21.02.2026: Stadttheater Klagenfurt – ORFEO ED EURIDICE
Es ist vermutlich eine, wenn nicht die Ur-Frage menschlicher Existenz: die Sehnsucht nach der Überwindung des Todes, die in jeder wahren Liebe grundgelegt ist, und die in besonderer Weise im Mythos des Orpheus zum Ausdruck kommt, der die Frage noch verknüpft mit dem Ursprung und der Wirkkraft menschlichen Kunstschaffens. Die Geschichte geht zurück auf antike Dichtung, wurde versinnbildlicht in zahllosen Mosaiken, aufgenommen sogar in die frühchristliche Ikonographie, und stand folgerichtig auch an der Wiege der Kunstform Oper, wo sie zu unterschiedlichen Zeiten in neuen Werken aufgegriffen wurde. In der laufenden Saison widmet sich das Stadttheater Klagenfurt diesem Mythos gleich zweimal, zunächst der bissigen Satire von Jacques Offenbach, und nun Glucks frühklassischer Reformoper.
Gespielt wird die italienische Fassung mit der (originalen) Besetzung des Orfeo durch einen Countertenor, wodurch der klangliche Gesamteindruck gegenüber der populären Version mit Mezzosopran etwas spröder ausfällt und die Emotionen verhaltener zum Ausdruck kommen. Dabei verfügt der junge Tübinger Tobias Hechler über die nötige Kondition, um quasi im Dauereinsatz die riesige Partie mit fülliger Höhe und Mittellage souverän zu bewältigen, lediglich zum Ende hin schlichen sich einige Schärfen ein. Geradezu aus dem Vollen ihres prachtvollen und ausdrucksstarken Soprans schöpfte die Britin Keri Fuge in der weiblichen Titelpartie und konnte am unmittelbarsten berühren – geradezu schade, dass sie nicht mehr zu singen hatte. Hoch auf einer Schaukel schwebend, mit riesigen Flügeln ausgestattet, gefiel die Mexikanerin Luisa Mordel als glockenheller Amor ex machina.

Orfeo in Trauer um seine verstorbene Gattin Euridice (1. Akt) © Karlheinz Fessl
Die Inszenierung war dem Ehepaar Carolin Pienkos und Cornelius Obonya anvertraut, die man als Team für Opernregie vor allem von einigen heimischen Sommerfestivals kennt. Sie setzten bei ihrem Konzept weniger auf die Interaktion der Personen als auf „bewegte Bilder“, deren relativ stereotype Gesten auf die Bewegung des überaus präsenten Balletts (Choreografie: Riccardo De Nigris) abgestimmt waren. Das ergab zusammen mit den farbintensiven Bühnenbildern von Devin McDonough (besonders eindrucksvoll: der von erstarrten, erbleichten Toten gesäumte Weg Orfeos und Euridikes aus dem Hades in die Welt) und den Kostümen von Laura Madgé Hörmann starke (fast statische) optische Eindrücke, quasi „Bilder“, die mit dem Fortgang des Abends freilich eine gewisse Monotonie erzeugten, sodass man als Zuschauer für die dramatischen Akzente in Orfeos Auseinandersetzung mit den Furien und beim Aufstieg der beiden Liebenden aus dem Hades dankbar war. Ein bisschen schade fand ich, dass trotz der unüberhörbaren Verankerung von Orfeos Harfenspiel, immerhin sein „Schlüssel“ zum Öffnen der Unterwelt, in der Partitur dem Darsteller auf der Bühne keinerlei Instrument in die Hand gegeben wurde: so wurde die Geschichte, die bei Gluck (bzw. bei seinem Librettisten Ranieri de´Calzabigi) noch dazu gut ausgeht, um den wichtigen Aspekt verkürzt, dass der Tod nicht durch irgend einen Sterblichen überwunden wird, sondern durch den Künstler, der in der Lage ist, seiner Liebe in seiner Kunst Ausdruck zu verleihen.
Das höher positionierte Kärntner Symphonieorchester unter dem Münchener Gastdirigenten Michael Hofstetter, seines Zeichens Intendant der Internationalen Gluck-Festspiele Nürnberg, bot, zu temperamentvollem Spiel angehalten, klassischen Wohlklang, als ganzes sowie in den einzelnen Solo-Parts.
Valentino Hribernig-Körber

