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KÖLN: BENVENUTO CELLINI . Wiederaufnahme-Premiere/ 2. Vorstellung

23.09.2016 | Oper

KÖLN: BENVENUTO CELLINI

WA-Premiere am 18. September          -Besuchte Zweitvorstellung am 22. September

Einen Frust über den extrem schwachen Besuch dieser Vorstellung ließen sich die Ausführenden nicht anmerken, der (trotz gedrosselter Lautstärke) geradezu euphorische Beifall war dann ja auch ein Dankeschön der besonderen Art. Da auch die beiden saisoneröffnenden Konzerte von Vivaldis „Catone in Utica“ nicht gerade überlaufen waren und bei der kommende Premiere von zwei Ravel-Einaktern auf noch stärkere Nachfrage gehofft wird, wird man sich im Leitungsbereich der Kölner Oper über die aktuelle Publikumsakzeptanz fraglos Gedanken machen (müssen). Andererseits: durch einen allzu angepassten Spielplan würde das Haus an Würde und Selbstwert verlieren.

Dass man „Benvenuto Cellini“ erneut auf den Spielplan setzt, hat fraglos mit dem besonderen Engagement von FRANCOIS-XAVIER ROTH für diesen Komponisten zu tun. Als der nunmehrige Chef des GÜRZENICH-ORCHESTERS vor einem knappen Jahr auch im Opernbereich debütierte, legte er sogleich Schwerpunkte fest: Mozart (nach „Don Giovanni“ demnächst „Figaro“) und Berlioz. Ob von diesem noch mehr kommt oder  er nur für eine auszuweitende französische Farbe steht, ist im Moment nicht bekannt. „Béatrice et Bénédict“ wäre per se heikel, die „Troyens“ freilich hochattraktiv. Doch für sie müsste notwendigerweise das sanierte Opernhaus zur Verfügung stehen, was aktueller Schätzung zufolge aber erst 2020 der Fall sein wird. Im jetzigen Staatenhaus wäre schon eher „Damnation de Faust“ vorstellbar, auch wenn die letzte (grandiose) Produktion (James Conlon/Harry Kupfer) die volle Bühnenmaschinerie beanspruchte.

Bei CARLUS PADRISSA (La Fura dels Baus) geschieht gleichfalls viel. Anders als seine Kollegin Laura Scozzi vor einem Jahr in Bonn verhält er sich tendenziell historisierend, was bei den Kostümen (CHU UROZ) besonders sichtbar wird. Der Papst-Auftritt (auf einem für den Regisseur typischen Hochwagen) gerät konventionell statisch, Der Regisseur gefällt sich weiterhin in optischen Spielereien und Symbolandeutungen, die durchaus attraktiv sind, bei wiederholtem Sehen aber an Wirkung verlieren. Zudem wird viel an der Rampe gesungen. Die beweglichen und fantasievoll illuminierten Bühnenaufbauten von ROLAND OLBETER und die an Seilen durch die Luft schwingenden Personen fesseln das Auge fraglos, doch wirkt auch hier früher oder später der Abnützungseffekt. Dass Cellinis Gehilfe Ascanio während seiner Arie (bei der KATRIN WUNDSAM ihren höhenbrillanten Mezzo nochmals aufdreht und so richtig blühen lässt) peu à peu zu einer Frau wird und sich zuletzt in Umarmungen mit dem doch eigentlich ziemlich jämmerlichen Fieramosco verliert, leuchtet noch weniger ein als einzelne Regieideen zuvor. Immerhin gibt der baritonal klangvolle MILJENKO TURK, der einzige neue Rollenvertreter im einstigen Premieren-Ensemble, diese Partie so schmierig-witzig, dass man aus dem Schmunzeln nicht heraus kommt. Turk, der auch in seiner letzten großen Rolle (in Rihms „Eroberung von Mexiko“) darstellerisch quasi 150% gab, ist eine Ausnahmeerscheinung auf der Kölner Bühne.

Die Bewunderung Padrissas für den historischen Cellini schlägt sich in ausgiebigen Zitaten aus dessen Autobiografie nieder, die während der Ouvertüre und auch später als Schriftzüge über Gazevorhang und Bühnenboden gleiten. Nicht immer vermag das Auge zu folgen. Und wenn dann noch weitere optische Einblendungen hinzu kommen, sieht man schließlich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Aber das Ganze ist natürlich ein hübsches Buchstabenfeuerwerk.

Zur „Cellini“-Partitur sagt Francois-Xavier Roth: „Sie ist nicht leicht zu entschlüsseln, bleibt kompliziert.“ Wie auch anders, denn Berlioz hat sich „immer quer gestellt gegen jegliche Erwartungshaltungen“, und das bereitet auch heute noch leichte Schwierigkeiten. Die neue Begegnung mit dem Werk bestätigt einmal mehr die konstruktive Euphorie des Komponisten, die Extatik seines Klangwillens. Francois-Xavier Roth folgt seiner Radikalität, indem er die Urfassung präsentiert. Eine Überarbeitung für Paris und vor allem die Weimarer Version boten Zugeständnisse an konventionelle Hörgewohnheiten.

Aber man kommt nicht an der Feststellung vorbei, dass die exkursive Schreibweise von Berlioz mitunter zu einer Art kompositorischen Selbstbefriedigung führt und sich in komplizierten Inspirationsideen verliert. Schon die Aufführungsdauer von dreieinhalb Stunden (ohne Pause gerechnet) ist hierfür ein Indiz. Andererseits gibt es viele Momente von Überwältigung, bei denen die kolossal schwierigen Chorpassagen einen Schwerpunkt bilden. Der CHOR DER OPER KÖLN bietet, von seinem Leiter ANDREW OLLIVANT (ganz vorne neben der Souffleuse sitzend) mit präziser Zeichengebung gelenkt, Außerordentliches. Das Gürzenich-Orchester ist im Hintergrund des Saales platziert (keine klangliche Einbußen!). Da ist eine zweite Hand trotz umfänglicher Vernetzung mit Monitoren schon sehr hilfreich. Roth interpretiert die Musik von Berlioz euphorisch, mit dramatischer Zielstrebigkeit, aber auch durchsichtig bezüglich Klang und kompositorischer Struktur; das Orchester folgt seinen Weisungen wahrhaft virtuos.

FERDINAND VON BOTHMER gibt sich in der Titelpartie wieder angenehm schlankstimmig, in den oft extremen Höhen so gut wie untadelig und überzeugt als Draufgänger auch darstellerisch. Als Teresa lässt EMILY HINDRICHS ihren hellen Sopran schimmern und glitzern. Die opéra-comique-geprägte Figur des Balducci, Teresas pädagogisch gänzlich unbedarften Papa, hat VINCENT LE TEXIER sehr komödiantisch inne, mit seinem kernigen Bass tönt der Papst NIKOLAY DIDENKOs macht- und wirkungsvoll von seinem Himmelspodest herab. In kleineren Partien fügen sich JOHN HEUZENROEDER (Francesco), LUCAS SINGER (Bernardino), WOLFGANG STEFAN SCHWAIGER (Pompeo) und ALEXANDER FEDIN (Wirt) lebendig ins Geschehen.

Es steht zu hoffen, dass die restlichen beiden Aufführungen stärkeren Zuspruch finden. Die finale Vorstellung wird als „zum letzten Mal in dieser Spielzeit“ angekündigt. Da beißt man also wohl die Zähne zusammen und bleibt am Ball.

Christoph Zimmermann

 

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