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KLAGENFURT/ Stadttheater: KOMA – Definitive Fassung“ der Oper von Georg Friedrich Haas und Händl Klaus

Eine mikrotonale Grenzerfahrung in absoluter Dunkelheit

05.05.2019 | Oper

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Das Ensemble. Copyright: Stadttheater Klagenfurt/ Arnold Pöschl

Stadttheater Klagenfurt: „Definitive Fassung“ der Oper Koma von Georg Friedrich Haas und Händl Klaus
6. Aufführung in dieser Inszenierung
3. Mai 2919
Eine mikrotonale Grenzerfahrung in absoluter Dunkelheit

„Wer im Dunkeln sitzt, zündet sich einen Traum an,“ verkündet die Lyrikerin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs in einem ihrer tiefsinnigen Gedichte. Wovon aber träumt Michaela Windisch, die vermutlich nach einem gescheiterten Suizidversuch – umringt von Krankenhauspersonal und Familienangehörigen – in einem gekachelten Krankenbett liegt? Träumt sie überhaupt, oder dämmert sie nur vor sich hin? Als Wachkomapatientin kommuniziert sie jedenfalls nicht mir ihrer Umgebung, man weiß daher auch nicht, was in ihr vorgeht, wenn sie so daliegt und singend Vokalismen von sich gibt oder in unruhige Zuckungen verfällt. Zunehmend rat- und hilflos reagieren darauf nicht nur die drei Pfleger und die zwei Ärztinnen, sondern auch ihre Familie – und nicht zuletzt wohl auch das in diese Aufführung sehr geforderte Publikum.

Handlung gibt es in dieser Oper, die in ihrer Urform zunächst 2016 in Schwetzingen ihre Weltpremiere hatte und nun am 28. März in ihrer „definitiven Fassung“ in Klagenfurt am 29. März d. J. uraufgeführt worden ist, kaum, medizinisch-pflegerische Be-Handlungen können hingegen sehr wohl registriert werden. Da werden Erinnerungssplitter an gemeinsame Erlebnisse mit Michaela geäußert, man erzählt von einem Vogel, der zu Tode gekommen ist, von einer Katze, und berichtet darüber, dass sie als Mutter ihr Kind geschlagen hat. Einmal wird ihr auch ein wohlvertrauter Gegenstand, vielleicht ein selbstgestrickter Schal, in die Hände gelegt und unter ihre Nase hochgehalten. Mit derlei Aktionen hoffen die Angehörigen – auf Anweisung des ärztlichen Personals – sie aus ihrer undurchdringlichen Welt in die Wirklichkeit zurückholen zu können. Diese Szenen sind meist so angelegt, dass von den involvierten Personen nur scherenschnittartige, schwarze Umrisse wahrzunehmen sind. So wird wohl unterstrichen, dass das, was in Michaelas Innerem vorgeht, für die Außenwelt unsichtbar bleibt.
Wenn alle Personen voll zu sehen sind, dann geht es meist um körperliche Aktionen. Da wird Michaela gefüttert, massiert, gestreichelt und beruhigt, wenn sie sich erregt und mit den Händen und ihrem Oberkörper zu zittern beginnt. Und als Höhepunkt wird sie gegen Schluss hin kollektiv gewaschen und gereinigt.

Ein guter Teil der zweistündigen Aufführung ist aber in totale Finsternis getaucht: Ausdruck des Nichtwissens über den wahren Zustand der Patientin, der Unzugänglichkeit ihrer Welt und des Scheiterns jedweder Verständigung. Die undurchdringliche Dunkelheit aber schärft zudem auch alle anderen Sinne und macht vor allem eines: überaus hellhörig für die Welt der Töne: „In meiner Musik wird man für ein paar Minuten in die Situation von Steinzeitmenschen versetzt, nach dem Erlöschen des Lagerfeuers in der nächtlichen Höhle – gespannt lauschend, ob Bedrohliches auf sie zukommen könnte. Und man ist nicht alleine – gemeinsam mit Menschen ist man für ein paar Minuten lang ausschließlich auf das Hören konzentriert.“ (Komponist Georg Friedrich Haas im Programmheft)

Koma ist für das Publikum wahrlich keine einfache Kost, sondern eine Grenzerfahrung im wahrsten Sinn des Wortes. Man wird – vor allem in den immer wiederkehrenden, wenige Sekunden bis über zehn Minuten dauernden Phasen der Dunkelheit, die alles umhüllt und alle vereinnahmt, zu einem Teil des Ganzen. Man nimmt Anteil, fühlt und bangt mit. Besonders auch deshalb, weil sich Manuela (großartig die Sopranistin Ruth Weber) gerade in diesen Phasen mit ihren eindringlichen Vokalismen einmischt. Mal mit glasklaren Linien, dann wieder melancholisch wirkend und zuweilen offenbar auch ziemlich emotional eingefärbt. Nur: Man weiß nie, ob man das nur so beim Hören empfindet. Was wirklich dahinter steckt, erschließt sich einem nicht.

Das Ausgesetzt-Sein in radikaler Dunkelheit ist eine einzigartige Erfahrung, gerade in einer Zeit, in der man mit totaler Finsternis kaum mehr konfrontiert wird. Besonders herausgefordert sind dabei vor allem die Sängerinnen und Sänger sowie die Orchestermusiker. Wenn rund die Hälfte der Zeit in absoluter Dunkelheit musiziert und gespielt wird – noch dazu in einer Tonsprache, die das traditionelle Tonsystem der zwölf chromatisch gestimmten Halbtöne weit hinter sich lässt und mikrotonal angelegt ist – dann gelangen alle notgedrungen an ihre Grenzen. Das ist für die Musikerinnen und Musiker tatsächlich „eine Zumutung“, wie der Komponist zugibt. Denn es dürfte kaum genügen, dass man die Partitur auswendig lernt und dann einfach so spielt. Da auch der Dirigent unsichtbar bleibt, ist selbstverständlich ein hohes Maß an Eigenverantwortung gefragt. Dennoch geht es hier letztlich aber auch um ein Zusammenfinden im Zusammenklang. Ein jeder muss daher – wieder in den Worten des Komponisten – „präzise auf die Anderen hören“ und „mit schlafwandlerischer Sicherheit das Feuer der Klänge weiterreichen.“ Unvorstellbar, dass es gelingt. Aber: Es gelingt! Und wie! – Ein großes Lob gebührt daher dem Kärntner Sinfonieorchester unter der – man kann es nur so nennen – magischen Leitung von Bars Wiegers für die Bereitung eines einzigartigen Hörerlebnisses sowie dem Komponisten und seinem Librettisten, denen es gelungen ist, eine Situation zu schaffen, in der so etwas möglich ist.

Aus den durchwegs tadellosen sängerischen Leistungen hervorzuheben ist weiters der Countertenor Daniel Gloger, der – wie die bereits erwähnte Ruth Weber – schon bei der Schwetzinger-Aufführung dabei war und nicht nur der Mutter Michaelas seine Stimme verleiht, sondern als Bariton auch als ihr Schwager Alexander in Erscheinung tritt. Stimmlich und darstellerisch überzeugen weiters die Altistin Christiane Döcker als Frau Dr. Auer und der Bariton Stefan Zenkl als Michaelas Mann Michael.

Die nüchtern gekachelte Bühne von Nicola Reichert wird genial belebt durch die Videoprojektionen von László Zsolt Bordos. Geometrische Muster, die sich allmählich verändern und schließlich gänzlich auflösen, unterstreichen die Ungreifbarkeit und Unbegreiflichkeit des Geschehens. Einmal krabbeln Tausende Käfer empor und suggerieren, dass alles in beunruhigender, unkontrollierbarer Bewegung ist.
Die Regie von Immo Karaman sorgt für eine gut koordinierte Personenführung und vertraut ansonsten auf die Kraft der Musik. Unnötig ist freilich die Szene, wo die Pfleger sich rote Nasen aufsetzten, denn es handelt sich hier gewiss um kein Kinderkrankenhaus, in dem Cliniclowns einen Auftritt hinlegen sollten. Die letzte Viertelstunde zieht sich dramaturgisch wie auch musikalisch etwas in die Länge. Es gab davor ein eindrucksvolles Tableau, bei dem man meinte, das könnte schon der effektvolle Schluss gewesen sein. Es handelt sich um die pieta-artig aufgebaute Szene, als die vor dem Ertrinken Gerettete von allen zärtlich umfasst und aufgerichtet wird: Der eindrucksvollste und in der Erinnerung stärkste Moment einer außergewöhnlichen Aufführung, deren Besuch – es gibt im Mai noch drei Vorstellungen – an zeitgenössischem Musiktheater Interessierten mit Nachdruck ans Herz gelegt wird.

Manfred A. Schmid

 

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