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KLAGENFURT/ Stadttheater: COSI FAN TUTTE. Anscheinend auch an der Seine. Premiere

01.11.2026 | Oper in Österreich

Klagenfurt: “COSI FAN TUTTE“ – 31.10.2026

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 „Cosí fan tutte“ – anscheinend auch an der Seine. Im Vordergrund Mitte Ferrando und Guglielmo, rechts Dorabella und Fiordiligi © Stadttheater Klagenfurt – Helge Bauer.

Es ist, um es mit heutigen Worten zu sagen, bekanntlich eine „toxische“ Geschichte, die dem Abbé Da Ponte da eingefallen ist (zu dessen Ehrenrettung man ins Treffen führen kann, dass wir ihm auch den „Don Giovanni“ und den „Figaro“ verdanken, mit ihrem gänzlich anderen, keineswegs chauvinistischen Blick auf die Männerwelt), deren zweifelhafter „Humor“ darin gipfelt, dass am Ende des bösen Spiels die beiden „ertappten“ Schwestern von ihren Verlobten den Tod erbitten, den sie angesichts ihrer „Vergehen“ verdienen. Hat man über so etwas je unbefangen gelacht? Oder – das Werk heißt ja im Untertitel „Die Schule der Liebenden“ – irgendeine relevante Lehre gezogen? Um die „auf der Tonspur“ dennoch prachtvolle Oper heute aufzuführen, müssen sich Regisseure also – in diesem (seltenen) Fall wohl zu Recht – „etwas einfallen“ lassen, und in Klagenfurt tut dies Regisseurin Nilufar K. Münzing (die hier erst kürzlich einen gelungenen „Liebestrank“ verantwortet hat), indem sie die Geschichte zunächst einmal nach Paris, in die Stadt der Liebe, in die 1960/70er Jahre verlegt. Das macht jene Aspekte der Handlung, die vermutlich schon Ende des 18. Jahrhunderts nur noch mit Augenzwinkern durchgegangen sind, freilich endgültig krass unglaubwürdig (aber das mag Absicht sein). Dafür sorgt ein lebendiges Wimmelbild, das unter Aufbietung einer (Über-) Fülle an für den Chor erdachten Aktivitäten gewonnen wird, unter Aufrufung sämtlicher Klischees vom Baguette unterm Arm bis zum Straßencafé mit Livemusik, zumindest optisch (Bühne: Britta Lammers, Kostüme: Uta Gruber-Ballehr) für einen ganz ansprechenden Rahmen. Einen Rahmen, in dem dann freilich unter der unübersehbaren Leuchtschrift „Liberté“ (wer wovon bzw. wozu in der Geschichte befreit wird bzw. werden soll, bleibt eigentlich unklar) und vor der Silhouette des unvermeidlichen Eiffelturms im Detail eine „Story“ erzählt wird, die stellenweise schon reichlich dick aufgetragen wirkt, sodass die angebotene Deutung eigentlich letztlich unentschieden zwischen greller Farce und wahrhaftigem Liebesdrama bleibt. Als Beispiel hierfür seien die Verkleidungen der beiden Herren als Woodstock Hippies genannt (wobei einem vor allem der Darsteller des Ferrando für seine unsägliche und unvorteilhafte Kostümierung leidtun konnte) – oder die Zucht von knallbunten Pilzen, die die beiden Damen zu Hause (!) betreiben, und die, wenn man sie nur ein bisschen gießt, bis zur Decke (und darüber hinaus) aufschießen, um schließlich als Gift für die beiden Liebhaber zu dienen.

Was insgesamt bedauerlich ist, denn der rote Faden, den Münzing der Geschichte einwebt, hätte mehr Aufmerksamkeit verdient und wurde durch das Drumherum überwuchert und somit in seiner Wirkung eher auf eine „Schlusspointe“ reduziert. Tatsächlich entspinnen sich in Klagenfurt/Paris nämlich angesichts des betrügerischen Spiels der beiden Männer mit ihren Frauen zwei ganz unterschiedliche Geschichten: während Dorabella und Guglielmo nämlich tatsächlich rasch bereit sind, sich unbefangen auf das amouröse Spiel einzulassen, wird es zwischen Fiordiligi und Ferrando, die von der Situation von Anfang an verunsichert und verstört sind, wirklich ernst. So kommt bei Ferrandos Arie „Un‘aura amorosa“ zum Ausdruck, dass das, was hier zwischen ihm und Fiordiligi abgeht, bereits kein Spiel mehr ist, da er begonnen hat, sich sie zu verlieben. Wobei ihn Fiordiligi beobachtet und ihrerseits die Zusammenhänge durchschaut, ja, die fortan mit ihrer Liebe nicht zu irgendeinem Fremden, sondern zum tatsächlichen Ferrando ringt. Am Ende, soviel steht für Münzing fest, sind die Freundschaften zerstört, es bleiben aber nach einem kurzen, tätlichen Konflikt zwei (Dorabella und Guglielmo) übrig, die „beziehungstechnisch“ durch die Finger schauen, während Fiordiligi und Ferrando als neu verbundenes Paar von dannen ziehen. (Wozu sich die beiden nach ihren großen Arien – zumindest vermeintlich – erschießen bzw. erstechen müssen, steht auf einem anderen Blatt; um den Konflikt, indem sie sich angesichts der Entwicklung ihrer Gefühle befinden, zu veranschaulichen, hätte es wohl andere Mittel gegeben.)

Musikalisch galt es innerhalb eines weitgehend ausgewogenen Ensembles als Ferrando mit dem Briten Samuel Stopford einen prachtvollen lyrischen Tenor zu entdecken, der am Beginn seiner Karriere stehend mit seiner homogenen, technisch perfekt geführten und ausdrucksstarken, modulationsfähigen Stimme aufhorchen ließ. Die Fiordiligi der Lucia Tumminelli verkörperte die im wörtlichen und übertragenen Sinn zugeknöpfte Schwester mit ihren Unsicherheiten und Hemmungen glaubwürdig – auch verfügt die Italienerin über eine ansprechende Mittellage, allerdings kämpfte sie vor allem in den beiden Arien mit den fast unsingbaren Kontrasten der Tessitura dieser vielleicht mörderischesten unter den Frauenpartien Mozarts. Die Turinerin Martina Baroni gefiel als Dorabella nicht nur durch ihren beweglichen, markanten Mezzo, sie konnte auch darstellerisch mit ihrer ausnehmend prägnanten komischen Mimik überzeugen. Ebenfalls ein begabter Komiker ist Darwin Prakash aus Mumbai, der mit dunkel timbriertem, samtigem Bariton einen machohaften Guglielmo verkörperte. Im Paris der 1960er Jahre ein Philosoph zu sein, rückte den Don Alfonso des Weißrussen Nikolay Borchev – mit schwarzem Rollkragen-Pullover, Pfeife und Brille – optisch (nicht inhaltlich natürlich) stark in die Nähe von Jean Paul Sartre, schauspielerisch und gesanglich verfügte er über die erforderliche Präsenz für den Strippenzieher des zynischen Treibens. Aus Mexiko stammt die quirlige Despina der Luisa Mordel, die die komödiantischen Möglichkeiten ihrer Rolle und stimmlich ihre Höhensicherheit mit sichtlichem und hörbarem Genuss ausspielte.

Der von Günter Wallner einstudierte Chor erfüllte seinen in der „Cosí“ ja nicht allzu großen Part zufriedenstellend und konzentrierte sich sonst auf die reichhaltigen zusätzlichen schauspielerischen Aufgaben. Das Kärntner Symphonieorchester stand unter der Leitung des Münchners Michael Hofstetter, der einen schwungvoll-temperamentvollen Zugang zur reichhaltigen Partitur Mozarts wählte, was den konditionellen Anforderungen an das Publikum sicher entgegenkam – dem hätte etwas mehr dynamische Differenzierung und die eine oder andere Phrase im Piano keinen Abbruch getan. 

Valentino Hribernig-Körber

 

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