singt mit spürbarer Laune. Ob die durch eine Erkältungswelle bedingten Umbesetzungen den entsprechenden Rollen zum Vorteil geraten sind, lässt sich bestenfalls vermuten, aber die neuen Sänger sind auf jeden Fall außerordentlich gute Typen. Auch wenn man sich den jungen Paul Schweinester aufgrund von Internet-Fotos als einen besonders charmanten Adam vorstellt: CARSTEN SÜSS, bereits im Wagner-Fach angelangt, ist auch als schon etwas reifer Mann ein echter Tausendsassa. Er singt gerne Operette, ist in Köln beispielsweise in Kálmàns „Csárdásfürstin“ aufgetreten (herrlich überkandidelte Inszenierung von Bernd Mottl). Kleinere Höhenschwierigkeiten tun seiner lustvollen Bühnenpräsenz keinerlei Abbruch. Der Christel gibt ELISABETH BREUER rustikale Sopranfrische und liebenswert kratzbürstiges Spieltemperament mit. Bei den Examensprofessoren ist der eingesprungene ALEXANDER FEDIN entsprechend seiner Nationalität russisch ausstaffiert, MATTHIAS HOFFMANN vom Opernstudio gibt einen köstlich aufgedrehten Tiroler. Wem die Musik von „Ich bin der Prodekan“ nicht in die Glieder fährt, dem ist nicht zu helfen.

Mit sicher platzierten Leuchttönen, welche sich zunehmend zur Linie verbinden, nimmt IVANA RUSKO als Kurfürstin für sich ein. Mit einer Partie wie der Hofdame Adelaide lässt sich auf der Bühne kaum ein Blumentopf gewinnen; dennoch Rosen aus Tirol für die resolut-launige ULRIKE HELZEL. Spielfreudig wie immer gibt sich MARTIN KOCH als Stanislaus. Seinem hellen Charaktertenor fehlt zwar etwas die lyrische Geschmeidigkeit, aber die beiden hohen C’s kommen sicher. WOLFGANG STEFAN SCHWAIGER ist vom Typ her mehr ein liebenswerter Sohn des Dorfschulzen Schneck als dieser rattenfängerische Mann selber. Irgendetwas von Papageno ist halt immer um ihn; nicht umsonst verkörperte er diese Partie noch während seiner Mitgliedschaft  zum Opernstudio.

Pause, Durchatmen – und nun das besondere Loblied auf MILJENKO TURK. Er ist ein Bühnen-Midas. Jede Rolle wird bei ihm zu Gold, jetzt der Baron Weps. Direkt klein kann man diese Partie zwar nicht nennen, aber doch wohl marginal. Wie er sie nun, bei fester, markanter Stimme, spielsouverän präsentiert und immer wieder ins Handlungszentrum rückt, ist nichts weniger als singulär. Seit 15 Jahren gehört der kroatische Bariton zum Kölner Ensemble. Möge er ihm auf ewig angehören.

Christoph Zimmermann

 

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